„Unpolitisch“ – die Club-Edition

Veröffentlicht am von unter Persönliche Blogposts.

Im Helvete Club Oberhausen hat am 07.11. die umstrittene Band Horna gespielt.

Hier mehrere Artikel mit Informationen zur Band:

https://www.bnr.de/artikel/aktuelle-meldungen/horna-auf-europa-tournee

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kulturpolitik/1000434_Kritik-an-finnischem-Rechts-Metal-Konzert-in-Wiener-Club.html?em_view=

Außerdem empfehle ich (auch generell für solche Themen) die Facebookseite der „Metalfans gegen Nazis“.

Die mit dem Betreiber des Helvete auf Facebook unter einer Bewertung von mir geführte Diskussion hat dieser von Facebook heute löschen lassen. Insofern weiche ich auf meine Seite aus für die kurze Zusammenfassung.

Im Wesentlichen wurde auf meine Kritik zum Auftritt der Band nicht eingegangen, auch nicht auf die von mir aufgeführten Links, sondern diese wurde damit weggewischt, dass ich keine Ahnung habe. (Beifall/lachende Smileys gab es daraufhin von mehreren offen rechten Facebook-Accounts mit schwarzer Sonne oder Eisernem Kreuz im Profil.) Im weiteren Verlauf wurde dann relativierend ausgeführt, dass es sinngemäß egal sei, mit wem jemand Kontakte habe.

Leider habe ich nur vom Beginn der Diskussion Screenshots.

Aber die Löschung der Diskussion spricht mE. auch für sich. Auch eine bereits vor meiner Bewertung geführte Diskussion auf deren Seite zum Auftritt wurde gelöscht.

Vom Betreiber des Clubs wurde weiterhin behauptet, es habe ein Treffen mit den Linken gegeben, so dass deren Statement korrigiert würde zu dem Vorfall. Bisher scheint dies jedoch nicht der Fall:

http://www.linkeliste-ob.de/aktuell/die-linke-liste-gegen-auftritt-der-ns-black-metal-band-horna-im-helvete

Offensichtlich gab es auch vor Jahren schon Diskussionen mit dem Betreiber des Helvete über umstrittene Bands, wie eine kurze Recherche ergab:

https://www.waz.de/staedte/oberhausen/rocken-rechtsradikale-bands-im-helvete-in-oberhausen-id7249946.html

„Unpolitisch“ – die Club-Edition

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Im Helvete Club Oberhausen hat am 07.11. die umstrittene Band Horna gespielt.

Hier mehrere Artikel mit Informationen zur Band:

https://www.bnr.de/artikel/aktuelle-meldungen/horna-auf-europa-tournee

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kulturpolitik/1000434_Kritik-an-finnischem-Rechts-Metal-Konzert-in-Wiener-Club.html?em_view=

Außerdem empfehle ich (auch generell für solche Themen) die Facebookseite der „Metalfans gegen Nazis“.

Die mit dem Betreiber des Helvete auf Facebook unter einer Bewertung von mir geführte Diskussion hat dieser von Facebook heute löschen lassen. Insofern weiche ich auf meine Seite aus für die kurze Zusammenfassung.

Im Wesentlichen wurde auf meine Kritik zum Auftritt der Band nicht eingegangen, auch nicht auf die von mir aufgeführten Links, sondern diese wurde damit weggewischt, dass ich keine Ahnung habe. (Beifall/lachende Smileys gab es daraufhin von mehreren offen rechten Facebook-Accounts mit schwarzer Sonne oder Eisernem Kreuz im Profil.) Im weiteren Verlauf wurde dann relativierend ausgeführt, dass es sinngemäß egal sei, mit wem jemand Kontakte habe.

Leider habe ich nur vom Beginn der Diskussion Screenshots.

Aber die Löschung der Diskussion spricht mE. auch für sich. Auch eine bereits vor meiner Bewertung geführte Diskussion auf deren Seite zum Auftritt wurde gelöscht.

Vom Betreiber des Clubs wurde weiterhin behauptet, es habe ein Treffen mit den Linken gegeben, so dass deren Statement korrigiert würde zu dem Vorfall. Bisher scheint dies jedoch nicht der Fall:

http://www.linkeliste-ob.de/aktuell/die-linke-liste-gegen-auftritt-der-ns-black-metal-band-horna-im-helvete

Offensichtlich gab es auch vor Jahren schon Diskussionen mit dem Betreiber des Helvete über umstrittene Bands, wie eine kurze Recherche ergab:

https://www.waz.de/staedte/oberhausen/rocken-rechtsradikale-bands-im-helvete-in-oberhausen-id7249946.html

Unpolitisch?

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Facebook (nein, jetzt hier gerade mal keine Diskussion über die Plattform wegen Datenschutz etc.) ist ja, mehr noch als andere Plattformen, ein Quell der Freude für politisch interessierte Menschen. (Ich wollte doch nie zynisch werden…aber es sind schwierige Zeiten.)

Aus Gründen bin ich dort in mehreren Gruppen für Menschen mit Behinderungen. Selbst dort tummeln sich seit einiger Zeit zunehmend Menschen mit Profilen, auf denen man diverse Verschwörungstheorien, AfD-Propaganda, Rassismus, Sexismus etc. finden kann. Wenn man denn mal hingucken möchte. Denn leider ist ein recht großer Anteil der dort aktiven Menschen gerne „unpolitisch“. Auch Admins löschen dann mitunter meine Hinweise auf solche Profile und verwarnen mich.

Mich macht das wütend. In Zeiten eines offenen Rechtsrucks halte ich es für eine, gerade bei von Diskriminierung betroffenen Menschen, höchst problematische Einstellung, sich als „unpolitisch“ oder gar als offen bekennend rechts zu positionieren.

Vielleicht ist es die Hoffnung, irgendwie nicht getroffen zu werden, wenn man jetzt nur brav mitspielt beim Treten nach unten, falls eine Partei wie die AfD mal an die Macht kommt. Ich möchte euch diese Hoffnung nehmen. Denn sie ist gefährlich.

Illusion Nummer 1: Versuchen, sich rauszuhalten aus politischen Diskussionen.

Es gibt kein „unpolitisch“. Unpolitisch bedeutet, Opfer von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus etc. unter den Bus zu werfen und Täter ungehindert agieren zu lassen sowie diese zu bestätigen.

Illusion Nummer 2: Wenn ich nur mit nach unten trete, werden die Nazis mich verschonen. Und sei es nur beim Verteilen von sozialen Leistungen.

Geht es hier um Konkurrenz um Gelder, bei denen man irgendwie hofft, mehr abzubekommen, wenn man gegen Menschen Stimmung macht, die noch weniger haben?

Die AfD hat recht deutlich gemacht, wie sie zu Menschen mit Behinderungen steht. Es gab zum Beispiel eine Anfrage im Bundestag diesbezüglich. Hier mal ein Artikel dazu: https://www.bento.de/politik/afd-anfrage-zu-behinderungen-sozialverbaende-protestieren-a-00000000-0003-0001-0000-000002300908

Des Weiteren gibt sich die AfD offen sozialdarwinistisch. Und wenn wir zu ähnlichen Parteien gucken in Nachbarländern, so kann man ohne große Recherche erkennen, dass die Rechte von Arbeitnehmer*innen (12-Stunden-Woche in Österreich), Wohnungslosen (Ungarn), Frauen und von Menschen mit Behinderungen immer auf dem Spiel stehen, wenn Rechte mehr Macht erlangen. Und da reden wir noch nicht von offen gewalttätigen Nazis, die auch direkt eine Gefahr für Leib und Leben darstellen.

Es ist sinnfrei oder sogar kontraproduktiv, mit Rechten zu diskutieren, ihnen überhaupt eine Plattform zu bieten. Es ist hingegen dringend nötig, sich, wo immer es geht, deutlich gegen jede Form von rechtem Gedankengut zu stellen. Ich appelliere daher an Menschen mit Behinderungen, an Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, an Menschen, die irgendwie meinen, sie könnten sich noch raushalten: Bezieht Stellung! Duckt euch nicht feige weg. Seid solidarisch mit Betroffenen von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und allen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. In der U-Bahn, am Stammtisch, beim Sport, bei Facebook. Überall.

vordenker news August 2018

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Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

die letzte Ausgabe des vordenker newsletters ist fast ein Jahr her. In ihr präsentierten wir – als ziemlich großen Brocken – das Rudolf Kaehr Archiv nebst einer Einleitung von Eberhard von Goldammer.

Nun gibt es eine ganze Reihe kleinerer Neuigkeiten. Zunächst drei Hinweise auf Lesenswertes, Belletristisches des Autors A.J. Weigoni nebst Besprechung von Constanze Schmidt und Wissenschaftlich-Prosaisches des Physikers Willy Bierter und des Ingenieurs Ulrich Kramer.

Gotthard Günther - ArchivfotoAber der Reihe nach: Fünf im Original englische Arbeiten von Gotthard Günther liegen nun bilingual – englisch/deutsch – vor und mögen – unter anderem – weitere wichtige Einsichten zur Kybernetik und ihrer Geschichte liefern – fernab der umsichgreifenden Begriffsmissbräuche und Sprechblasenproduktionen dazu im Netz.

Warum auf Deutsch, reichen nicht die englischen Originale? Das ist sicher eine berechtigte Frage. Allerdings sind englische Texte mit einigem philosophischen Gehalt nicht jederfraumann gleichermaßen zugänglich. Deshalb haben wir uns zu diesen Übersetzungen entschlossen, die übrigens rationalisiert werden konnten durch den sehr guten Kölner Online-Übersetzer DeepL. Die Performance ist nebenbei bemerkt deutlich besser als die von Google Translate.

Gleichwohl wurden die KI-Übersetzungen in einem sorgfältigen zweischrittigen Verfahren Satz für Satz korrigiert und verbessert. Der Zeitgewinn war jedoch beträchtlich.

Eine kleine Anekdote am Rande, die englischen Texte Günthers enthalten wie zu erwarten recht häufig den Begriff „subject“. Gemeint ist hier natürlich das Subjekt als Gegensatz zum Objekt, als Teil des Begriffspärchens aus der klassischen Seinslehre. DeepL machte aus „subject“ recht häufig „Thematik“ oder „Thema“, woraus – wen wundert‘s? – ein weiteres Mal hervorgeht, dass selbst gute KI-Übersetzer monokontextural arbeiten. In einem anderen Kontext jedoch ist „Thema“ so falsch nicht, den selbstverständlich ist bei Gotthard Günther das Subjekt das Thema ;-), das menschliche zumal.

Die Arbeiten sind bilingual in zwei Spalten präsentiert. Ein Hin- und Herspringen zwischen den Sprachversionen mag so zu der ein oder anderen neuen Erkenntnis führen.

Chronologisch nach den Zeitpunkten ihres Entstehens macht Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations, Kybernetische Ontologie und transjunkte Operationen, den Anfang. Der Aufsatz wurde 1962 veröffentlicht und repräsentiert eine der ersten Arbeiten Günthers am BCL. Er ist insbesondere deshalb interessant, weil das Thema der Kontextur – wie in allen seinen Arbeiten seit den späten 50ern – darin schon implizit angesprochen ist. Zitat aus: Die gebrochene Rationalität, 1958: „Eine nicht‑aristotelische, trans‑klassische Logik ist also ein Stellenwertsystem der klassischen Logik, das die letztere sowohl in ihrer irreflexiven (von uns erlebbaren) Normalform als auch in allen überhaupt möglichen reflexiven Varianten zeigt.“ Gotthard Günther verwendete die Begrifflichkeit der Kontextur – anstelle von Wertsystem oder Stellen- bzw. Ortswertsytem – erst seit etwa 1970.

Natürliche Zahlen in transklassischen Systemen, Natural Numbers in Transclassic Systems, wurde 1971 in zwei aufeinander folgenden Ausgaben des Journal for Cybernetics publiziert. Günther widmete diesen Aufsatz dem Gedenken an Warren S. McCulloch, der im September 1969 verstarb. Der Text stellt insofern eine Besonderheit zu einer „Philosophie der Kybernetik“ dar, weil er explizit darauf insistiert, dass „Theorien der transklassischen Logik und mehrwertige Ontologien“ zu dem Zweck eingeführt werden, „um nicht die ‚essentielle Einheit‘, sondern die wesentlichen Unterschiede im Konzept einer Maschine und dessen, was Wiener das lebende Gewebe nannte, aufzuzeigen.“

A New Approach to the Logical Theory of Living Systems, ein neuer Ansatz zur logischen Theorie lebender Systeme, stammt aus dem Jahr 1972 und ist ein bislang unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags in Chicago. Es stammt aus dem Privatarchiv von Rudolf Kaehr und ist höchstwahrscheinlich – bislang wurde das nicht überprüft – identisch mit den ersten 15 Seiten in Mappe 264 im Nachlass Gotthard Günthers (Nr. 196) in der Handschriftenabteilung des Staatsarchivs Preussischer Kulturbesitz. Günther referenziert darin auf die Tarner-Lectures des Physikers Erwin Schrödinger am Trinity-College in Cambridge, die später unter dem Titel „Mind and Matter“, bzw. „Geist und Materie“ veröffentlicht wurden.

