Video: Was haben die PIRATEN eigentlich gemacht?

Die Legislatur geht zu Ende. Und was haben die Piraten gemacht? Eine Antwort gibt’s in diesem Video:

Mehr Infos zu den verschiedenen Abstimmungen hier:

Ein Klick auf die Grafik leitet Euch auf die entsprechende Seite des Landtags mit Protokollen, Stellungnahmen und weiteren Informationen weiter.

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Piraten beantragen – Experten bestätigen

Olaf Wegner, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender und ordentliches Mitglied im Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend für die Piratenfraktion im Landtag NRW erklärt zur heutigen Anhörung:

Wir wurden in der heutigen Anhörung von den Experten darin bestätigt, dass die Einrichtung und Besetzung einer unabhängigen Stelle eines Landesbeauftragten für Kinderrechte unverzichtbar ist, um die UN-Menschenrechte der Kinder und Jugendlichen in NRW wirklich umzusetzen und zu achten.Piraten fordern in ihrem Antrag die Einrichtung und Besetzung einer Stelle eines unabhängigen Landesbeauftragten für die Rechte und Belange von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen.

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Resolution zu Anschlägen von Paris

2015-12-02_Michele Marsching Resolution Frankreich1

Nordrhein-Westfalen setzt ein Zeichen:

Für ein Leben in Frieden, Freiheit und Vielfalt in der Europäischen Union und der Welt

 

Die Piraten haben der gemeinsamen Resolution von SPD, CDU, Grüne und FDP (Drucksache 16/10307 (Neudruck)) nicht zugestimmt, da sie „die falsche Antwort ist auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden“, sagt Michele Marsching, Vorsitzender der Piratenfraktion im Landtag NRW:

„Erstens: Die Resolution fordert mit deutlichen Worten den völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz in Syrien. Abscheulich! Mit der Forderung nach Gewalt kommen wir nicht weiter – wenn wir Frieden fordern, müssen wir auch Worte des Friedens verwenden.

Zweitens: Auf Extremismus kann man nicht mit Massenüberwachung antworten. In der Vielzahl der Daten ist es unmöglich, das Relevante zur Gefahrenabwehr herauszufinden. Wenn wir uns zur absoluten Sicherheit hin überwachen wollen, werden wir unsere Freiheiten verlieren.

Drittens: Wir müssen die Bereiche Bildung, Integration und Arbeit so ausgestalten, dass sie Perspektiven und Chancen für alle schaffen. Nur so werden wir einer Radikalisierung von Einzeltätern vorbeugen können.“

Die Piraten haben eine eigene Resolution eingebracht, die diese Aspekte berücksichtigt.

Marsching: „Mit unserer Resolution fordern wir eine Antwort, die Menschen tatsächlich schützt, die Radikalisierung vorbeugt, die Flüchtlinge begrüßt und eigene Verantwortungen benennt. NRW muss auch weiterhin für Frieden, Freiheit, Vielfalt, Toleranz und gegen jegliche Ausgrenzung stehen!“

 

Resolution der Piratenfraktion NRW Drucksache 16/10369

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4. Kommunalvernetzungstreffen #kvt154

Am 7. November 2015 veranstaltet die Piratenfraktion im Landtag NRW ihr 4. Kommunalvernetzungstreffen #kvt154.

Alle kommunalpolitisch aktiven Menschen in NRW sind herzlich eingeladen, auf diesem Treffen mit externen Fachleuten und Fachleuten der Piratenfraktion im Landtag NRW über aktuelle und wegweisende politische Themen zu diskutieren und sich zu informieren. Die Veranstaltung findet ganztägig im Unperfekthaus in Essen statt und ist offen für jedermann.

Wir freuen uns, kommunal aktive Piraten und sachkundige Bürger begrüßen zu dürfen!

Diese Einladung darf gern verbreitet werden. Sie gilt selbstverständlich auch für kommunalen Partner aus anderen Parteien und Bürgerbewegungen.

Bitte Anmeldung per Mail an kvt@piratenfraktion-nrw.deWeiterlesen ›

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Ich will’s wissen!

Hier seid ihr gefragt!

Alle rufen nach Transparenz. Aber was heißt das genau? Was interessiert euch in puncto Transparenz? Was möchtet ihr von Regierung, Behörden & Co. wissen? Welche politischen Entscheidungen sollen transparenter gemacht werden? Weiterlesen ›

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Landtag Intern, Ausgabe 6, 05.06.2012

Aus den Fraktionen

Konstruktiv und streitbar – Ihre Piratenfraktion im Landtag NRW
Nach 2 Wochen intensiver Vorbereitung in Marathonfraktionssitzungen freuen wir uns jetzt auf die kommende Arbeit im Landtag. Wir verstehen uns nicht als Fundamental-Opposition, sondern stehen für ein Miteinander aller Fraktionen. Wir begrüßen ausdrücklich die Worte von Frau Präsidentin Gödecke, den Politikstil und die Erfahrungen aus der Zeit der Minderheitsregierung, die parteienübergreifende Zusammenarbeit, fortzuführen und weiterzuentwickeln. Wir haben die Chance, vertrocknete Strukturen zu hinterfragen und aufzubrechen, ganz im Sinne unserer gemeinsamen Verantwortung für die Menschen in Nordrhein-Westfalen.
Neue Lösungen ergeben sich meist jenseits der klassischen Pro- und Kontra-Positionen. Der Dissens gewinnt damit eine neue und konstruktive Qualität. Diese aus unseren Parteitagen stammenden Erfahrungen wollen wir nun in das Parlament des größten Bundeslandes einbringen und laden Sie herzlich ein, mit uns neue Wege der Demokratie auszuloten und zu entwickeln. Eine erste Gelegenheit dazu wird sich bei der Diskussion um die neue Geschäftsordnung des Landtages ergeben.
Angenehm überrascht waren wir über die freundliche und herzliche Aufnahme durch die Verwaltung, allen Mitarbeitern des Landtags und den Kollegen der anderen Fraktionen. Dafür herzlichen Dank Ihnen Allen!
Ihre Piratenfraktion

