und ich gratuliere Jakob Augstein zu diesem Satz. Ausdrücklich. Nicht, weil ich etwa die Aussage klasse finde. Sondern, weil er die tatsächliche aktuelle Weltlage trifft wie kein anderer in der letzten Zeit. Der Satz findet sich in seinem Kolumnen-Beitrag vom 17.09.2015 auf Spiegel Online mit dem Titel „Merkels Flüchtlingspolitik: Die Vertrauensfrage“.
Genauer und im Kontext schreibt er, dass Innenminister Thomas de Maizière gesagt habe: „Die Dinge sind aus dem Ruder geraten“ und das dies gegen seine Kanzlerin gegangen sei. „Die hatte die Grenzen geöffnet. De Maizière hat sie wieder geschlossen. Um das Staatsschiff wieder auf Kurs zu bringen. Aber auf welchen? Im Griechischen ist der Kybernetes der Steuermann, der dafür sorgt, dass der Kurs anliegt. Die Kybernetik ist die Lehre von der Steuerung der Systeme. Unsere Gegenwart ist ein kybernetisches Desaster. Die Mechanismen der Regulierung versagen. Nicht nur in der Flüchtlingskrise.“
Augstein nimmt also die jüngsten Ereignisse um die Flüchtlingskrise zum Anlass für eine grundlegende Kritik der politisch Handelnden.
„Bis in die Siebzigerjahre gab es im Westen ein großes Vertrauen in die steuernde Kraft der Politik“, heißt es bei Augstein weiter, dann „wurde die Politik durch die Märkte abgelöst. Da konnte man auf Kontrolle verzichten – es gab ja die Selbstregulation.“
Ja. Treffer versenkt. Unbedingt. Die Quittung dafür hatten wir ja in der Finanzkrise 2007, die in der Folge bis heute schlicht zur Staatsverschuldungskrise umdefiniert wurde.
Ich bin Augstein regelrecht dankbar, den Begriff der Kybernetik wieder mal ins Spiel gebracht zu haben. Dahinter verbirgt sich nämlich weit mehr, als bloße Regelkreistechnik.
„Cybernetics is the science of effective organization“,
sagte der britische Kybernetiker und Managementlehrer Stafford Beer.[1] Einer der wesentlichen Versuche des 20. Jahrhunderts, kybernetische Prinzipien in Politik und Wirtschaft zur Anwendung zu bringen, geht auf ihn zurück. Sein gerade angelaufenes Projekt Cybersyn zur Steuerung der chilenischen Volkswirtschaft wurde 1973 kurz nach Beginn gleich wieder ausgesetzt durch den Putsch der vom Ausland, speziell den USA, unterstützten Faschisten unter Pinochet gegen den amtierenden und demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, der selbst große Hoffnungen in dieses kybernetische Projekt gesetzt hatte.
(Nicht so ganz nebenbei bemerkt, die damalige Sowjetunion hat dem Putsch einfach zugeschaut. Den Zwangskollektivierern im Kreml war das Allende-Projekt ebenfalls nicht geheuer.)
So bleibt der letzte Aufweis, dass kybernetische Lenkung tatsächlich auch politisch funktionieren kann, weiterhin aus. Was also tun?
Wie sich unschwer feststellen lässt, funktioniert Anderes erst recht nicht, Augstein zeigt das ja. Es sind die kybernetischen Rückkopplungen, die fehlen, um große Systeme zu einem stabilen Verhalten zu führen. Frau/mann kann auch sagen, die demokratischen Rückkopplungen fehlen.
Der Medienphilosoph Vilém Flusser sieht für die Zukunft zwei mögliche Schaltpläne, der eine, die aktuell vorherrschende „Verbündelung der Massenmedien“ führe zu einer „gleichgeschalteten totalitären Massengesellschaft“.[2] Ok, der Weg dahin ist überdeutlich zu sehen.
Den anderen nennt er „Netzschaltplan“, er installiert die fehlenden kommunikativen und demokratischen Rückkopplungen und müsste laut Flusser in die Informationsgesellschaft führen, Vernetzung anstatt Verbündelung.
Und welchem „Schaltplan“ geben die Lesenden dieses Textes den Vorzug?
Wie dem auch sei, danke, Jakob Augstein, für das Stichwort.
Man kann sich natürlich mal wieder eine alte Scheibe auflegen, John Lennons „Power to the People“. Und dazu eine Flasche Rotwein aufmachen. Das ist vielleicht motivierend. Auf jeden Fall schadet es nicht.
Was in der Tat schadet, ist, aus der Digitalisierung eine Religion zu machen.
Denn Religionen verbündeln. Sie vernetzen nicht.
Fuck Digitalism!
Bestes, Nick H. Aka Joachim Paul
[1] Beer, Stafford; Brain of the Firm, Chichester, England, 1972
[2] Flusser, Vilém; Verbündelung oder Vernetzung?, in: Kursbuch Neue Medien, Bollmann Verlag, Mannheim 1995, S. 15-23