In dem bislang unveröffentlichten Aufsatz Negation and Contexture, Negation und Kontextur, aus dem Jahr 1972 begründet Günther, warum die Theorie der Monokontexturalität aufzugeben und durch eine Logik polykontexturaler Systeme zu ersetzen ist.

Den Abschluss bildet der Aufsatz Life as Polycontexturality, Leben als Polykontexturalität, aus dem Jahr 1973. Wir enthalten uns eines Kommentars und fordern stattdessen zum Lesen auf, jedoch nicht ohne den Hinweis, dass dieser Text Günthers insbesondere in der Soziologie recht häufig rezipiert wurde.

Zu Ulrich Kramer gab es schon eine Ankündigung. Ulrich Kramer leitete lange Jahre das Autolab an der Hochschule Bielefeld. Veröffentlicht ist hier eine ganze Aufsatzsammlung, „Miä Lääwaafn – Ungehaltene Reden aus nichtigem Anlass“. Miä Lääwaafn ist ein Ausdruck aus dem „Fränggischn“ und bedeutet in etwa soviel wie „Mein Leergerede“. Wie leer dieses Gerede wirklich ist, davon können sich die geschätzten Leser*innen gern selbst überzeugen. Für den schnellen Einstieg gibt es hier separat einen Auszug aus der Aufsatzsammlung mit dem Titel „Zum Ursprung der Kybernetik“ Warum? Weil es passt. Denn der Beitrag stellt die Kybernetik in philosophische und wissenschaftshistorische Bezüge, die so manchen überraschen mögen. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Der Düsseldorfer Autor A.J. Weigoni veröffentlichte unlängst einen weiteren Roman, „Lokalhelden“, der als ethnographische Exkursion in den rheinischen Alltag verstanden werden kann. Also Lokales, wohltuend im Zeitalter der Globalisierung, obwohl, global waren die Rheinländer ja schon immer, irgendwie …, globale Lokalhelden eben. Die Besprechung von Constanze Schmidt findet sich hier.

Zu guter Letzt freuen wir uns über Willy Bierter’s „Wege eines Wanderers im Morgengrauen – Auf den Spuren Gotthard Günthers in transklassischen Denk-Landschaften“, ein literarisch-handwerklich gelungener – über weite Strecken dialogischer – Grenzgang an den Rändern der klassischen Seinslehre, nebst Exkursionen und Sprüngen darüber hinaus. …. Es besteht die Hoffnung, dass dieses Buch den Zugang zum Werk des „preußischen Kybernetikphilosophen“ Gotthard Günther für einen größeren Leserkreis öffnet.

Viel Spaß beim Lesen (gerade das sollte man heutzutage öfter mal sagen), Ihr & Euer

Joachim Paul (Hg. www.vordenker.de)

Zum Ursprung der Kybernetik

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Gastbeitrag von Ulrich Kramer

Ouroboros, Burg von Ptuj, Slovenien // Foto: Johann Jaritz

 

PDF-Download des Beitrags

Editorische Einleitung: In den Medien und im Netz feiern so einige Oxymora fröhliche Urständ. Gemeint sind Begriffe, die plötzlich ihre Ergänzung durch das führende Adjektiv „kybernetisch“ erfahren, als reichen die Begriffe selbst nicht aus, um ihre Bedrohungspotentiale genügend zum Ausdruck zu bringen. Da muss die böse, „anti-aufklärerische Kriegswissenschaft Kybernetik“ (Precht) für eine dramatische Verstärkung der Gefahr herhalten. Von kybernetischem Kapitalismus ist da die Rede, von kybernetischer Überwachung, gar von kybernetischer Diktatur. Und das Silicon Valley pflege ein kybernetisches Menschenbild. Schwärzer kann man den Schimmel nicht mehr machen. Der wirklich anti-aufklärerische Effekt ist, dass ganze Interpretationsräume zum Begriff der Kybernetik einfach abgeschnitten werden. Die Verwendung als Adjektiv in den genannten Kombinationen schlägt auf den Begriff selbst zurück. Er wird diskreditiert. Und die sprachliche Präzision, die Strenge des Denkens, die Sprache gerade als Mittel der Aufklärung ist beim Teufel, ein Armutszeugnis für die so argumentierenden, meist Geisteswissenschaftler.

Ich hatte dazu reichlich verärgert aber sachlich geschrieben, hier, hier und auf Telepolis. Und Reaktionen erhalten, positive wie negative. Unter den negativen Reaktionen möchte ich nur die erwähnen, die sagten, dass das Adjektiv und der Begriff doch eher randständig seien und bestenfalls für eine Fussnote zur Fussnote reichten, es ginge doch um etwas Anderes.

Hmm, ja. Ökologie ohne Kybernetik? Nachhaltiges Wirtschaften ohne Kybernetik? Erkenntnistheorie ohne Kybernetik? No way.

Aber lassen wir das. Kybernetik ist eine Wissenschaft und gerade deshalb keine Heilslehre. Stattdessen möchte ich einen der wichtigeren Protagonisten kybernetischen Denkens in den Zeugenstand rufen, den Kybernetiker Gregory Bateson:

„Ich glaube, die Kybernetik ist der größte Bissen vom Baum der Erkenntnis, den die Menschheit in den letzten zweitausend Jahren zu sich genommen hat. Die meisten Bisse von diesem Apfel haben sich jedoch als ziemlich unverdaulich erwiesen – meistens aus kybernetischen Gründen. […] Soviel ist aber sicher, dass in der Kybernetik auch das Mittel angelegt ist, eine neue und vielleicht menschliche Weltanschauung zu erreichen, ein Mittel, unsere Philosophie der Macht zu verändern, und ein Mittel, unsere eigenen Dummheiten in einer größeren Perspektive zu sehen.“
Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, 7. Aufl., Frankfurt a.M. 1999, S. 612f

Unter den konstruktiv-kritischen Reaktionen war auch die eines Ingenieurs. Ulrich Kramer leitete lange Jahre das Autolab an der Hochschule Bielefeld. Ein erster Kontakt entstand über das Institut für Kybernetik und Systemtheorie bereits in den Neunzigern. Er übersandte mir eine ganze Aufsatzsammlung zur Veröffentlichung „Miä Lääwaafn – Ungehaltene Reden aus nichtigem Anlass“. Miä Lääwaafn ist ein Ausdruck aus dem „Fränggischn“ und bedeutet in etwa soviel wie „Mein Leergerede“. Wie leer dieses Gerede wirklich ist, davon können sich die geschätzten Leser*innen im Folgenden überzeugen. Zum Einstieg gibt es hier einen Auszug aus der Aufsatzsammlung als Beitrag im Blog für schnelle Leser sowie als PDF zum Download mit dem Titel „Zum Ursprung der Kybernetik“. Der Beitrag stellt die Kybernetik in philosophische und wissenschaftshistorische Bezüge, die so manchen überraschen mögen. Mehr soll hier nicht verraten werden. Die gesamte Aufsatzsammlung „Miä Lääwaafn“ inklusive sämtlicher Literaturverweise steht ebenfalls hier zur Verfügung.

Und nun, viel Spaß beim Lesen, Ihr Joachim Paul (Hg.)

Zum Ursprung der Kybernetik

Exitus acta probat.
(Ovid, Heroides)

Das Endziel, was immer es sei,
ist mir nichts, die Bewegung alles.
(Eduard Bernstein, 1898)

Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit Vorliebe solch krauser Probleme wie des Radfahrens annimmt: die Kybernetik. Allerdings bekommt man auf die Frage, was Kybernetik genau sei, mindestens ebenso viele Antworten wie man Experten befragt. Auf der Internetseite der US-amerikanischen Gesellschaft für Kybernetik werden nicht weniger als siebzig davon aufgezählt. Die bekannteste stammt von dem Mathematiker Norbert Wiener, dem Begründer der Kybernetik, selbst. Im Titel seines gleichnamigen Buches von 1948 heißt es bündig: Kybernetik oder Regelung und Nachrichtenübertragung in Tieren und Maschinen.

Dem Vorwort dieses Buches entnehmen wir, womit sich Wiener in den Kriegsjahren vor der Veröffentlichung hauptsächlich zu beschäftigen hatte, nämlich mit der Verbesserung der Fliegerabwehrkanonen. Die Flugzeuge erreichten bereits damals im Vergleich zu den Geschossen der Kanonen beträchtliche Geschwindigkeiten. Wollte man treffen, mussten die Geschosse zu einem Punkt geführt werden, den die Flugzeuge in der Zeit während des Geschossfluges voraussichtlich erreichen würden. Das heißt, die Feuerleiteinrichtungen benötigten einen erheblichen Vorhalt, der zum einen von den Bewegungen von Flugabwehrkanone und Flugzeug, zum anderen aber auch von den Aktivitäten des Piloten im feindlichen Flugzeug und den Fertigkeiten des Richtkanoniers abhing. Es war also wichtig, die Charakteristiken jener „menschlichen Komponenten“ zu kennen und in die mathematische Beschreibung der Geräte einfließen zu lassen, wollte man die Trefferquote erhöhen.

Angeblich soll sein Schüler Claude Shannon, der Erfinder der Informationstheorie, Wiener geradezu gedrängt haben, sich für den Begriff Kybernetik als Bezeichnung dieser neuen wissenschaftlichen Disziplin zu entscheiden: „Norbert, nimm doch Kybernetik; da weiß niemand, was du meinst, und das bringt dir in Diskussionen nur Vorteile“. Der französische Mathematiker André-Marie Ampère, auf den Wiener bei seiner etymologischen Quellensuche für das Wort Kybernetik stieß, beschrieb 1834 in einer Untersuchung die „cybernétique“ als die Kunst des Regierens von Menschen.

In dieser Spannbreite zwischen Technik, Biologie und Gesellschaft bewegen sich auch all die unterschiedlichen Interpretationen und Denkansätze von Wieners Epigonen. Eine merkenswerte stammt von dem marxistischen Philosophen Georg Klaus; er definierte Kybernetik als Theorie möglicher Verhaltensweisen allgemeiner Maschinen, oder auch als Theorie der Zusammenhänge möglicher selbstregulierender Systeme mit ihren Untersystemen. Hiervon wird noch zu sprechen sein.

Dabei fing eigentlich alles ganz harmlos an. Zu Beginn, vor bald fünfundsiebzig Jahren, im Oktober des Jahres 1943, erschien in der Zeitschrift „Philosophy of Science“ ein Artikel von Norbert Wiener, den er zusammen mit dem Physiologen Roberto Rosenblueth und dem Ingenieur Julian Bigelow unter dem Titel „Behavior, purpose, and teleology“ verfasst hatte. In ihm äußerte er sich erstmals öffentlich zu Gemeinsamkeiten im Verhalten von Lebewesen und Maschinen. Inmitten des Zweiten Weltkriegs, in dem es wie in jedem Krieg (und auf allen Seiten) um Vaterland, Ehre, Tapferkeit und Ruhm gehen sollte, musste eine solche Fragestellung reichlich frivol erscheinen.

Unter Verhalten verstanden die drei Wissenschaftler von MIT und Harvard jedwede beobachtbare Veränderung eines beliebigen Objekts in Abhängigkeit von dessen jeweiliger, mit geeigneten Sensoren erfassbaren Umgebung. Mit einem solchen Ansatz lösten die Herren einige Irritation aus, weil sie, von der als uneinnehmbar geglaubten Bastion des Behaviorismus ausgehend, den Begriff Verhalten kurzerhand von der Binnenwelt der Psychologie in die Außenwelt der Maschinen übertrugen. Damit nicht genug: um die Verhaltensweisen von Lebewesen, inklusive derer des Menschen, klassifizieren zu können, adaptierten sie in umgekehrter Richtung gewisse Eigenschaften wie die der Zweckmäßigkeit, die nach damaligem gängigem Verständnis eigentlich als spezifische Aspekte von Maschinen hätten gelten sollen. Sie wollten damit ganz allgemein Verhaltensweisen oder Handlungen kennzeichnen, die auf ein Ziel hin gerichtet sind. Unter unzweckmäßigem Verhalten verstanden sie dementsprechend Handlungen, die nicht zielgerichtet sind.