Konstruktiv und streitbar- Ihre Piratenfraktion im Landtag NRW

Ausgabe komplett

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Lost and found

Rückblick 2025

Ihr braucht nicht weiterzulesen, wenn ihr hier nun tiefgreifende politische Analysen erwartet. Mein Rückblick auf das Jahr ist vermutlich nicht „unpolitisch“, aber eher eine sehr persönliche Betrachtung meines Jahres und weniger eine allgemeingültige Analyse der gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen.

„Sometimes when people leave they are not angry anymore. They are just fucking tired…“

Mein Jahr war, wie die Überschrift schon suggeriert, von einigen für mich emotional heftigen Umbrüchen geprägt. Unter anderem dem Verlust einer Freundschaft, die mir sehr wichtig war. Damit unmittelbar einhergehend auch mit dem Verlassen einiger politischer Strukturen/Kontexte. Auf die Gründe für das Ende der Freundschaft werde ich hier nicht tiefer eingehen, weil da ja andere Menschen mit betroffen sind. Aber meine Reflexionen über mich und über das, was mir wichtig ist in Freundschaften, Beziehungen, aber auch in politischen Kontexten, kann ich teilen. Das Gute mal vorweg: Manchmal bergen $Dinge, die enden, auch wirklich viele Chancen, darüber nachzudenken, was wirklich zählt, was Werte sind, nach denen ich leben und wie ich mein Leben, meine Beziehungen gestalten möchte.

Ich habe viel geweint, viel gelesen (Empfehlungen unten), mehr geweint, viel geredet mit Menschen, die mir etwas bedeuten und denen ich vertraue, auch mit Menschen, die ich zum Beispiel aus Therapiekontexten kenne und denen ich auf der Basis einfach zutiefst vertraue. (Überhaupt habe ich jetzt -mit etwas Abstand dazu noch mehr- so große Dankbarkeit für die großartigen Therapeutinnen und die Therapiegruppe, die mich über Jahre begleitet haben (und das teilweise immer noch tun). So viel Glück im Leben muss man erst einmal haben.) Gute Therapie einfach eine sehr großartige Sache. Gamechanger. (Falls ihr das lest: Ihr habt mein Leben aufrichtiger, glücklicher, liebevoller, zufriedener gemacht.)

Ich habe ja durchaus auch ein wenig Psychologie studiert damals, aber die eigenen Muster zu erfassen, braucht dann doch mehr Hilfe von außen, als ich mir je hätte vorstellen können.

Was also sind meine Muster? Ich bin im Grunde gut darin, Grenzen zu setzen. Das funktioniert im „Draußen“, bei Fremden oder wenn ich mich für andere Menschen einsetze/für Menschen verantwortlich fühle, recht zuverlässig. Sehr viel schwieriger wird das, wenn ich Menschen lieb habe auf irgendeiner Ebene. Das können Freundschaften sein, Beziehungen etc.

Die Folge: Ich bin so richtig schlecht im Loslassen, sogar wenn offensichtlich ist, dass mir ein Mensch, ein Konstrukt, eine Gruppe, eine Arbeitsweise (you name it) so gar nicht gut tut. Die damit einhergehenden Gefühle habe ich bereits im März beschrieben. Vor allem das Gefühl von Verletzlichkeit und daraus folgend von „verloren fühlen“/„nicht passend/zugehörig“, war zu dem Zeitpunkt sehr stark: https://birgit-rydlewski.de/2025/03/01/lost-in-der-polykrise/

Was ist seit dem Text anders/besser?

Ich habe die alten Gefühle besser integriert, denke ich. Aber nochmal zurück zu den alten Mustern. Ich habe viel gelernt über meine Beziehungsmuster. Und manchmal „sucht“ man sich (an der Stelle eher wenig bewusst) Menschen, die ein altes Beziehungsmuster bedienen. In meinem Fall: Beziehung „gelernt“ habe ich zumindest zum Teil an Menschen, die nicht viel über Gefühle und Bedürfnisse geredet haben. Gelernt habe ich Schweigen als Gewalt wahrzunehmen. (Unbestritten kann Schweigen/eine emotionale Wand auch Selbstschutz sein. Aber trotzdem macht das halt was mit mir, was sich wie eine existentielle Bedrohung anfühlt.)

„Your body doesn’t tense up when the same old dysfunction creeps in. It relaxes. It knows this dance. And that’s the trap: what feels like home isn’t always what keeps you safe.“ (https://enhanced-mind.com/ignoring-the-warnings-we-see/)

Ich weiß nicht, ob ich soweit gehen würde, hier von „Traumafolgestörung“ zu sprechen, aber definitiv habe ich alte Muster an solchen Stellen und mit Menschen, die dann alte Wunden ankratzen, die ich hinterfragen muss und die mir oft nicht mehr gut tun. Überhaupt ist es eine gute Idee, Automatismen zu hinterfragen. Dafür muss man sie aber erst einmal erkennen bei sich selbst. Ein Hint können aber wiederkehrende Dynamiken sein. Wenn Konflikte oft ähnlich ablaufen, ist da mitunter was Altes mit drin oder wenn man zwar merkt, dass man sehr heftig auf etwas reagiert emotional, die eigentliche Situation aber objektiv keine existentielle ist. Sinnvoll ist für mich zumindest erst einmal mit einer Pause zu reagieren, einen Stopp-Moment einzubauen, durchzuatmen, nicht in „das Alte“ unreflektiert zurückzufallen. (Wo im Körper fühle ich gerade was?) Alte Automatismen können bei mir im Groben in zwei Richtungen gehen: Fight (Ich versuche, Deine Scheiß emotionale Wand einzutreten.) Oder Fawn (Wenn ich mich nur besser anpasse, mehr „Nützliches“ mache, mich klein mache, beschwichtige, vorsichtiger formuliere, hast Du (wer immer das Gegenüber gerade ist) mich vielleicht gern.)