Wiener und seine Koautoren widersprachen ganz entschieden der Auffassung, alle Maschinen seien zweckmäßig. Sie begründeten dies zum einen damit, dass durchaus Maschinen, das Roulette etwa, denkbar seien, die grundsätzlich nicht zielgerichtet und somit auch nicht zweckmäßig sind, ja noch nicht einmal so konzipiert sein dürfen, sollen sie ihrer Bestimmung gemäß funktionieren. Zum anderen behaupteten sie, selbst wenn man einen Mechanismus für einen bestimmten Zweck konstruieren würde, sei es denkbar, dass die sich hieraus ergebende Maschine bei Ausführung dieses Zwecks keinem bestimmten Endzustand zustrebe und deshalb nicht als zielgerichtet gelten könne. Es handele sich dann im Umkehrschluss auch nicht um eine zweckmäßige Maschine. Die Uhr sei dafür ein besonders weit verbreitetes Beispiel.

Ferner gebe es Maschinen, beispielsweise Gewehre, die zwar dafür vorgesehen seien, ein Ziel zu treffen, denen aber dieser Zweck, sofern er nicht fest eingebaut sei, abgesprochen werden müsse, weil man damit ebenso gut ziellos in der Gegend herumschießen könne. Mit anderen Worten, Maschinen verhielten sich zweckmäßig im engeren Sinne nur dann, wenn ihnen ein zielführender Mechanismus innewohne und in ihnen wirksam sei, mit dem sie sich selbsttätig in ein Ziel steuern können. Als Beispiele für diese Kategorie Maschinen führten Wiener und seine Koautoren Torpedos an. In diesem Sinne dürfe man natürlich auch Lebewesen zweckmäßiges Verhalten attestieren, soweit dieses zielgerichtet ist.

Zur Erläuterung des dritten Begriffs in der Überschrift des Artikels, der Teleologie, muss ich etwas weiter ausholen. Obgleich die Teleologie als philosophischer Begriff erst relativ spät, nämlich 1728, von Christian Wolff eingeführt worden ist, gehört er zu jener Klasse von Kategorien, in denen gewissermaßen die gesamte zweieinhalbtausendjährige europäische Philosophiegeschichte aufscheint. In ihm konzentrieren sich vor allem die Kontroversen zwischen Mechanismus und Vitalismus, bei denen es um die Abgrenzung belebter von unbelebter Materie geht, also darum, worin Lebewesen sich von toter Materie unterscheiden. Wohingegen es gerade erklärtes Ziel des besagten Artikels war, Gemeinsamkeiten im Verhalten von Lebewesen und aus toter Materie hergestelltem technischen Gerät herauszuarbeiten.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein galt die von Aristoteles, dem Urheber des teleologischen Prinzips, stammende und durch die Kirche sanktionierte Doktrin, Leben sei der von der Form geprägte Stoff. Das formende Prinzip des Lebens nannte Aristoteles Entelechie (entelés vollständig, échein besitzen), um auszudrücken, dass das Leben sein Ziel vollständig in sich trage. Das stoffliche Prinzip bezeichnete er als dýnamis, als Möglichkeit des Stoffes nämlich, Einwirkungen zu erleiden; energeĩa (lat. Actus) stand in diesem Zusammenhang für die Einwirkung als Veränderung des Möglichen in die von der Entelechie vorgegebenen Richtung.

Mechanische Materialisten des 17. Jahrhunderts wie Pierre Gassendi oder Thomas Hobbes wollten in der gesamten Natur als Veränderungen nur mechanische Bewegungen gelten lassen, die durch Wirkursachen hervorgerufen werden: Corpus non moveri nisi impulsum a corpore contiguo et moto. Hiergegen wandten sich die Vitalisten, allen voran die Cambridger Neuplatoniker Henry More und Ralph Cudworth, die für Veränderungen in der belebten Natur besondere Lebenskräfte und plastische Naturen verantwortlich machten.

In der Auseinandersetzung mit ihnen wies Gottfried Wilhelm Leibniz die beiden sich bekämpfenden, weil einander ausschließenden Erklärungsansätze für Veränderungen, den Vitalismus wie den Materialismus, zurück. Er hielt nichts von der von Vitalisten behaupteten Allbeseeltheit der Welt, die selbst Felsbrocken oder Wasser noch eine Seele zuzusprechen gewillt waren. Aber er erachtete auch die Argumentation der Materialisten als unvollständig und zu grobschlächtig. Vielmehr wies er darauf hin, dass die Monaden als seelische Substanzen in all ihren Abstufungen überall verteilt seien und mit den gänzlich unbeseelten Substanzen in prästabilierter Harmonie existierten, in der sie trotz ihrer unterschiedlichen Qualitäten – nach Art synchron laufender Uhren verschiedener Bauart – gleichwohl alle denselben Veränderungen unterworfen seien. Auf dieser Grundlage fällte er in seinen „Betrachtungen über die Lebensprinzipien und über die plastischen Naturen“ von 1705 sein wahrhaft salomonisches Urteil:

„Es sind gewissermaßen zwei Reiche vorhanden, das der wirkenden und das der Zweckursachen, von denen jedes für sich und als wenn das andere gar nicht existierte, genügt, um im Einzelnen von allem Rechenschaft zu geben. Aber keines von beiden genügt für sich allein, wenn man auf ihren allgemeinen Ursprung sieht; denn beide gehen aus einer Quelle hervor, in der sich die Macht, die die wirkenden Ursachen zustande bringt, und die Weisheit, die die Zweckursache regelt, vereinigt finden.“

Immanuel Kant wollte dies so nicht gelten lassen und charakterisierte in der „Kritik der Urteilskraft“ (1790) Zielstrebigkeit und Zweckmäßigkeit als lediglich „regulative Prinzipien“ der reflektierenden Urteilskraft. Als „konstitutive Prinzipien“, mit denen ihre Produkte aus ihren Ursachen abgeleitet werden könnten, fielen sie ohnehin nicht mehr unter die reflektierende, sondern unter die bestimmende Urteilskraft. Eine äußere Zweckmäßigkeit könne man nur unter der Bedingung annehmen, dass etwas für sich selbst Zweck der Natur ist. Dies aber ließe sich allein auf der Grundlage von Naturbeobachtungen nicht erschließen.

Andererseits berechtige die relative Zweckmäßigkeit zu keinem absoluten teleologischen Urteil. Als Naturzweck könne ein Ding nur existieren, wenn es von sich selbst Ursache und Wirkung wäre, was hieße, ein organisches Produkt der Natur sei das, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist (Teleologie als System). In der Existenz der Natur als ganzer aber einen Zweck suchen zu wollen sei abzulehnen, weil dies über die Natur hinaus ins Metaphysische führe, auf das Kant gar nicht gut zu sprechen war.

Im Jahre 1807 erschien die „Phänomenologie des Geistes“ von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er pflichtete zunächst der Auffassung von Kant bei und bestätigte, für das beobachtende Bewusstsein sei der Zweckbegriff nur jene äußerliche, teleologische Beziehung, von der auch Kant spricht. Aber:

„Indem es (das Organische) sich in der Beziehung auf Anderes selbst erhält, ist es eben dasjenige natürliche Wesen, in welchem die Natur sich in den Begriff reflektiert, und die an der Notwendigkeit auseinandergelegten Momente einer Ursache und einer Wirkung, eines Tätigen und eines Leidenden, in eins zusammengenommen.“

Kurz gesagt, der Zweckbegriff könne nicht einfach wegdiskutiert werden, sondern gehöre bei einer umfassenden Weltbetrachtung ganz einfach mit dazu.

In der zwischen 1812 und 1816 erschienenen „Wissenschaft der Logik“ wie auch in der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ von 1817 führte Hegel den Zweck neben Mechanismus und Chemismus als etwas Drittes ein, das mit jenen beiden anderen die objektive Welt ausmache. Der Zweck habe eine objektive, mechanische und chemische Welt vor sich, auf die sich seine Tätigkeit als auf ein Vorhandenes beziehe. Er sei innerhalb der Sphäre der Objektivität anzusiedeln, wenngleich immer noch „von der Äußerlichkeit als solcher affiziert“. Hiervon ausgehend gelangte Hegel zu der revolutionären Einsicht, dass es die menschlichen Tätigkeiten seien, die mechanische und chemische Technik nämlich, durch die der Zweck zum objektiven Faktum werde. Denn der Zweck schließe sich durch ein Mittel mit der Objektivität und in dieser mit sich selbst zusammen. Das Mittel aber sei die äußerliche Mitte des Schlusses, welcher die Ausführung des Zweckes ist. Im Griechischen heißt méchos Mittel, derer sich der Mensch dabei bedient, indem er Werkzeuge, Geräte, Apparate, Maschinen verfertigt. Der Begriff Maschine hängt eng mit diesem griechischen Wort zusammen.

In der Enzyklopädie schreibt Hegel im Paragraphen 209: damit „der subjektiv gesetzte Zweck sich außer den Prozessen, worin das Objektive sich aneinander abreibt und aufhebt, halten und das in ihnen sich Erhaltende bleiben könne“, sei die „List der Vernunft“ vonnöten. Weil das Wichtigste bei Hegel oft in den kommentierenden Zusätzen steht, soll dieser (nicht in allen Enzyklopädie-Ausgaben abgedruckte) Zusatz vollständig wiedergegeben werden:

„Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten lässt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.“

Man muss sich vergegenwärtigen: diese Überlegungen sind Bestandteil einer Logik, wenngleich der Hegelschen Logik. Es mutet zunächst befremdlich an, zweckmäßiges Handeln des Menschen als logisches Schließen, also als Teil einer subjektiv geistigen Leistung präsentiert zu bekommen. Denn tatsächlich soll es sich Hegel zufolge um einen Prozess handeln, der den „distinkt als Begriff existierenden Begriff“ in die Objektivität übersetzt. Hegel, für den das Zusammenfallen des Begriffs mit dem Objekt identisch mit der Idee der Wahrheit ist, gelangt, provokant formuliert, vom subjektiven Begriff und vom subjektiven Zweck zur objektiven Wahrheit.

Mit Blick auf diese Merkwürdigkeit notierte Wladimir Iljitsch Lenin in seinem 1914 verfassten „Konspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik“ jedenfalls hocherfreut:

„Zur Idee als Wahrheit kommt Hegel über die praktische, zweckmäßige Tätigkeit des Menschen. Ganz nahes Herankommen daran, dass der Mensch durch seine Praxis die objektive Richtigkeit seiner Ideen, Begriffe, Kenntnisse, seiner Wissenschaft beweist.“

Doch kehren wir ins Jahr 1943 zurück. In ihrem Aufsatz klassifizierten Wiener, Rosenblueth und Bigelow das Verhalten beliebiger Entitäten wie im eingangs gezeigten Diagramm angedeutet. Als „teleologisch“ charakterisierten sie zweckmäßig kontrolliertes Verhalten eines aktiven Systems mit Rückkopplung (feedback), nicht ohne hervorzuheben, sie hätten dabei mit den klassischen Konnotaten der Teleologie wie „zweckgeführte Kausalität“, „Determiniertheit“, „Freiheit und Notwendigkeit“ usw. nichts im Sinn. Vielmehr würden sie damit die Vorstellung verbinden, dass es sich um zweckmäßige Reaktionen handele, die durch einen Mechanismus zur Fehlerkorrektur (negatives feedback) zu jeder Zeit auf einen gewünschten Endzustand hin, interpretiert als das Ziel des Vorgangs, gesteuert würden.

Bravo, ist man versucht zu rufen: nicht anders beschrieb Hegel, wie vor ihm bereits Kant, wenn er von der teleologischen Tätigkeit sagt, dass in ihr das Ende der Anfang, die Folge der Grund, die Wirkung die Ursache ist, auf dass sie ein „Werden des Gewordenen“ sei. Man muss kein Genie sein oder über besondere detektivische Fähigkeiten verfügen, um darin recht unverhohlen in sich geschlossene Wirkschleifen rückgekoppelter Regelkreise beschrieben zu sehen.

Kann aber als Genie gelten, wer die Philosophiegeschichte der letzten paar hundert Jahre kurzerhand ignoriert?

Ja, das geht. Norbert Wiener ging als Urheber der Kybernetik in die Annalen der Geschichte ein. In seinem gleichnamigen Buch erkor er Leibniz zum Schutzpatron seiner schönen neuen Wissenschaft, offenbar nicht ahnend, dass dessen Philosophie um weit mehr kreiste als nur um die beiden von ihm zitierten, miteinander engverwandten Begriffe einer universellen Symbolik und des Kalküls der Vernunft. Niemand anderer als Leibniz hatte, wie gezeigt, tatsächlich die bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgewärmte und letztlich auch von Wiener aufgegriffene Kontroverse zwischen Materialismus und Vitalismus fast zweihundertfünfzig Jahre davor bereits „to the limbo of badly posed questions“ verwiesen.

Aber erst Kant und Hegel haben es verstanden, das Wesen der Selbstorganisation lebendiger Organismen sowie das Zusammenwirken von Mensch und Maschine auf den Punkt zu bringen. Sie waren die eigentlichen Begründer von Wieners Kybernetik – und wieder mal hat’s keiner gemerkt.

Sage Nein!

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Über das (notwendige) Erlernen von Widerstand

„Leider ist es eine typisch deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten. Wir brauchen die Zivilcourage, ‚Nein‘ zu sagen.“

(Fritz Bauer)

Am Pfingstwochenende waren in Berlin für eine kurze Zeit mehrere Objekte, die zum Teil bereits seit Jahren leerstehen, besetzt worden.

Ein guter Zeitpunkt, um nun zum zweiten Teil des Textes („Warum brennt hier eigentlich nicht alles…?“) zu kommen.

Die bereits im ersten Teil angerissenen Fragen zu Transparenz, Ungleichheit, dem Gefühl von abgehängt sein und der oftmals daraus resultierenden Ohnmacht, sein Leben selbstbestimmt leben zu können, bringen für jedes Individuum die Problematik hervor, wie man nun mit diesen Gefühlen umgehen könnte. Es ist sinnvoll und erstrebenswert, Ohnmacht zu durchbrechen und den Versuch im Kleinen und im Großen und mit anderen zusammen zu wagen, Momente und Räume zu schaffen, die das Gefühl von Selbstwirksamkeit mindestens in kurzen Phasen ermöglichen.

Der Staat hat im Allgemeinen wenig Interesse, solche Augenblicke zuzulassen, denn es ist nicht im Sinne eines Staates, dass Menschen in größerer Anzahl gegebene Strukturen und Unterdrückungsmechanismen hinterfragen oder gar abseits gesellschaftlich geschaffener und geduldeter Protestfolklore eigene Wege des Widerstandes suchen. Es liegt daher auch in der Natur des Staates und seiner gerne autoritären Anhängerschaft, solche Versuche nicht nur rigide und mit allen Mitteln von Gewalt und Repression zu unterbinden, sondern auch Überwachung zu etablieren, die (unter dem Deckmantel von Sicherheit) jedwede Organisierung im Vorfeld ausspionieren vermag.

Umso mehr ist es eine Frage der Überwindung eigener Schranken im Kopf, diese eventuell anerzogene Hörigkeit gegenüber gesellschaftlichen Gegebenheiten zu reflektieren und eigene Vorstellungen von Legitimität zu diskutieren und zu entwickeln.

Sehnsucht nach Autorität

Wir erleben in den sozialen Medien live mit, wie um Deutungshoheit gerungen wird. Machen wir uns nichts vor: Zunächst mal wird bei Vorfällen aller Art (Aktuelle Beispiele Erlwangen, Hitzacker) gerne einfach nur der Polizeibericht kopiert. Nahezu unkommentiert und unhinterfragt. Weiterhin wird dann zumeist aus konservativer und noch rechterer Ecke gerne noch mehr gefordert. Nicht nur Rechtsstaat, sondern am besten gleich erschießen.

Woher kommt das eigentlich alles? Der Glaube, Polizei sei neutral und kein politischer Akteur?

Woher kommt im weiteren Verlauf dann die Gnadenlosigkeit? Dieser Wunsch nach Härte und Autorität? Über-Ich? Identifikation mit dem Aggressor? So ein „Die werden schon was gemacht haben“? Ist es irgendwie die vage Hoffnung, am Ende nicht zu denen zu gehören, die es erwischt?

Oder woher kommt die doch erschreckend weit verbreitete Auffassung, Gesetze seien per se richtig?

Ein großer Teil progressiver Veränderungen von Gesellschaft ist keinesfalls ohne Auseinandersetzungen erstritten worden. Heute macht man lieber bunten CSD statt sich an den Hintergrund des keinesfalls gewaltlosen Stonewall-Aufstandes zu erinnern. Aber auch der 1. Mai geht nicht auf friedliche Auseindersetzungen zurück (Stichwort: Haymarket Riot). (Übrigens alles auch im Zusammenhang mit Polizeigewalt zu betrachten.) Ähnlich verhält es sich mit dem Frauenwahlrecht. Es ist daher eine durchaus gefährliche Verdrehung von Geschichte, überall in der politischen Debatte den Narrativ der Gewaltlosigkeit aufrecht erhalten zu wollen.

Widerstand üben?!

Gerade mit unserer Historie und angesichts der aktuellen Entwicklungen zu einem ausgeweiteten Polizeirecht, was man als autoritär und als Teil des Rechtsrucks begreifen sollte, ist es mehr als notwendig, Widerstand zu üben. Unsere Erziehung, unsere Sozialisation hat uns in den meisten Fällen irgendwie beigebracht, Autoritäten zu gehorchen. Und auch die aktuelle Gesetzgebung hat sehr offensichtlich das vorrangige Ziel, Menschen vor allem zum Gehorsam zu erziehen. Sei es durch Paragrafen wie 113/114 StGB oder durch Ausbau von möglichst lückenlose Überwachung aller bis in die privatesten Bereiche. (Kurzer Exkurs: Fällt euch irgendein Gesetz ein aus den letzten 70 Jahren, was den Schutz von Menschen vor dem Staat verbessert hat? Was sagt das aus, dass man da wirklich lange ohne Ergebnis grübelt? Und warum machen das doch erschreckend viele Bürger*innen ohne zu Zucken oder gar mit Begeisterung mit? Da kommt das Schüren von Angst vor Terror doch gerade recht.)

Aber zurück zum Lernen von Widerstand:

Jetzt will ich hier natürlich nicht zu Straftaten aufrufen. Aber es ist immer sinnvoll, Regeln zu hinterfragen und seinen eigenen Kompass nicht daran auszurichten, was Gesetz ist, sondern daran, was welche Werte abbildet.

Guckt euch um, wenn ihr Gruppen/Versammlungen/Aktionen beurteilt: (frei nach Judith Butler: Welche Utopie hat eine Gruppe/Versammlung? In was für einer Gesellschaft sieht diese Gruppe sich im Idealfall in 15/20 Jahren?)

Und weitergehend muss ich die Frage auch einzeln für mich stellen: In welcher Gesellschaft möchte ich leben? Wie möchte ich, dass Menschen miteinander umgehen? Was kann ich beitragen für mehr Gerechtigkeit/gegen Ungleichheit/gegen Armut/für eine lebenswerte Umwelt etc.? Was bedeutet Solidarität für mich? Und jetzt vor allem praktisch: Wie und in welchem Umfang kann ich wo Solidarität praktisch leben? Das kann von Foodsharing bis zum Verhindern von Abschiebungen gehen. Das kann das Anmelden einer Versammlung zum Schutz anderer sein (zum Beispiel bei einer Besetzung). Oder jemandem beizustehen gegen rassistische/sexistische Sprüche in der Bahn. Wie kann ich lernen, meinen Aktionsradius zu vergrößern? Welche Regeln breche ich wo mit welchem Ziel? (Rein praktisch ist schon das Anbringen eines Stickers an eine Laterne regelwidrig. Das muss aber auch bedeuten, sich mit Folgen von Repression auseinanderzusetzen.) Von welchen Menschen/Gruppen kann ich lernen? Wozu brauche ich überhaupt irgendwelche „Autoritäten“ (Parteien, Polizei etc.)? (Wo gebe ich dadurch eigene Verantwortung auf?) Wie können wir Konflikte lösen, ohne den Staatsapparat einzubeziehen oder irgendwelche „Autoritäten“? (Diese Fragen können nur Anregung sein und sind niemals abschließend. Stellt eure eigenen Fragen (oder ergänzt gerne in den Kommentaren.))

Zum Schluss:

„Leute, die durch Geld und Kanonen vor der Wirklichkeit geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, dass sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und dass ihre eigenen zarten Gefühle und edlen Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht. Sie wollen gar nicht wissen, woher ihre Einkünfte stammen. Zugrunde liegt der unbequeme Umstand, der so schwer wahrzusagen ist, dass die Rettung des Einzelnen nicht möglich ist, dass wir gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse zu wählen haben, sondern zwischen zwei Übeln. Man kann die Welt von den Nazis beherrschen lassen, das ist ein Übel; oder man kann sie durch Krieg überwältigen, und das ist auch ein Übel. Eine andere Wahl steht uns nicht offen, und was immer wir entscheiden, wir werden nicht mit sauberen Händen davonkommen.

Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, sondern zwischen der Neigung zur Machtausübung und der Abneigung dagegen.(Orwell)

Und warum brennt hier eigentlich nicht alles?

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Über Transparenz und (fehlendes?) Klassenbewusstsein

(verfasst zusammen mit @rndm_resistance)

Auf der Re:Publica hat gestern Bernhard Pörksen in seinem Talk mit dem Titel „Filter Clash. Die große Gereiztheit der vernetzten Welt“ unter anderem auf Untersuchungen hingewiesen, die sich mit Wut im Flugzeug beschäftigen. Warum rasten Menschen aus auf Flügen? Ein Faktor ist gegeben, wenn es 1. und 2. Klasse gibt und zB. Menschen der 2. Klasse, um zu ihrem Sitzplatz zu gelangen, durch die 1. Klasse laufen müssen. Die gegenseitige Sichtbarkeit erhöht bei beiden Gruppen die Wahrscheinlichkeit für Wutausbrüche. (Die einen sehen, wie man auch reisen kann. Die anderen sind genervt, weil „der Pöbel“ durch ihre Wohlfühlzone läuft.)

Was ist eigentlich Klasse?

Im alten Rom wurde mit dem Begriff die Zugehörigkeit zu einer Steuerklasse bezeichnet, die moderne Soziologie versteht darunter nach Pierre Bourdieu im Wesentlichen eine Gemeinsamkeit im Hinblick auf wirtschaftliche Verhältnisse (z.B. in Form von Lohnabhängigkeit), aber auch auf Habitus, d.h. eingelebte Gewohnheiten (die „Manieren“ im sozialen Raum), Sprechweisen („Soziolekt“) sowie das von klein auf anerzogene Selbstverständnis, das bei „Kindern aus gutem Hause“ von Anspruchsdenken, bei Kindern aus Arbeiter*innenhaushalten von der Betonung harter Arbeit geprägt ist.

Dazwischen gibt es in der heutigen Gesellschaft diverse Abstufungen wie beispielsweise die höheren Angestellten, deren Alltag als „white-collar workers“ die Erfahrungen der Ausübung von Macht mit denen des ausgebeutet-Werdens vereint. Diese jeweiligen Zugehörigkeiten zeichnen den Lebensweg vor und formen zugleich die Lebenswelt, in der ein Mensch die Welt und seine Rolle darin kennenlernt.

Wir leben -auch Dank des Internets- in Zeiten großer Transparenz. Man kann auf Instagram verfolgen, was die Reichen und Schönen machen. Gleichzeitig nimmt in vielen Ländern die Ungleichheit der Lebensverhältnisse (wieder) zu.

Warum führt nun diese Sichtbarkeit nicht zu größeren Unruhen? Wieso wird diese Spaltung der Gesellschaft als selbstverständlich und alternativlos wahrgenommen? Wieso werden immer wieder Parteien, die eine Wirtschafts- und Sozialpolitik zu Lasten der ohnehin schon Benachteiligten machen, von genau diesen Gruppen ins Amt gewählt?

Da ist zunächst das Heilsversprechen von Leistung im Kapitalismus. Der amerikanische Traum quasi. Jede*r kann ja, wenn er/sie sich nur genug anstrengt, auch selber reich werden. (Es wird dabei gerne ausgeblendet, dass es zumindest nicht sehr wahrscheinlich ist, durch Lohnarbeit reich zu werden. In den allermeisten Fällen geschieht dies durch Erbe.) Reicht diese kleine minimale versprochene Chance also aus, um eine ungleiche Gesellschaft zu befrieden? (Für den bisher kleinen Rest an Widerstand hat man eine zunehmend durchmilitarisierte Polizei, die das dann schon mit staatlich legitimierter Gewalt regelt.)