Das führt mich aber nicht zu besseren Beziehungen.

Was ist mir also wirklich wichtig? Was sind meine Werte? Und damit zusammenhängend auch hilfreich die Frage:

Was für ein Mensch bin ich, wenn ich mit Person X zusammen bin? Wenn ich mit Gruppe Y Politkram mache.

„Relationships need a range of inputs to stay steady. Affection. Appreciation. Time. Help. Repair. Support for growth. Shared meaning. Space when needed. Closeness when it counts. And the balance shifts depending on stress, loss, illness, distance, or pressure.“

„What actually predicts stability is not similarity of preference, but willingness to respond.“

(https://enhanced-mind.com/the-problem-with-treating-love-like-a-language/)

Ich möchte liebevoller umgehen mit mir und anderen Menschen. Echte Verbindungen auf- und ausbauen. Offen zugehen auf neue Menschen in meinem Leben. Bedürfnisse klarer formulieren üben. Echt sein. Verletzlich sein. Die Sanftheit in mir kultivieren. Zärtlich mit mir und anderen. Fühlen. Empathisch bleiben. Neues ausprobieren und lernen. Dankbar sein für die Menschen, mit denen das geht. Ich möchte mich weiter in Richtung „sicherer“ bewegen (as in „secure attachment style“ und mehr weg von „anxious“) und das mit Menschen, die sich auch in Verletzlichkeit als sicher erweisen.

Und natürlich ist all das auch politisch: Ich bin davon überzeugt, dass bessere Beziehungen auch zu einer besseren Gesellschaft führen.

Im Kern ist das Jahr ein Wichtiges gewesen für mich, um klarer zu werden. Frieden zu machen mit alten Wunden und Geistern. Dafür bin ich (auch für die durchaus zahlreichen schmerzhaften Momente) dankbar. (Ob das dann in Beziehungen, Kooperationen etc. auch langfristig funktioniert, bleibt auszuprobieren.)

Ich bin dankbar für die „neuen“ Menschen in meinem Leben, mit denen sich Zusammenarbeit leichter anfühlt. Ebenbürtiger. Ohne andauernde Kämpfe. Menschen, die mir das Gefühl geben, ihnen wichtig zu sein. Wertvoll zu sein.

Weiterentwicklung bleibt ein lebenslanger Prozess. Nicht im Sinne der neoliberalen Selbstoptimierung, nicht im „höher, schneller, weiter“/der nächsten Politaktion, sondern darauf bezogen, der Mensch zu werden, der man sein möchte und die Menschen zu finden, zu denen man gut passt als das ganze Paket, was man so ist.

Buchempfehlungen/Leseempfehlungen:

Platonic (https://drmarisagfranco.com/platonic-the-book/)

Trauma und Beziehungen (https://www.verenakoenig.de/buecher/trauma-und-beziehungen/)

Das Drama der Leere (https://www.baer-frick-baer.de/das-drama-der-leere)

Blog „Enhanced Mind“ (Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und ich finde mich da in so vielen Texten wieder. Da ist auch Kink Thema, aber vor allem viel zu Psychologie in Beziehungen. Und für mich durchweg sehr „on point“ formuliert.)

Ein paar Beispiele, aber im Grunde kann man da jeden Text im Blog mit Gewinn lesen:

Where might I have contributed to the conflict?

Did I act or speak from frustration, fear, or insecurity?

How might my partner have experienced my behavior?

This self-reflection can be uncomfortable, forcing us to confront parts of ourselves we’d rather avoid. But it’s also incredibly liberating. The more we learn to own our actions, the less we’re trapped by shame or denial.“ (https://enhanced-mind.com/the-strength-in-owning-your-part/)

(https://enhanced-mind.com/the-weight-we-carry-together/)

(https://enhanced-mind.com/now-what-the-next-steps-after-discovering-your-attachment-style/)

„Authenticity, the courage to be real, is a form of self-respect.“

(https://enhanced-mind.com/who-are-we-without-the-masks/)

„Here are a few ways to start reconnecting with yourself and others:

Pause and Tune In: When you notice yourself pulling back emotionally, take a moment to check in. What are you feeling in your body? What’s the story you’re telling yourself about why you’re holding back? Naming these things can help you reconnect with what’s really going on beneath the surface.

Practice Small Acts of Vulnerability: Reconnection doesn’t require dramatic gestures. Start small. Share a feeling or thought that feels slightly uncomfortable, even if it’s as simple as saying, “That comment stung,” or “I felt uneasy after that scene—can we talk about it?” These small moments of honesty can open the door to greater trust and understanding.

Be Curious, Not Judgmental: When you catch yourself withdrawing, resist the urge to criticize. Instead, get curious. Ask yourself, “What am I protecting right now?” Often, our disconnection stems from a fear of being hurt, misunderstood, or dismissed. Understanding that fear can help us soften its hold.