Wenn den einen am 1. Mai gesagt wird, sie sollten lieber arbeiten gehen, während von den anderen die Einkünfte aus der überteuerten Vermietung von Immobilien als legitime Arbeit betrachtet wird, so zeigt dies deutlich, dass zumindest diese Schicht durchaus Klassenbewusstsein hat. Warren Buffett, US-Milliardär, sagte einmal live bei CNN: „Es gibt tatsächlich Klassenkampf, und meine Klasse, die der Reichen, hat ihn gewonnen.“; Henry Ford, Pionier der hochgradig spezialisierten Industriearbeit (genau die, über die Marx schrieb, dass sie den Arbeiter abstumpfe und sein vielfältiges natürliches Potenzial verkommen lasse), wird ein Zitat zugeschrieben, nach dem es „noch vor morgen“ längst eine Revolution gäbe, wenn die Mehrzahl der Leute das System der Banken und des Geldes verstünde.

Die jedoch -und das ist das Bittere- die sich abgehängt fühlen, pöbeln zwar irgendwie gegen „die da oben“, finden aber nicht den Weg zu mehr Solidarität, sondern suchen zu häufig in der rechten Ecke ihr Heil. Durch Abgrenzung gegen die, die noch weniger haben. Gegen Hartz IV-Empfänger*innen, gegen Menschen ohne Wohnung, gegen Geflüchtete. Angeheizt von Parteien, die ihre Unterstützung von denjenigen erhalten, die die Aussicht fürchten, durch die Umverteilung einen Teil des Kuchens abgeben zu müssen. Derweil werden die, die für mehr Gerechtigkeit kämpfen und solidarisch handeln dafür vom Staat kriminalisiert und von ihren Mitbürger*innen als überempfindliche, faule Unruhestifter verunglimpft.

Warum wiegen sich noch immer die meisten Menschen in diesem Land wie auch andernorts in der vermeintlichen Sicherheit, auf der Gewinnerseite zu enden, anstatt die Logik zu hinterfragen, die ihnen ihren Platz zuweist – während sie täglich beim Abendessen ihr Leid an Überarbeitung, schlechten Löhnen und narzisstischen Vorgesetzten klagen?

… Fortsetzung folgt (Arbeitstitel: Über Ohnmacht, Selbstermächtigung und das Brechen von Regeln)

Offener Brief an Richard David Precht

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Sehr geehrter Herr Precht,

viele Ihrer Positionen teile ich – insbesondere zum Themenbereich „Digitalisierung und Informationsgesellschaft“ – und halte Ihre allgemeinverständlichen und sympathischen Darstellungen der Problematik für ausgewogen, erfrischend und die gesellschaftliche Debatte bereichernd. Danke dafür!

Allerdings machten Sie am 24.04.18 in der Sendung von Markus Lanz eine Bemerkung, mit der ich so ganz und gar nicht einverstanden bin. Sie sagten „das Silicon Valley hat das Weltbild der Kybernetik“. Ähnlich äußerten Sie sich bereits 2017 in einem Interview des Focus und auch in der Spiegel-Ausgabe 2018/17 von letzter Woche.

Kybernetik hat mit der Ideologie des Silicon Valley in etwa soviel zu tun wie eine Milchkuh mit Bierbrauen. Das sage ich als im Bereich „Bildung und Digitalisierung“ beruflich tätiger Naturwissenschaftler, der sich seit 1982 u.a. mit Kybernetik beschäftigt und als ehemaliger in bildungspolitischen Fragen engagierter Abgeordneter des Landtags von NRW (Piratenfraktion).

Und nicht zuletzt als Mensch, der einige der Kybernetiker der ersten Generation noch persönlich kennengelernt hat, als charismatische Menschen mit einer hochentwickelten Ethik mit Achtung vor jeglichem Leben, als Humanisten, Links-Liberale, Anarchisten und Hyperkreative.

Kybernetik ist keine Ideologie sondern ein transdisziplinärer wissenschaftlicher Ansatz, der seit seinem Entstehen danach fragt, wie Autonomie organisiert ist, bzw. sich selbst organisiert. Die Kybernetiker fanden heraus, dass diese Organisation nicht-hierarchisch und selbstrückbezüglich ist. Man könnte Kybernetik im weiteren Sinne sogar den sog. „life-sciences“ zuordnen. Und mein Dackel bestätigt mir jeden Tag – im Rahmen seiner Möglichkeiten – diese Autonomie.

Für lesende Zeitgenossen bestätigt sich das in den Arbeiten von Warren McCulloch, Gregory Bateson, Heinz von Foerster und insbesondere im Werk des Kybernetikphilosophen Gotthard Günther, um nur vier Protagonisten der Kybernetik zu nennen.

In Ihrer Erklärung dazu bei Lanz sprachen Sie von Reiz und Reflex, das weist deutlich auf die wem auch immer sei Dank überkommenen simplen Input-Output-Denkmodelle des Behaviorismus hin. Und die haben mit Kybernetik nichts zu tun, wohl aber mit dem Silicon Valley, da haben Sie recht. Denn was dort praktiziert und algorithmisiert wird, ist nichts als hierarchisch organisierte Datenverarbeitung, EDV eben. Kybernetisches Denken – so wie ich es kennengelernt habe – ist Lichtjahre davon enfernt.

Die Projekte und Ideen des Silicon Valley sind durch und durch hierarchisch organisiert, unabhängig davon, ob deren Computer nun Räder haben – wie die sog. „autonomen“ Fahrzeuge -, oder nicht, wie die Datenstaubsauger- und Timeline-Manipulationsalgorithmen von Facebook, Google und Co. Selbstorganisierend im Valley sind lediglich die menschlichen Produktionen und Projektionen von Fiktionalem wie Superintelligenzen, Transhumanismen, Gläubigkeiten an die technologische Unsterblichkeit und anderem Nonsens.

Für das Begreifen der aktuell in vollem Gange befindlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche kann unsere denkende Reflexion gar nicht tief genug sein.

Dazu habe ich mich bereits detaillierter geäußert, u.a. hier im Blog.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass die schon in den 40ern bis 70ern des vorigen Jh. erarbeiteten Erkenntnisse aus der Kybernetik weitgehende Beiträge zur massiven Kritik dessen enthalten, was wir heute die kalifornische, die Silicon-Valley-Ideologie und ihre algorithmische Praxis nennen.

Eine Ablehnung, ein Verzicht darauf käme – aus meiner Sicht – einer Selbstbeschneidung in den Argumentationsmöglichkeiten gleich.

Ebenso wie die frühen Kybernetiker bin ich stets zum aktiven Tanz im Dialog bereit und hätte Sie diesbezüglich am 9. April morgens auf dem ICE-Bahnsteig in Düsseldorf ansprechen können. Stattdessen beließ ich es bei einem kurzen Kompliment zu Ihnen und Ihrer Arbeit, woraufhin Sie sich höflich bedankten. Denn es ist nicht meine Art, Menschen auf Reisen zuzutexten, wo man vielleicht lieber für sich sein möchte.

Aber vielleicht können wir ein Gespäch dazu einmal nachholen, das wäre schön. Sie finden mich im Raum Düsseldorf [jpaul(Klammeraffe)xpertnet.de]

Es mag Mitmenschen geben, die das Schreiben von solchen offenen Briefen für sinnlos halten, als ebenso wie Sie in das Gefüge unserer Welt eingebundener, denkender und handelnder Mitmensch teile ich diese Ansicht nicht.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr
Joachim Paul

System

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Dirk Baecker zum Systembegriff – reloaded

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Am 9. April 2018 veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Beitrag mit dem Titel „Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie? Anmerkungen zu blinden Flecken im Narrativ der Kybernetik“.

Der Soziologe Dirk Baecker sprach mir als einer der ersten seine Anerkennung aus, der Beitrag sei seiner Auffassung nach „außerordentlich hilfreich“. Und er erinnerte auch gleich daran, dass der Systembegriff in seinem Narrativ ganz ähnlichen blinden Flecken und Missverständnissen unterworfen sei wie der der Kybernetik.

Möglicherweise – und das ist jetzt meine Vermutung – liegen diesen Missverständnissen bezogen auf den Systembegriff ganz ähnliche Mechanismen der iterierten Interpretation zugrunde.

Die Schwesternschaft von Kybernetik und Systemtheorie – gemeinhin begründbar aus der Pflege auch in der Methodik ähnlicher sowie aufeinander Bezug nehmender wissenschaftlicher Fragestellungen – erhielte somit aus dem Feld der kritischen (Kriegs-)Interpretationen heraus eine weitere Komponente. Diese fällt jedoch – und das darf hier gesagt werden – in ihrem Reflexionsniveau weit hinter die kritische Selbstreflexion der VertreterInnen beider Bereiche zurück.

Wie dem auch sei, Dirk Baecker schreibt – dankenswerterweise – gegen diese Missverständnisse an, und das schon eine ganze Weile. Daher republizieren wir hier mit seiner freundlichen Genehmigung einen Beitrag mit dem Titel „System“, der 2010 im Sonderheft 6 des „Archiv für Begriffsgeschichte“ erstpubliziert wurde. Dort heißt es:

„Die Nachbarschaft von Kybernetik und Systemtheorie hat meines Erachtens nicht darin ihre Pointe, daß beide als technokratische Geheimwissenschaften der Steuerung und Kontrolle komplexer Systeme zu Zeiten des Kalten Kriegs gerade recht kamen,“

– Baecker nimmt hier Bezug auf gleich eine ganze Reihe einschlägiger Publikationen [*] –

„sondern darin, daß die von der Kybernetik verwendeten mathematischen Ideen die Möglichkeit boten, eine der zentralen Fragestellungen des bis dahin überlieferten Systembegriffs zu bearbeiten, nämlich die Fragestellung eines organismischen oder auch ganzheitlichen Systemerhalts unter der Bedingung einer rauschenden Umwelt.“

„Ganzheitlicher Systemerhalt unter der Bedingung einer rauschenden Umwelt“, der Term trägt aphoristische Züge und sprengt sogleich jeden machtpolitischen Interpretationsansatz, indem er das Telos eines kybernetischen Systems in einen epistemologischen Fragenraum stellt.

Baecker transformiert die nach McCulloch übrig gebliebenen drei ungelösten Fragestellungen der Kybernetik in sprachliche Varianten: Wie wird gezählt/gerechnet, wie wird getauscht und wie wird geordnet? Hernach rollt er den Systembegriff noch einmal aus und schlägt vor, ihn „für die Formulierung des Selbstreferenzproblems zu reservieren“.

Gleichwohl gibt es keine geschlossene Formulierung des Systembegriffs. Eine solche wäre ein Widerspruch in sich. Seine Leistung so Baecker, liege „in der Ordnung von Beobachtungen und Beschreibungen, die es mit dem Problem komplexer Phänomene aufnehmen, den Beobachter mit Einheit und Vielfalt, Öffnung und Schließung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit zugleich zu konfrontieren.“ Oder, unter Bezugnahme auf Gotthard Günther, jedoch mit anderen Worten: „Das System ist sein eigener Unruhezustand.“

Das ist subversiv im besten Sinne.

Viel Spaß beim Lesen,

Joachim Paul (Hg.)