Let Others In: This is the hardest part but also the most important. Rebuilding connection means allowing others to see the messy, complicated, vulnerable parts of you. It’s a risk, yes—but it’s also the only way to feel truly seen and understood.“

(https://enhanced-mind.com/behind-the-walls-we-build/)

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Eine Geschichte zu Silvester: Höflichkeit, Hegel, Anstand und China. Und, was wusste Heidi?

Hallo zusammen,

Freunde wiesen mich darauf hin, dass die folgende kleine sowie wahre Geschichte es wert sei, erzählt zu werden. Sie handelt von Anstand und Höflichkeit und hat mit Hegel und China zu tun.

Reinhold Baer, Jena 1930, GFHund – Eigenes Werk, CC BY 3.0

Mitwirkende: Reinhold Baer (Mathematiker), Eberhard von Goldammer (Biophysiker), Gotthard Günther (Philosoph), Prof. TS, sein Coordinator YW, Frau UR, Heidi und meine Wenigkeit.

Zu Beginn muss ich etwas ausholen. Sorry.

Dass mein u.a. von mir mitbegründetes eJournal www.vordenker.de sich neben vielem anderen mit den Arbeiten des Philosophen und Logikers Gotthard Günther (1900 – 1984) beschäftigt, dürfte Insidern ja bekannt sein. Beim gemeinsamen Studium der Texte Günthers fiel mir und Eberhard von Goldammer (1941 -2024) – ich hatte irgendwann im letzten Jahrtausend bei ihm diplomiert und promoviert – auf, dass der Philosoph an mehreren Schüsselstellen in seinem Werk einen bestimmten Text des deutschen Mathematikers Reinhold Baer (1902 – 1979) zitierte.

Baer, in mathematischen Fachkreisen recht prominent,

war jüdischen Bekenntnisses und ging 1933 nach der Machtergreifung durch die Nazis auf Einladung von Hermann Weyl (1885 – 1955) für zwei Jahre nach Princeton, um anschließend eine Professur an der University of Illinois in Urbana anzunehmen. 1956 kehrte er nach Deutschland zurück.

Auf dem Hegel-Kongress im Oktober 1931 in Berlin hielt Reinhold Baer einen Vortrag mit dem Titel „Hegel und die Mathematik„, der später im Tagungsband veröffentlicht wurde. Gotthard Günther hat häufiger Tagungen zu Hegel besucht und dort auch selbst Vorträge gehalten. Insofern ist es möglich, dass er bei Baers Vortrag anwesend war, Genaues weiß ich allerdings nicht.

Mitte 2001 schlug Eberhard dann vor, den Vortrag Baers als Quellenmaterial zum Werk Günthers auf vordenker.de nichtkommerziell zu Bildungs- und Seminarzwecken zu veröffentlichen. Er organisierte eine Kopie in der Bibliothek der Ruhruniversität Bochum. In der Winteredition 2001 stellten wir den Text online.

Am 22. Juli 2025 erhielt ich eine Email aus China mit dem BetreffInquiry concerning the Copyright of „Hegel und die Mathematik“und folgendem Text, die Namen in der Mail sind durch Platzhalter ersetzt:

Dear WebMaster,
I am writing this email on behalf of Prof. TS from XYZ University, China, to inquire whether you are able and willing to authorize him to publish his translation of the paper „Hegel und die Mathematik“ written by Reinhold Baer.

Prof. TS’s translation aims to make your valuable research accessible to Chinese academic communities and students. The translated work will be used strictly for non-commercial, educational purposes, with full attribution to you as the original author and clear citation of the source.

We kindly ask you to confirm:
Your approval for the translation and publication of the Chinese version;
Any specific conditions or formatting requirements you may have.

Thank you for considering this request. We deeply appreciate your contribution to academia and look forward to your response.

Sincerely yours, YW
Coordinator

Ich war überrascht und erstaunt. Der chinesische Professor hatte den Vortrag Baers wohl schon in Mandarin übersetzt. Um dem freundlichen Email-Schreiber gegenüber nicht ganz mit leeren Händen dazustehen und ihm bloß mittzuteilen, dass ich nicht das Recht hätte, das Anliegen von Herrn Prof. TS zu autorisieren, machte ich mich selbst an die Recherche.

Nach einem Umweg über Heidi, die Bibliothek der Universität Heidelberg – die heißt wirklich so! – wo mir ein – keine Ironie! – ausgesucht hilfsbereiter Bibliothekar telefonisch erklärte, dass man nur den privaten Nachlass von Reinhold Baer betreue und über Publikationsrechte leider nichts sagen könne, kam ich auf die Idee – echt, erst jetzt – den Verlag der Kongressveröffentlichungen zu kontaktieren, in Erwartung, dass man mir dort die Ohren langzieht, weil ich den Vortrag Baers einfach so online gestellt hatte.

Dem war aber gar nicht so. Der Mohr-Siebeck Verlag in Tübingen hält eine eBook-Ausgabe des 1931-Kongressbandes „Verhandlungen des zweiten Hegelkongresses vom 18.-21. Okt. 1931 in Berlin, (B.Wigersma, Hrsg.) J.C.B. Mohr, Tübingen, 1932“ nach wie vor zum Erwerb bereit für einen Preis von weit über 100 Euronen.

Beim Verlag verband man mich schnell mit der Expertin für Publikationsrechte, Frau LR. Sie bat mich um etwas Zeit und die Weiterleitung der Originalmail von Herrn YW. Wir verabredeten, dass ich eine kleine Info über die Weiterleitung an den Verlag an Herrn YW schreibe und sie sich bei mir meldet, sobald sie weitere Informationen hätte.

Mein Schreiben an Herrn YW (Auszug),

Dear Mr YW,

First of all, thank you very much for your interest and your enquiry. I
must now explain something, as I am not authorised to grant permission
for Baer’s work.

[… blabla zu Günther und Baer, my explanation …]

Baer’s lecture is part of the volume published by B. Wigersma in
Mohr-Siebeck-Verlag entitled ‘Proceedings of the Second Hegel Congress
from 18 to 21 October 1931 in Berlin II’, which is still available in
print. I have therefore forwarded your enquiry to the publishing
company, namely Ms LR. She will be able to provide you
with further information.
With best regards to you and Prof. TS,
Joachim Paul

Drei Tage später meldete sich Frau LR vom Verlag per Mail bei mir:

Sehr geehrter Herr Paul,

Vielen Dank für Ihren Anruf letzte Woche und für Ihre Nachricht.
Ich habe ausgiebig recherchiert und gar keine weitere Information gefunden, wo Baers Rechte liegen könnten bzw. wer sie jetzt verwaltet. Die Rechte an Beiträgen in Sammelwerken fallen nach zwei Jahren an den Autoren zurück. Ich fand die Publikation zwar bei der DNB und auf Google Books, aber das Buch steht nicht (mehr) bei uns auf der Backlist.
[…]

Ich würde in diesem Sinne eine kleine Mail an Herrn YW schreiben. (Seine Anfrage war ausgesprochen höflich, und so wie ich finde, könnten die Amis da was abgucken …).

Mit herzlichen Grüßen, LR

Am selben Tag bedankte sich Mr YW überschwänglich bei mir. Ich dankte noch einmal Frau LR für ihren Service und erhielt einen Tag später noch eine Mail von ihr:

Sehr geehrter Herr Paul,
Vielen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung; das freut mich, dass meine Mail hilfreich war. Ja, irgendwie waren die Amis am Ende der Schlange als Gott Anstand und Geduld ausgeteilt hat …!
Herzliche Grüße, LR

And that’s the end of the story …

Bleibt noch anzufügen, dass ich vor einigen Jahren diverse von mir online gestellte Texte, darunter waren auch eigene, in einer Datenbank von Allen AI gehosted wiederfand, eine KI-Firma mit Sitz in Seattle, gegründet vom Kleinweich-Mitgründer und Gates-Buddy Paul Allen. Ich fragte per Mail bei Allen AI, was das soll. Eine Antwort steht bis heute aus ….

Abschließend möchte ich betonen, dass es hier im Kern weder um Antiamerikanismen noch um Prosinoismen gehen soll – in dieser Geschichte geht es um Urheber und um Menschen, die elektronisch miteinander kommunizieren – und Brücken bauen – über Grenzen hinweg.

Happy 2026!

Joachim Paul

Veröffentlicht unter Persönliche Blogposts

vordenker news Dezember 2025

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

Auszug BerlinBalladen in Bildern I, Foto: Claus Baldus 2025
Auszug BerlinBalladen in Bildern I, Foto: Claus Baldus 2023

Nach über einem Jahr gibt es nun einen neuen Newsletter. Gleichwohl wurden zwischendurch einzelne Texte publiziert, die hier zum Schluss noch einmal aufgelistet sind.

Jetzt zum Jahreswechsel gibt es neue Beiträge von Claus Baldus, Gotthard Günther, Manfred Moldaschl und Melanie Xu. Darüber hinaus wird auf das aktuell erschienene Science Fiction Jahrbuch 2025 verwiesen, zu dem ich einen kleinen Beitrag leisten konnte.

pop psyche politik – begehren will bühne – blick trifft welt“ titelt Claus Baldus ein zehnteiliges Werk, bestehend aus vier Übungsstücken für Anfänger und Neuanfänger im Alltag, vier BerlinBalladen in Bildern sowie einer Vorbemerkung und einem Register, zu erreichen über die Vorbemerkung. Jeder der zehn Teile enthält auf seiner zweiten Seite hinter dem Deckblatt einen Navigator, über den die jeweils anderen Teile aufgerufen werden können.

Jede Zeit hat ihre Kontur, ihre Formen und Figuren und ihre Neurose.

– so leitet Claus Baldus in der Vorbemerkung ein –

Was das betrifft, können wir in den letzten Jahren von Obsessionen sprechen, Zwangsvorstellungen, die Lebensprogramm, Handeln und Bewusstsein in schicksalhafte Triebstruktur binden, praktische Ziele und Sinnsuche dirigieren und Willensbildung wie Denkformen gegen alternative Wahrnehmung und kritische Argumente immunisieren. Das ist die Spur, die Politik in den letzten Jahren hinterlassen hat : “Erbschaft dieser Zeit“, wie Bloch damals titelte, 1935. Aber es ist zu allen Zeiten so, ihre Signatur bleibt, ein Stenogramm.

Die Stücke sind Einladungen, nicht bloß zur Rezeption, sondern auch zur freien aktiven Umgestaltung, zur Anpassung an anders gegebene Situationen und Möglichkeiten. Insofern sind die in den Stücken auftretenden Personen, Robots und Menschen, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als abstrakte, Formen und Muster repräsentierende Typen.

Die Gesamtkomposition ist ergänzt und/oder durchbrochen von BerlinBalladen in Bildern, die unterwegs Sein fotografisch repräsentieren. Der Neorealismo Italiano, der Italienische Neorealismus in Literatur, Film, Fotografie und Architektur sei eine seiner Bezugslinien, hebt Baldus hervor.
Bildschirmfüllend betrachtet springen seine Fotos den Betrachter geradezu an. Und dabei springt der nicht sichtbare Rahmen mit. So schreit jedes Foto den ungesagten Subtext: „Das ist nur ein Ausschnitt, eine subjektive Wahl, eine individuelle Geschichte!“ Das ist erholsam und entspannend gegenüber der Angestrengtheit vieler Fotos und Videos im Datennetz, deren Sender, suggestiv vorzugeben versuchen, eine objektive Wirklichkeit abzubilden. Für weitere Anregungen zur Eigeninterpretation durch die Rezipienten sei auf Claus Baldus‘ Vorbemerkung verwiesen.