[*] Die Originalfussnote Baeckers: „So jedoch Paul N. Edwards: The Closed World. Computers and the Politics of Discourse in Cold War America (Cambridge, Mass. 1996), und Tiqqun: Kybernetik und Revolte (Berlin 2007). Vgl. auch, tendenziell vorsichtiger, Steve J. Heims: John von Neumann and Norbert Wiener. From Mathematics to the Technologies of Live and Death (Cambridge, Mass. 1982) und N. Katherine Hayles: How We Became Posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics (Chicago 1999). Stärker um die Rekonstruktion kybernetischer Konzepte bemüht ist Andrew Pickering: Kybernetik und neue Ontologien (Berlin 2007).“

Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie? – Anmerkungen zu blinden Flecken im Narrativ der Kybernetik

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„Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.“ Martin Walser

Aufriss

„Das Menschenbild des Silicon Valley ist das der Kybernetik, nicht das der Aufklärung“, äußerte der Philosoph Richard David Precht am 16.12.2017 in einem Interview des Magazins FOCUS anlässlich einer Buchveröffentlichung. Auf die Rückfrage des Interviewers, was das denn bedeute, erläuterte er, dass „die Aufklärung“ … „den Menschen als Individuum“ betrachte, sie seinen Wunsch des Gebrauchs der Freiheit respektiere und ihn auffordere, „die eigene Urteilskraft zu schärfen, damit er als mündiger Bürger zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen“ könne. Allerdings, so führte Precht weiter aus, müsse „dieser Bürger natürlich auch eine Struktur in der Gesellschaft vorfinden, die es ihm“ ermögliche, „sich mit seinen individuellen Vorstellungen an ihr zu beteiligen.“

Grundlegend anders sei hingegen das Menschenbild der Kybernetik. Es gehe laut Precht davon aus, „dass sich der Mensch seiner Umwelt anpasst.“ … „Was Lust auslöst, das findet der Mensch gut, und was Unlust auslöst, findet er schlecht. Wenn ich also das Verhalten der Menschen verändern will, dann muss ich – wie bei Tierversuchen im Labor – einfach ihre Umweltbedingungen verändern, indem gezielt andere Lust- bzw. Erfolgsreize gesetzt werden, gewinne ich Einfluss auf das Verhalten der Leute, ohne Rücksicht auf Vorstellungen von individueller Freiheit, Urteilskraft oder Mündigkeit zu nehmen“, so die Ausführungen Prechts.[1]

Der Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster, damals Leiter eines führenden Kybernetik-Instituts, des Biological Computer Lab (BCL) an der University of Illinois, Urbana-Champaign, äußerte sich in seinem Grundsatzreferat „Die Verantwortung des Experten“ auf der Herbsttagung der American Society for Cybernetics am 19.12.1971 wie folgt:

„Der Großteil unserer institutionalisierten Erziehungs-bemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. … Da unser Erziehungssystem daraufhin angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Dies zeigt sich am deutlichsten in unserer Methode des Prüfens, die nur Fragen zulässt, auf die die Antworten bereits bekannt (oder definiert) sind, und die folglich vom Schüler auswendig gelernt werden müssen. Ich möchte diese Fragen als „illegitime Fragen“ bezeichnen.“[2]

Schon beim bloßen Überfliegen der beiden Aussagen fällt auf, dass hier etwas ganz und gar nicht passen will. Der Philosoph deutet Kybernetik als Anpassung und projiziert sie sogleich als Menschenbild auf das Silicon Valley, der Kybernetiker hingegen spricht sich für Unberechenbarkeit und Kreativität aus, mehr noch, später entwickelt er im Nachgang zum kategorischen Imperativ des Aufklärers Kant einen (kybern-)ethischen Imperativ:

„Handle stets so, dass die Zahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“

Zudem steht von Foersters Imperativ in krassem Gegensatz zu algorithmischen Praktiken des Silicon Valley, die uns Nutzer vor Entscheidungen und damit Wahlmöglichkeiten „schützen“ wollen. Die Tatsache, dass Facebook einerseits zu verhindern sucht, dass wir Nippel zu sehen bekommen und uns andererseits über Manipulationen der Timelines und Newsfeeds Kommunikations- und Informations-optionen vorenthält und uns „Klick-Entscheidungen“ abnehmen will, ist hier für nur ein, dafür ein besonders griffiges Beispiel. Die jüngsten Enthüllungen um Cambridge Analytica gehören in denselben Kontext.

Die Kybernetik, Ideologie des Valley und Kampfbegriff in der Debatte um Digitalisierung und Bildung

Precht allerdings steht mit seiner Interpretation der Kybernetik als Silicon Valley-Ideologie nicht allein.

In den letzten Jahren wurde der Term „Kybernetik“, der einen längst totgeglaubten transdisziplinären Wissenschaftsansatz in den 40er bis 70er-Jahren bezeichnet, als ideologischer Kampfbegriff aufgeladen und hielt sogar Einzug in die politischen Debatten. Das zwar nicht an vorderster Front, jedoch immerhin in Anhörungen in deutschen Landesparlamenten, insbesondere im Kontext Digitalisierung und Schule sowie in mehreren einschlägigen Buchpublikationen.

Der Bildungswissenschaftler Matthias Burchardt (Universität zu Köln) und der Mediengestalter und -theoretiker Ralf Lankau (Hochschule Offenburg) sind gefragte Experten in solchen Anhörungen. Gleichzeitig sind sie Gründungsmitglieder des Bündnisses für humane Bildung, das in den Kontexten frühkindliche Bildung, Schule und Hochschule den Digitalisierungsbemühungen gegenüber aus einer Haltung der Sorge heraus sehr kritische und teilweise durchaus bedenkenswerte Positionen vertritt, sofern man von den Interpretationen zur Kybernetik einmal absieht.[3] Die negativen Konnotationen des Begriffs werden meist im Begründungsteil der eigenen Positionen genutzt.

So äußerte sich Burchardt in einer Anhörung des Landtages von NRW am 04.05.2016:

„Das Schlagwort Digitalisierung fasst eigentlich viel von dem zusammen, was im Grunde ein ganz alter Hut ist. Spätestens seit den 1940er Jahren und den Macy-Konferenzen in den USA versucht man die Kriegstechnologie der Kybernetik nutzbar zumachen zur Steuerung von offenen Gesellschaften.“[4]

Zur Kriegstechnologie wird hier, was andernorts als Zweig der Wissenschaften, als ein Ansatz zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin firmierte. Der Vollständigkeit halber muss angemerkt werden, dass die die zehn Konferenzen 1946 – 1953 finanzierende Josiah Macy-Foundation sich zur Förderung der Ausbildung in medizinischen Berufen einsetzt.

In der schriftlichen Stellungnahme Burchardts zur selben Anhörung liest sich seine Kritik wie folgt:

„Das kybernetische Instrumentarium der Informations-erhebung, Kontrolle und Steuerung von sozialen Systemen beflügelt schon seit Beginn die Allmachtsphantasien postdemokratischer Regierungskonzepte (Vgl. z.B. Wiener 1952 oder Tiqqun 2007). Das technokratische Regime der Steuerung unterwirft die soziale Eigenlogik der gesellschaftlichen Felder prozedural unter die Rationalität des informationellen Regelkreises und transformiert dadurch elementar-humane Lebensformen zu technomorphen Funktionsgebilden.“[5]

Burchardt bezieht sich hier neben dem Mitbegründer der Kybernetik und erwiesenen Pazifisten Norbert Wiener auf die 2007 veröffentlichte Schrift „Kybernetik und Revolte“ [6] des anonymen französischen Autorenkollektivs Tiqqun, das eher als eine Art Manifest, als ideologisch aufgeladene polemische Kampfschrift gelesen werden kann denn als historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung. Dies lässt sich auch unschwer daran ablesen, dass das Tiqqun-Pamphlet mit Ausnahme eines Zitats von Norbert Wiener nicht eine einzige kybernetische Primärquelle zitiert. Wie auch, denn diese Quellen sind alles andere als geeignet, die Tiqqun-Interpretation zu stützen.

Albert Müller, Historiker an der Universität Wien, profunder Kenner der Kybernetik und ihrer Geschichte sowie Betreuer von gleich drei wissenschaftlichen Nachlässen namhafter Kybernetiker, Heinz von Foerster, Gordon Pask und Ranulph Glanville, bezeichnet dieses Schriftstück als eine „paranoid anmutende Polemik. Immerhin“ werde, so Müller, „hier – sinngemäß – geäußert, Kybernetik hätte sich des modernen Kapitalismus bemächtigt und würde nun die Welt regieren.“[7]

Zitiert also ein Autor diese Quelle, um seine Position zur Kybernetik zu begründen, so setzt er sich möglicherweise leichtfertig dem Vorwurf aus, das für ihn eher eine geschmackliche Präferenz denn wissenschaftlich-historische Akkuratesse im Vordergrund steht.

In einschlägigen Publikationen US-amerikanischer Kritiker des Silicon Valley, der kalifornischen Ideologie, hingegen gelingt es sehr erfolgreich, nicht fündig zu werden. Etwa in Franklin Foer‘s „World without Mind“, das u.a. die Ideengeschichte des Valley sehr kritisch reflektiert oder in Michael Patrick Lynch‘s „The Internet of Us – Knowing More & Understanding Less in the Age of Big Data“ findet sich nicht ein einziges Mal der Term „cybernetics“ genannt, dafür aber das Präfix „cyber-“ in allen möglichen Kompositabildungen.[8,9] Das wirft Fragen auf. Das „Menschenbild der Kybernetik“, eine oder gar die Ideologie des Valley?

Wohlgemerkt, es gibt in den USA eine kleine wissenschaftliche Gesellschaft namens „American Society for Cybernetics“, ASC. Einmal umgekehrt gefragt, wenn Cybernetics doch so einflussreich sein, den Kapitalismus und die neoliberale Ideologie des Valley prägen soll, warum sind US-Autoren dann so blind, dies nicht zu bemerken und zu benennen? Oder sind nur wir Europäer zu dieser tieferen Einsicht prädestiniert?

Folgen wir Ralf Lankau, dann „degradieren Kybernetiker den Menschen zu einer Fehlkonstruktion, der sich den Rechnern unterzuordnen habe, […] und für die Singularisten, Transhumanisten und Kybernetiker sind Maschinen ohnehin die „besseren Menschen“, die den fehlerhaften „homo sapiens“ besser früher als später ersetzen.“[10]

Wer hierzu Günther Anders‘ Satz „Der Mensch wird nebengeschichtlich“ assoziiert, liegt nicht ganz falsch. Ein erstes Indiz für eine genuin europäische Spur der Interpretation.

In einer Stellungnahme für den hessischen Landtag zum Thema Digitalisierung und schulische Bildung schreibt Lankau, dass „Digitalisierung und Neue Lernkultur“ … „zwei Techniken der neoliberalen und marktradikalen Vereinzelung und Isolierung von Menschen“ seien, „um sie einfacher gemäß der jeweiligen Interessen der Anbieter von (Lern-)Software) manipulieren und steuern zu können.“ Dahinter steckten „die reaktivierten Theorien der Kybernetik und des Behaviorismus, realisiert mit Hilfe von Digitaltechnik und Netzwerken“, so Lankau sinngemäß.[11]

Noch drastischer drückt er es in einer Buchpublikation aus:

„Bis heute setzt das kybernetische Denken Kommunikation als Signalübertragung (bzw. Nachrichten-übermittlung) gleich mit Mensch und Gesellschaft als steuerbaren Maschinen. Es findet sich in Kommunikationsmodellen der Nachrichtentechniker Shannon und Weaver ebenso wie bei den Behavioristen mit ihren Input-Output-Systemen (I-O-S) oder dem »programmierten Lernen«, das unterstellt, man könne das Lernen von Menschen programmieren und steuern wie Maschinen.“[12]

Die Kybernetik soll also ein deterministisches Menschenbild vertreten, mit dem Behaviorismus unter einer Decke stecken und das Ziel haben, ganze Gesellschaften zu steuern und zu manipulieren.

Kybernetik und Behaviorismus – eine kurze Spurensuche

Eine Spurensuche zu den Begrifflichkeiten Behaviorismus und Kybernetik führt zurück zu einer Arbeit, deren Veröffentlichung 1943 weit vor den für die Kybernetik begriffsbildenden zehn Macy-Konferenzen (1946 – 1953) liegt. Sie stammt von dem Autorentrio Rosenblueth, Wiener und Bigelow, trägt den Titel „Behavior, Purpose and Teleology“ und führt erstmals die Begrifflichkeiten des Feedback und der Zielorientierung (Teleology) von Systemen ein.[13]

Der US-Wissenschaftshistoriker Peter Galison besteht in seinem einflussreichen Aufsatz „The Ontology of the Enemy: Norbert Wiener and the Cybernetic Vision“ [14] darauf, die Autoren von Behavior … „als Adepten des Behaviorismus zu etikettieren“.[7] Deutliche Äußerungen zum Behaviorismus von Wiener selbst bestätigen dies jedoch nicht:

„Behaviorism as we all know is an established method of biological and psychological study but I have nowhere seen an adequate attempt to analyze the intrinsic possibilities of types of behavior.“[15]

Und wie Albert Müller bemerkt, kann und muss der Aufsatz „Behavior …“ vielmehr als Abgrenzung und „implizite Fundamentalkritik“ am Behaviorismus gelesen werden. Er repräsentiert gewissermaßen eine Art Zeugungsakt für die neue Disziplin der Kybernetik, da hier erstmals wichtige Begrifflichkeiten eingeführt werden.

Galisons Interpretation vermag in diesem Punkt nicht zu überzeugen, denn die kybernetische Fundamentalkritik am Behaviorismus ist allzu leicht nachvollziehbar. Denn für seine simplen Modelle des Verhaltens als lineare Ketten aus Reiz, Reizverarbeitung und Reaktion stellen das Planen und die zielgerichtete Handlung ein massives Problem dar. Die behavioristische Beschreibung mag für die kausale Ereigniskette aus dem Tennisspiel, ankommender Ball – Reaktion – Aktion/Return, gerade noch hinreichend sein, der gute Tennisspieler jedoch antizipiert die Aktionen des Gegners und plant gewissermaßen seine eigenen Schläge. Und sie versagt völlig bei dem Versuch, das improvisierende Klavierspiel – im Moment der Improvisation – z.B. eines Brad Mehldau oder eines Keith Jarrett auch nur im Ansatz zu beschreiben.