Die Bibliographie Gotthard Günthers wird nun ergänzt um eine neue, im Format überarbeitete Version seines Essays Das Phänomen der Orthogonalität. Hinzu kommt nun ein längeres Fragment aus seinem Nachlass, Die Metamorphose der Zahl.

Das Phänomen der Orthogonalität ist ganz der Würdigung Max Benses gewidmet und erschien erstmalig und posthum 1985 in der Zeitschrift Semiosis. Seine Bereitstellung im eJournal vordenker.de war ursprünglich für das Jahr 2001 geplant und vorbereitet, geriet aber in Vergessenheit. Eine Revision der Bibliographie Günthers und der dafür vorgesehenen Texte brachte dies zum Vorschein. Eine Publikation auf vordenker.de erfolgte dann im Juni 2022.

Das Phänomen der Orthogonalität wird nun hier aus gutem Grund zusammen mit dem Fragment Die Metamorphose der Zahl in einer neu formatierten Version zu Studienzwecken bereitgestellt. Denn beide Texte hängen inhaltlich zusammen. Sie gehören nicht nur zu den letzten Arbeiten Gotthard Günthers sondern markieren auch so etwas wie einen nicht abgeschlossenen Abschluss seiner Überlegungen zur dialektischen Zahlentheorie. Die Metamorphose der Zahl konnte Günther nicht mehr beenden. Beide Texte sind Bestandteil seines Nachlasses im Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz zu Berlin. Die hier bereitgestellten und sorgfältig neu formatierten Versionen basieren auf Kopien aus dem Handapparat von Rudolf Kaehr.

Spätestens seit Günthers Begegnung mit dem Physiologen, Psychologen und Mitbegründer der Kybernetik, Warren Sturgis McCulloch, im Jahr 1959, die Günthers Forschungsprofessur an Heinz von Foersters Biological Computer Lab in Urbana, Illinois, zur Folge hatte, nahm ein weiterer wesentlicher Teil seiner Lebensarbeit seinen Anfang. Günther legt davon in seinen Erinnerungen an W. S. McCulloch, Number and Logos/ Zahl und Begriff ein eindringliches Zeugnis ab. Später beschrieb Günther das Ziel dieses Arbeitsfeldes recht prägnant als Bestimmung des philosophischen Ortes der Zahl. Es führte ihn zur Entwicklung der Kenogrammatik und der dialektischen Zahlentheorie. Die beiden Texte sprechen für sich. Darauf aufbauende, beschreibende und erklärende Sekundärtexte werden weiterhin hier publiziert.

Manfred Moldaschl, zuletzt lehrte er Sozioökonomie und unternehmerisches Handeln an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, beehrt dieses eJournal mit einer kleinen Satire zum Thema Künstliche Intelligenz. Seinen Beitrag Die Schimpfmaschine und das Wesen des 21. Jahrhunderts leitet er ein mit einer gröblichen Epocheneinteilung:


Das 18. Jahrhundert war das Centennium der Mechanisierung. Das 19. Jahrhundert war das der Energetisierung. Das 20. Jahrhundert war das der Automatisierung. Das 21. Jahrhundert ist das Centennium der Autonomisierung.


Mehr sei hier nicht verraten, nur soviel, es gibt viel zu wenig Satiren zum Thema „Künstliche Intelligenz“! Allein das kann schon als ein Symptom gelten. Des Autors Beitrag darf als textuelles Psycho-, oder besser, Mentopharmakon wider die umsichgreifende mentale Verstopfung interpretiert werden.

Melanie Xu, deren Masterarbeit u.a. hier im November 2024 bereitgestellt wurde, folgte einer Aufforderung, ein Paper für das 50th Anniversary Meeting of Social Science History Association (SSHA) einzureichen. Sie wurde daraufhin eingeladen, auf der SSHA-Konferenz „Complexity and its Consequences“ (November 20-23, Chicago, Ill., USA, Palmer House Hilton) zu ihrer Arbeit ein lecture in der Section “For You”: Ethics, Literacy, and Responsibility in AI and Newer Social Media zu halten. Ihr Vortragstext steht hier komplett zur Verfügung und trägt den Titel The Ethics of Generative AI – an Update 2025. Er kann als direkte Ergänzung und als Update ihrer Master-Thesis Raubbau an der Kultur? – Zur Ethik generativer KI im aktuellen Diskurs gelesen werden.
Ein close reading ihres in Englisch verfassten Beitrags ist dringend empfohlen. Ohne dem Lesen vorgreifen zu wollen, sei hier noch angemerkt, dass sie in ihren abschließenden Bemerkungen direkt auf den Titel der Konferenz, Complexity, Bezug nimmt und auf grundsätzliche Unterschiede zwischen biologischen und technischen Systemen hinweist.
Darüber hinaus berichtet sie von dem Meeting mit insgesamt 224 Sections, dass viele Beiträge sich auch um große Sorgen in Bezug auf den Social-Media-Konsum jüngerer Generationen drehten. Diese Thematik, so Xu, wird wohl auch in den USA weitreichend reflektiert.

Unlängst erschien DAS SCIENCE FICTION JAHR 2025 im Hirnkost-Verlag.
Auszug aus dem Verlagstext:

Utopisch ist der Gedanke, dass ein Jahrbuch über vierzig Jahre in ungebrochener Folge erscheint und zurückblickt auf ein Genre, das sich multimedial durchgesetzt hat: die Science Fiction! 1986 wurde der Almanach von Wolfgang Jeschke ins Leben gerufen, später von Sascha Mamczak und Sebastian Pirling herausgegeben, bis Hannes Riffel das Projekt 2015 in den Golkonda Verlag holte und von Michael Görden fortgeführt wurde. Seit der 2019er-Ausgabe hat das Jahrbuch sein Zuhause im Hirnkost Verlag.
Und »Utopien und Science Fiction« ist eines der Schwerpunktthemen der 40. Aus­gabe des Jahrbuchs, hoffend, dass die Beschäftigung mit Hopepunk als Hoffnungs­­aktivismus, mit der Wirkmächtigkeit sozialer Utopien und mit der konkreten Umsetzung utopischer Lebensweisen à la Le Guins Für immer nach Hause etwas in unserem Denken und Handeln für die Zukunft bewegen kann. Ein ganz anderes Spektrum der SF wird im zweiten Schwerpunkt »Kosmische Visionen« beleuchtet, in dem es um Darstellungen im 21. Jahrhundert ebenso gehen soll wie um das Zusam­men­spiel mit der Hard Science Fiction und den Beginn des planetaren Denkens.
Wie in jedem SF-Jahr dürfen die Rückblicke auf die Entwicklungen der Science Fiction in Buch, Film, Game, Comic und Podcast nicht fehlen. Auch ein Überblick über die wichtigsten Genre-Preise sowie ein Nekrolog sind Teil der Ausgabe.

U. a. mit Beiträgen von Judith C. Vogt, Lena Richter, Jol Rosenberg, Bernd Flessner, Karlheinz Steinmüller, Marie Meier, Isabella Hermann, Michael Wehren, Theresa Hannig, Matthias Fersterer, Alessandra Reß, Judith Madera, Wolfgang Neuhaus, Wolfgang Both, Udo Klotz, Marie Meier, Markus Tillmann, Dominik Irtenkauf u. v. m.

Seit 2019 geben Hardy Kettlitz und Melanie Wylutzki das Jahrbuch gemein­sam heraus und werden redaktionell von Wolfgang Neuhaus und Michael Wehren unterstützt.

Planetares Denken! Seufz. Ich gestatte mir dazu eine kleine Bemerkung. Es ist m.E. außerordentlich mutig und vor allem wichtig, dass mit dieser Ausgabe, die auch noch eine Jubiläumsausgabe ist, einen kräftiger Kontrapunkt gegen die dystopischen Zeitgeister gesetzt wird. Und ich freue mich, dazu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben. Er schließt das Feature Utopie und SF ab. Du hast immer eine Wahl … John Brunners Der Schockwellenreiter neu gelesen beginnt auf Seite 191.

Rückschauend auf das Jahr 2025 verweise ich auf zwei längere Beiträge von mir zum Themenbereich Künstliche Intelligenz, die erfreulich oft und kompetent rezipiert wurden:

März 2025: Irreduzible Parallelität – eine Begriffsgeschichte, Sprachliche Ermittlungen im Reich des Komplexen

September 2025: Kreativität und Maschine – ein Diskursbeitrag zu künstlicher Intelligenz
und unseren Mensch-Maschine-Verhältnissen

Abschließend erlaube ich mir noch den Hinweis, dass die Deutsche Nationalbibliothek 3mal im Jahr den Content dieser Website scannt und archiviert.

Geruhsame Feiertage und ein gleichermaßen erfolgreiches wie wenig skandalöses Jahr 2026 wünscht,
Ihr Nick H. aka Joachim Paul (Hg.)

Veröffentlicht unter Persönliche Blogposts

Kreativität und Maschine

ein Diskursbeitrag zu künstlicher Intelligenz
und unseren Mensch-Maschine-Verhältnissen

Liebe Leser, liebe Vordenker,

das Thema Künstliche Intelligenz wird weiterhin massiv gehyped. Jenseits der Äußerungen des Heeres der „Experten“, der KI-Euphoriker und der Tech-Katastrophisten gibt es ein paar um Besonnenheit bemühte Stimmen, die vielleicht dadurch auffallen, dass sie nicht so laut sind – wenn man noch in der Lage ist, zu filtern. Manche Entwicklungen sind regelrechte Innovationstreiber, so z.B. für die Medizin, die Biochemie oder die Materialforschung, andere wiederum geben zu größerer Besorgnis Anlass. Dazu gehören Äußerungen im politischen Kontext und sicher einige „Nutzungspraktiken“ der Chatbots. Und ein paar der Eigenschaften, die unseren KI-Maschinen zugeschrieben werden. Da ist von Freundschaft die Rede, davon, wie kreativ ChatGPT4o doch sei, usw. Ich habe mich bemüht, für Sie, für interessierte Leser und nicht zuletzt für mich selbst ein paar Dinge auseinanderzudröseln, bzw. zusammenzusetzen und geradezurücken. Was das Bild (1903) von John William Waterhouse hier soll, das erschließt sich im Text.

Lesezeit / reading time ca. 30-45 min. Hier nur das Abstract und die pdf-Links.