Zwei Ordnungen der Kybernetik

Gewissermaßen als Beginn der Kybernetik als wissenschaftliche Disziplin – der Begriff selbst ist antiken Ursprungs – werden in den Kultur- und Medienwissenschaften die schon erwähnten zehn Macy-Konferenzen begriffen, bei denen der Physiologe Warren McCulloch den Vorsitz führte.[16] Gleichwohl müssen hier neben der schon genannten Arbeit „Behavior …“ noch mindestens zwei weitere Publikationen genannt werden, deren Veröffentlichungszeitpunkte deutlich vor den Konferenzen liegen. Hierzu gehört der ebenfalls 1943 erschienene Aufsatz „A Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity“ von Warren McCulloch und Walter Pitts, der ein erstes formales Konzept zur Beschreibung neuronaler Netzwerke liefert und somit auch den Beginn der Neuroinformatik markiert.[17]

Und bereits 1945 bricht eben jener Warren McCulloch mit dem Alleinanspruch der Hierarchie als (lineares) Ordnungsschema. In „A Heterarchy of Values determined by the Topology of Nervous Nets“ stellt er der Hierarchie – am Beispiel der platonischen Begriffs-pyramide, quasi der Mutter aller Hierarchien – die Heterarchie (Nebenordnung, Ko-Ordination) als gleichberechtigtes Komplementär-prinzip an die Seite.[18] Hiermit kritisiert er – unter Bezugnahme auf neuronale Strukturen (Topologien) im Rückenmark von Wirbeltieren – explizit den wissenschaftlichen Alleinvertretungsanspruch der klassischen Aristotelisch-Boole‘schen zweiwertigen Logik als unzureichend. Diese Arbeit kann auch als Vorspiel zu dem begriffen werden, was Heinz von Foerster und Kollegen später als die Kybernetik zweiter Ordnung (2nd-order cybernetics) bezeichneten. Sie markiert des weiteren einen Grenzstein dessen, was heute mit den aktuellen Verfahren und Modellen der Neuroinformatik (ANNs, deep learning, etc.) überhaupt möglich ist. Bemerkenswerterweise wird dieser Grenzstein in Grundlagenwerken der Neuroinformatik entweder „vergessen“, oder die Autoren haben überhaupt keine Kenntnis von ihm.

Die Unterschiede zwischen den Kybernetiken erster und zweiter Ordnung hat Francisco Varela am knappsten und griffigsten dargestellt. Die Kybernetik erster Ordnung beschäftigt sich mit beobachtbaren Systemen, die Kybernetik zweiter Ordnung mit beobachtenden Systemen.[19]

Damit wird deutlich, dass im 2nd-order-Bereich das – menschliche – Subjekt ins Spiel gelangt. Eine bislang den Geisteswissenschaften vorbehaltene Domäne. „Kybernetik untersucht alle Phänomene in Unabhängigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind“, bemerkt hierzu W. Ross Ashby.[20] Hierin implizit enthalten ist der Kern einer neuen wissenschaftlichen Denkkultur, die den klassischen Methodendualismus zwischen den – idiographischen – Geistes- oder Humanwissenschaften und den subjektlosen – nomothetischen – Naturwissenschaften in Frage stellt. Bei konservativ ausgerichteten Wissenschaftlern beider Bereiche kann dies jedoch Unbehagen und Misstrauen gegenüber der Kybernetik induzieren. Möglicherweise liegt hierin – in einer Art Konkurrenzempfinden – ein tieferer Grund dafür, dass einige Geisteswissenschaftler negativen Konnotationen des Begriffs der Kybernetik zuneigen. Dies gilt insbesondere für das Werk des „Philosophen der Kybernetik“, Gotthard Günther, der sich ausgewiesenermaßen als Grenzgänger und Brückenbauer zwischen Formalem und Sprachlichem, zwischen Zahl und Begriff (Number and Logos), betätigte.

Kybernetisches Denken – insbesondere das der 2nd-order Kybernetiker – firmiert somit als eine wissenschaftliche Geste, die sich gegen die bestehenden – wissenschaftlichen und gesellschaftlich-politischen – Verhältnisse richtet! Die eingangs zitierte Bemerkung von Foersters ist nur eine von überaus zahlreichen Belegstellen bei zahlreichen Autoren der Kybernetik.

Die Charakterisierung der Kybernetik im medienwissenschaftlichen Narrativ als Kriegswissenschaft und Methoden- und Modellbaukasten für soziale Kontrolle, Steuerung und Manipulation steht also belegbar in einem überaus merkwürdigen Widerspruch zu vielen kybernetischen Primärquellen und darüber hinaus zur Selbstwahrnehmung und Selbstpräsentation vieler Kybernetiker. Albert Müller merkt dazu an:

„Nicht wenige von ihnen sahen sich selbst als politisch links oder liberal, mitunter gar als anarchistisch.“[7]

Nun kommen aber die Konnotationen und Interpretationen der oben zitierten Personen und so einiger weiterer Autoren nicht von ungefähr. Daher gilt es, die Spur dieser Realitätskonstruktionen zum Begriff der Kybernetik einmal zu untersuchen, zu versuchen, sie nachzuzeichnen.

Die lückenhafte Spur der Kybernetik in Kultur- und Medienwissenschaften

In den letzten beiden Jahrzehnten erfuhr der Begriff der Kybernetik in kultur- und medienwissenschaftlichen Kontexten und jüngst auch in politischen Debatten im eher linken Lager eine publizistische Renaissance.

Folgendes sei hier neben zahlreichen kleineren Artikeln und Blogbeiträgen stellvertretend genannt. 2007/08 erschienen drei Buchpublikationen, die Kybernetik entweder im Titel oder im Untertitel tragen, das schon erwähnte „Kybernetik und Revolte“ des frz. Autorenkollektivs, Andrew Pickering, „Kybernetik und neue Ontologien“ (Berlin 2007) sowie der Sammelband „Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik (Hg. Michael Hagner u. Erich Hörl, Frankfurt a.M. 2008).

In einer „zweiten Welle“ folgten 2012 Rainer C. Becker, „Black Box Computer – Zur Wissensgeschichte einer universellen kybernetischen Maschine“ (Bielefeld 2012, eine Dissertation aus 2008), 2016 das recht populär gewordene und vielfach rezensierte Werk von Thomas Rid, „Maschinendämmerung – Eine kurze Geschichte der Kybernetik“ (Berlin 2016) und 2017 „Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen – Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel“ (Hg. Paul Buckermann, Anne Koppenburger, Simon Schaupp, Münster 2017), wiederum ein Sammelband.

Und über Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski fand unlängst das Thema „Kybernetisierung des Politischen“ [21] auch Eingang in die Debatten z.B. bei der Rosa Luxemburg-Stiftung.

Nahezu alle genannten Veröffentlichungen greifen zitierend und interpretierend zurück auf das 2003 und 2004 von Claus Pias herausgegebene 2-bändige Werk „Cybernetics / Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1953“.[22] Der erste Band enthält sämtliche Protokolle der letzten fünf der insgesamt zehn Konferenzen. Die Wortprotokolle entstanden auf die Initiative von Heinz von Foerster, der ab der sechsten Konferenz mit der ursprünglichen Herausgeber-schaft beauftragt war. Er entschloss sich, die mitstenographierten Diskussionen nahezu vollständig transkribieren zu lassen, um den dialogisch-explorierenden Charakter der Gespräche zu erhalten. Letztlich gebührt Claus Pias der wesentliche Dank dafür, diese Bände – der zweite Band von Cybernetics beinhaltet interpretierende Essays und weitere Dokumente zur Kybernetik – für eine breitere Diskussionsgrundlage herausgegeben zu haben.

Sehr merkwürdig mutet die Tatsache an, dass außer bei Becker in „Black Box Computer“ und in den Aufsätzen von Erich Hörl und des Soziologen Dirk Baecker die vielleicht bedeutendste Folge der Macy-Konferenzen überhaupt nicht erwähnt wird, noch nicht einmal im Werk von Thomas Rid.

Gemeint ist die Gründung eines eigenen Forschungsinstituts, des Biological Computer Laboratory (BCL, Univ.. of Illinois, Urbana-Champaign), das von 1958 bis 1976 existierte und von Heinz von Foerster geleitet wurde. Sogar der Herausgeber Claus Pias erwähnt es in seiner Einstimmung zu dem 2-bändigen Werk nicht. Dies bleibt ausschließlich Heinz von Foersters „Erinnerungen …“ im 2. Band überlassen.[23] Und das ist umso verwunderlicher, weil dort erstmals die Idee des Parallelrechnens entstand. Albert Müller kritisiert ebenfalls, dass das BCL in der kultur- und medienwissenschaftlichen Rezeption so gut wie gar nicht erwähnt wird.[24]

Dabei entstanden am BCL ganz wesentliche Arbeiten zu neuronalen Netzwerken, zur Theorie autopoietischer Systeme (Maturana/Varela), zu Selbstorganisation und zur Philosophie der Kybernetik, zur Polykontexturalitätstheorie und Logik (Gotthard Günther, Lars Löfgren) sowie zu Musiktheorie und Computermusik (Herbert Brün, Heinz von Foerster), um nur einige wenige zu nennen. Das Institut ist somit – gemessen an den dort arbeitenden Personen und ihren zahlreichen Veröffentlichungen – in der Ideengeschichte der Kybernetik kein wissenschaftshistorisch vernachlässigbares Detail!

In seinem einflussreichen Aufsatz „The Ontology …“ [14] erwähnt Galison das BCL nicht, obwohl dort die prominentesten Vertreter der Kybernetik entweder arbeiteten oder mit den Kollegen am BCL kooperierten, darunter auch Warren McCulloch, Norbert Wiener und Gregory Bateson. Galison bleibt seltsam fixiert auf Norbert Wiener, John von Neumann und die Bombe sowie seine These von der Kybernetik als Kriegswissenschaft. Bemerkenswert ist, dass gerade diese These durch die Bezugnahme auf das BCL – vordergründig betrachtet – eine zusätzliche Bekräftigung hätte erfahren können, denn das Institut wurde überwiegend durch das US-Militär finanziert, insbesondere durch das AFOSR, das Airforce Office of Scientific Research.

Es hat in mehrererlei Hinsicht und insbesondere für uns Europäer durchaus etwas Groteskes, wenn z.B. der philosophische Aufsatz Gotthard Günthers, „Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik“, ebenso wie andere am BCL entstandene Texte Günthers den Vermerk tragen: „Prepared under the Sponsorship of the Airforce Office of Scientific Reseach, Directorate of Information Sciences, Grant AF-AFOSR-xx“.[25]

Dabei hatte diese Förderung durch die Airforce ihre Konsequenzen. Für die Rezeption des Autors in Deutschland. Als Günther 1968 das 1967 erschienene Werk „Zur Logik der Sozialwissenschaften“ von Jürgen Habermas in der Zeitschrift „Soziale Welt“ scharf kritisierte, wurde kolportiert, dass aus Kreisen um Habermas geäußert worden sei, den Günther müsse man nicht lesen, der sei ja von der US-Airforce bezahlt.[26]

Hierzu ist anzumerken, dass es in den USA bis Ende der 60er-Jahre eine gemeinsame Verantwortung aller staatlichen Institutionen für die staatliche Forschungsförderung – insbesondere der Grundlagen-forschung – gab, dazu gehörte eben auch das Militär.

Die Gegenthese zu Galisons Kybernetik als Kriegswissenschaft lässt sich flankieren durch eine historisch-politische Tatsache, die in medien- und kulturwissenschaftlichen Publikationen in Europa ebenso wenig Erwähnung findet wie das BCL selbst, sieht man einmal von Albert Müller ab.

Die Förderbedingungen änderten sich mit den studentischen Protesten gegen den Vietnamkrieg in den USA. Senator Mike Mansfield machte, um die Situation an den Universitäten zu entspannen, den Vorschlag, alle Forschungsförderungen des Militärs zu überprüfen und nur noch solche Projekte zu fördern, die einen direkten militärischen Nutzen hatten.[27] 1969 verabschiedete daher der US-Kongress das sogenannte Mansfield-Amendment, das 1970 in den Defense Procurement Authorization Act integriert wurde.[28]

Entsprechend dem Mansfield-Amendment war nun jeder Wissenschaftler, der Förderungen über das DoD, das Department of Denfense, erhielt, angehalten, die Bezüge seiner Forschungen zu militärischen Aufgaben zu erläutern. Heinz von Foerster erklärte freimütig: „the research at BCL was not related to a military mission“.[29] Damit endete die Förderung für das BCL, da sich woanders Mittel im selben Umfang nicht beschaffen ließen. Das Institut wurde 1974 geschlossen und abgewickelt.

Filterblasen in Kultur- und Medienwissenschaften – der militärische Bias

„Die Sprache sagt: „Geh dort lang, und wenn du das und das siehst, biege in die und die Richtung ein.“ Mit anderen Worten: sie bezieht sich auf den Diskurs des Anderen“ Friedrich Kittler, Jacques Lacan zitierend. [30]

Neben Galison gibt es mindestens eine zweite Spur der Zitationen und Interpretationen zur Kriegswissenschaft, die auf den einflussreichen Kulturwissenschaftler und Medienphilosophen Friedrich Kittler zurückgeht. Von ihm ist hinreichend bekannt, dass er immer wieder interpretierend auf Kriegstechnologie und Krieg als Ursprung Bezug nahm.[31] Nicht wenige kritisierten seine Interpretationen – in diesem speziellen Punkt! – als zu monoperspektivisch fixiert.[26]

Sowohl für das Schillersche Spiel als urmenschliche Aktivität als auch für die Subversion als Ausdruck kreativer Betätigung gibt es dann – als alternative mögliche Ursprünge von Technik und Technologie – dort keine Plätze mehr.

Diese Kittlersche Spur der Interpretation lässt sich sogar noch weiter zurückverfolgen bis zu Martin Heidegger [32], der das Wort „Kybernetik“ öffentlich nur ein einziges Mal in den Mund genommen hat. Auf die Frage von Rudolf Augstein und Georg Wolff zum Ende der Philosophie in seinem Spiegel-Interview: „Und wer nimmt den Platz der Philosophie jetzt ein?“, antwortete er knapp: „Die Kybernetik.“[33]

Heideggers Schatten ist lang – in mancherlei Hinsicht. Jedenfalls hatte er den Kybernetik-Philosophen Gotthard Günther eingehend studiert, dies jedoch nie öffentlich gemacht. Wir sind gezwungen, uns bis zur Öffnung des Heideggerschen Archivs auf eine von Otto Pöggeler schriftlich verifizierte mündliche Bemerkung Heideggers ihm gegenüber zu verlassen, nach der Heidegger gesagt hat, dass er die Lektüre Günthers für sehr lehrreich halte, gerade weil er scheitere.[34]

Die Interpretationen aus Kultur- und Medienwissenschaften sowie die Positionen der sich darauf in politischen Debatten Berufenden einfach als Technoskeptizismus abzutun greift fehl. Es spiegelt sich dort vielmehr ein Verfahren im Diskurs, das sich selbst durch einen Mechanismus der Iteration eingrenzt und sich gegen alternative oder zusätzliche – wie gezeigt durch Quellen belegbare – Interpretations- oder Erkenntniswege verwehrt. Es weist damit die Charakteristika einer zitatorischen Echokammer auf, einer Filterblase, die ein dominierendes Narrativ einer bestimmten Färbung ausprägt. Dieses wird gebildet und verfestigt durch wiederholte Iterationen ähnlicher Interpretationen, die Quellenwahl wird selektiv, d.h. anderslautende Quellen werden selten bis gar nicht als solche registriert. Kybernetik und Macy-Konferenzen verbleiben als ein Hauptanker der Kritik.

Dazu gehört auch, dass andere mögliche Ansatzpunkte der Kritik, wie beispielsweise die zentralen Rollen Marvin Minskys, Claude Shannons und der Dartmouth-Konferenz 1956 nicht oder nur wenig in den Blick genommen werden. Hier wurde immerhin der Begriff „Artificial Intelligence“ ins Leben gerufen, der auf heutige Entwicklungen einen sehr hohen Impact hatte.

Ironischerweise wird das Phänomen Filterblase in den Kultur- und Medienwissenschaften nicht nur mit Blick auf Facebook und andere „soziale“ Netzwerke – in der letzten Zeit eingehend reflektiert. Jedoch scheint die gerade von den Kybernetikern ausdrücklich thematisierte Selbstreferenz, hier als reflektierender zusätzlicher Blick auf den eigenen Fokus, in den Medienwissenschaften zu fehlen.

Das ist umso bedauerlicher, denn viele kybernetische Primärquellen bieten tiefere Einsichten und Positionen, die erheblich bereichernde Argumente zur Kritik der kalifornischen Ideologie liefern können.

Vom Standpunkt der Kybernetik zweiter Ordnung aus betrachtet sind die aktuellen IT-Systeme der Multis als zentralistisch organisierte simple Input-Output-Systeme beschreibbar, die in die eine Richtung als Datenstaubsauger arbeiten und in die andere als Instrument zur auf das Individuum bezogenen Selektion und Bereitstellung von Informationen mit dem Ziel, gesellschaftliche Gruppen zu fraktalisieren. Demokratische Rückkopplungen, wie Vilém Flusser sie erhofft hatte, sind das definitiv nicht.[32]

Insofern – um einmal in einem armoristischen Bild zu bleiben – stellen die aktuellen kritischen Positionierungen und Debattenbeiträge, die in ihren Begründungen die Kybernetik als Kriegs- und Steuerungs-wissenschaft für Gesellschaften interpretieren, eine argumentative Selbstentwaffnung dar.

Man möchte, fast verzweifelt, mit dem Phänomenologen Edmund Husserl ausrufen:

„Zu den Sachen selbst!“

Hier sinngemäß „Lest die kybernetischen Primärquellen!“

Oder, wir bleiben erst mal in der Turing-Galaxis.

Obwohl, Alan Turing hat das nicht verdient.

 

So long, Nick H. aka Joachim Paul

 

Quellen

[1] Richard David Precht, Focus, 16.12.2017

https://www.focus.de/kultur/medien/kultur-wozu-brauchen-wir-noch-philosophen-herr-precht_id_7989417.html

[2] Heinz von Foerster, Die Verantwortung des Experten, Überarbeitete Fassung des Grundsatzreferats zur Herbsttagung der American Society for Cybernetics, 09.12.1971; in: Heinz von Foerster, Sicht und Einsicht, Braunschweig, Wiesbaden 1985, S. 17-23, S. 21f

[3] Bündnis für humane Bildung, www.aufwach-s-en.de

[4] Landtag von Nordrhein-Westfalen – S. 14 des Ausschussprotokolls vom 04.05.2016,

https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument?Id=MMA16%2F1283|1|1&Id=MMA16%2F1283|3|58&Id=MMA16%2F1283|59|61

[5] Matthias Burchardt, Stellungnahme 16/3737, S. 8,

https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST16-3737.pdf

[6] Tiqqun, Kybernetik und Revolte, 2007,

https://ia800505.us.archive.org/19/items/tiqqun_kybernetik_und_revolte/tiqqun_kybernetik_und_revolte.pdf

[7] Albert Müller, Zur Geschichte der Kybernetik – Ein Zwischenstand, Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, ÖZG 19.2008.4, S. 22, Quelle 3,

http://www.studienverlag.at/data.cfm?vpath=openaccess/oezg-42008-mueller

[8] https://en.wikipedia.org/wiki/Franklin_Foer

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_P._Lynch

[10] Ralf Lankau, Systemfehler. Oder: Es gibt kein richtiges Leben im digitalen, Papier zu den Buckower Mediengesprächen:

http://lankau.de/wp-content/uploads/sites/7/2014/10/lankau_buckow16_final.pdf

[11] Ralf Lankau, Digitalisierung und schulische Bildung, Hessischer Landtag, 14.10.2016

http://www.aufwach-s-en.de/wp-content/uploads/2017/06/Lankau_Hessischer_Landtag_Stellungn_2016.pdf

[12] [Ralf Lankau, Kein Mensch lernt digital, Weinheim, Basel 2017, S.48

[13] Arturo Rosenblueth, Norbert Wiener u. Julian Bigelow, Behavior, Purpose and Teleology, in: Philosophy of Science 10 (1943), 18–24.

[14] Peter Galison, The Ontology of the Enemy: Norbert Wiener and the Cybernetic Vision, Critical Inquiry, Vol. 21, No. 1. (Autumn, 1994), pp. 228-266, Univ. of Chicago Press –

http://jerome-segal.de/Galison94.pdf

[15] Norbert Wiener, Letter to J. B. S. Haldane, 22 June 1942, Box 2, Folder 62, NiVP – zitiert nach Galison

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Macy-Konferenzen

[17] Warren S. McCulloch and Walter Pitts, „A Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity“, Bulletin of Mathematical Biophysics (1943), 5, 115-133

[18] Warren S. McCulloch, A Heterarchy of Values determined by the Topology of Nervous Nets, Bulletin of Mathematical Biophysics, 7(1945) 89-93

[19] Stuart Umpleby, Definitions of Cybernetics, 1982, rev, 2000,
http://asc-cybernetics.org/definitions  Anm. vom 14.05.2018: Wie mir Albert Müller via Email mitteilte, hat sich Stuart Umpleby auf seiner hier zitierten Definitionsseite wohl geirrt. „Die Definitionen finden sich erstmals auf Seite 1 des Bandes Cybernetics of Cybernetics (1974) und sind beide eindeutig mit [H.V.F.] unterschrieben. Stuarts kleine Verwechslung ist insofern kurios, als sowohl er selbst als auch Varela zu dem Band beigetragen haben. Varelas Beiträge snd mit [F.V.] gekennzeichnet.“ Die im Text angegebenen Def. stammen also von Heinz von Foerster.

[20] W. Ross Ashby, Einführung in die Kybernetik, Frankfurt a.M. 1985, S.7

[21] Anna Verena-Nosthoff, Felix Maschewski, https://agora42.de/interview-mit-anna-verena-nosthoff-und-felix-maschewski/

[22] Claus Pias, Hg., Cybernetics / Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1953, Bd. I Transactions/ Protokolle, Zürich, Berlin 2003, und, Claus Pias, Hg., Cybernetics / Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1953, Bd. II Essays and Documents / Essays und Dokumente, Zürich, Berlin 2004.

[23] Heinz von Foerster, Erinnerungen an die Macy-Konferenzen und die Gründung des Biological Computer Laboratory, in: Claus Pias, Hg., Cybernetics / Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1953, Bd. II Essays and Documents, Berlin 2004

[24] Albert Müller, Eine kurze Geschichte des BCL, Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 11 (1), 9-30, Wien 2000,

https://www.univie.ac.at/constructivism/papers/mueller/mueller00-bcl.pdf

[25] Gotthard Günther, Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik, in: Heidelberger Hegeltage 1962, Hegel-Studien Beiheft 1, S. 65-123, abgedruckt in: Gotthard Günther, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Bd 1, Hamburg 1976, S. 189-247

[26] Rudolf Kaehr, Gisela Behrendt, private Kommunikationen

[27] https://en.wikipedia.org/wiki/Mike_Mansfield

[28] Ronda Hauben, Creating the Needed Interface. – Telepolis: Magazin der Netzkultur 1999, https://www.heise.de/tp/features/Creating-the-Needed-Interface-3563729.html

[29] Stuart Umpleby, Heinz von Foerster and the Mansfield Amendment, Cybernetics an Human Knowing, Vol 10, nos. 3-4, pp. 187-190

https://www.researchgate.net/publication/233661621_Heinz_von_Foerster_and_the_Mansfield_Amendment

[30] Friedrich Kittler, Die künstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing, in: Die Wahrheit der technischen Welt, Berlin 2013, S. 232-252, S. 234

[31] Friedrich Kittler, Unberechenbarkeit, https://www.youtube.com/watch?v=AavTap5FgSQ

[32] Christopher Busch, Strategische Zitate. Zu Friedrich Kittlers Heidegger-Lektüre, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Sep. 2014, Vol. 44, Issue 3, pp 161–169,

https://link.springer.com/article/10.1007/BF03379990

[33] Martin Heidegger, „Nur noch ein Gott kann uns retten“. In: Der Spiegel, 30. Jg., Nr. 23, 31. Mai 1976. Das Gespräch mit Rudolf Augstein und Georg Wolff fand am 23. September 1966 statt. Das vollständige Gespräch ist abgedruckt in: Günther Neske & Emil Kettering (eds.), Antwort – Martin Heidegger im Gespräch, Pfullingen 1988

[34] Cai Werntgen, Kehren: Martin Heidegger und Gotthard Günther: europäisches Denken zwischen Orient und Okzident, München 2006, S. 12

[35] Vilém Flusser, Verbündelung oder Vernetzung? in: Kursbuch Neue Medien, Mannheim 1995, S. 15-23