Herzlich, Nick H. – aka Joachim Paul

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Abstract

In diesem Beitrag diskutiere ich unser Verhältnis zu und unsere Wahrnehmung von KI-Systemen, insbesondere den großen Sprachmodellen und Transformern, die zunehmend mit Eigenschaften wie Intelligenz und Kreativität assoziiert werden. Dazu werden die Quellen der Kreativität in KI-generierten Inhalten hinterfragt und die Strukturen der Mensch-Maschine-Interaktionen und deren mögliche Eigenschaften beschrieben und untersucht. Berücksichtigt werden auch die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von KI auf Kreativschaffende. Dabei plädiere ich für Transparenz der KI-Betreiber und schlage alternative Denkansätze zur Ko-Kreation von Mensch und Maschine vor, die über reine Problemlösungen hinausgehen. Dazu wird auf die Bedeutung von menschlicher Willenskraft, Motivation, soziokulturellem Kontext und haptischen Erfahrungen für die Kreativität hingewiesen. Abschließend wird Kreativität als lebensweltlich, evolutiv und sozial verankerter Prozess gefasst, dessen Zuschreibungen an Maschinen auch in Zukunft kritisch zu reflektieren sein werden.

Keywords: Algorithmus, Anthropomorphisierung, Evolution, Framing, Ko-Kreation, Kreativität, Kontext, Kunst, Kybernetik, LLM, Mensch-Maschine-Interaktion, Maschine, Mindset, Musik, Narzissmus, Serendipität, Servomechanismus, Skinner-Box, Stochastik, Tastsinn, Vermenschlichung.

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Irreduzible Parallelität – eine Begriffsgeschichte Sprachliche Ermittlungen im Reich des Komplexen

ein Debattenbeitrag zum Thema künstliche Intelligenz

Liebe Leser, liebe Vordenker,

vorneweg, dieser Essay ist auch eine Entschuldigung. Der og. Begriff im Titel, „Irreduzible Parallelität„, ist nicht von mir. Und in Publikationen schriftlich verwendet hatte ich ihn auch schon. Alles weitere im Text.

Forschen, das heißt, regelmäßig Ausflüge an die Grenzen des eigenen Verstehens zu machen, alles andere ist Verwalten.

Ich fange mit einem Gedanken an und schaue, wohin es mich trägt.

Abstract
Wie lässt sich der Begriff der Komplexität besser fassen? In diesem Essay gehe ich der Geschichte des Begriffs „irreduzible Parallelität“ nach und versuche zu zeigen, dass er einem tieferen Verständnis komplexer Systeme dienen kann. Ausgehend von einer anekdotischen Kritik an der unpräzisen Verwendung des Begriffs der Komplexität sowie einer Diskussion der verbreiteten Anthropomorphisierungen insbesondere von KI-Systemen untersuche ich, wie sich parallelisierte, prinzipiell serielle algorithmische Prozesse künstlicher Intelligenz von der massiven Parallelität biologischer Prozesse unterscheiden. Dieses Vorgehen führt an die Wurzeln der Sequenzialität in Sprache, Philosophie und Mathematik und reißt alternative logische und mathematische Ansätze an, die nicht auf einem Konzept der Linearität beruhen. Dabei werden Begriffe wie Selbstreferenzialität, Selbstorganisation und Ultrametrizität erörtert, um Grenzen und Möglichkeiten der Berechenbarkeit und Formalisierung von Beschreibungen lebender Systeme aufzuzeigen. Abschließend werden einige Definitionen vorgeschlagen.

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Lesezeit // reading time ca. 30 min.

Herzlich, Nick H. – aka Joachim Paul

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Lost in der Polykrise

Übers verloren fühlen in der Schnellebigkeit der Welt und im Politaktivismus (und ein Lob auf Diskussionen/die Diskussionskuktur auf Mastodon)

Oft bin ich traurig in letzter Zeit. Manchmal auch pissig. Manchmal auch durchaus auf einzelne Menschen, aber mehr auf strukturelle Gegenenheiten, internalisierten Kapitalismus, Effizienzstreben, „höher, schneller, weiter“, Insta-Fssaden. All das macht auch vor linken Strukturen nicht halt, sondern wird zunehmend Teil derer mit all den dadurch unangenehmen, toxischen Folgen.

Regt mich das nun vor allem deshalb so auf, weil ich das nicht mehr kann aufgrund von psychischen und physischen Beeinträchtigungen?

Ist das eigentlich schlimmer geworden in den letzten Jahren oder fällt mir das aufgrund dessen nur mehr auf? Wird dadurch Ableismus mehr? Sind mehr Menschen in der Szene unterwegs, die kapitalistische Ideale so stark verinnerlicht haben, dass das Polit-Arbeit und Strukturen verändert?

Und natürlich ist auch einfach viel, gegen das man kaum ankommt: Rechtsruck, damit einhergehend Faschobedrohungen, Terfs, Swerfs, Klimawandel. Das volle Programm.

Ich habe das zunehmende Gefühl, dass ich meinen politischen Kompass verloren habe, mein Gefühl von Zugehörigkeit. Ist das jetzt ‚nur‘ zunehmendes Alter? Hat sich politische Arbeit verändert? Habe ich mich so stark verändert? Muss ich kompromissbereiter werden? Wo sind meine roten Linien? Und wie gehe ich damit um, wenn die völlig andere sind als in vielen politischen Gruppen? Suche ich an den falschen Stellen? Bin ich zu hart geworden? Oder zu weich? Wo heulen wir eigentlich zusammen?

Atmen, zur Ruhe kommen, Stille: Fühlt sich das, was ich tue, richtig an? (Und oft fühlt es sich nicht richtig an…)

Was sind denn eigentlich meine Bedürfnisse? Ich habe immer mehr das Gefühl, dass wir auch in linken Bubbles Konflikte, Werte etc. nicht aufrichtig diskutieren. Vor allem: Dass wir uns keine Zeit nehmen fürs Fühlen. (Das habe ich aber auch erst durch Jahre Therapie gelernt.)

Ich passe nicht mehr. Oft fühlen sich für mich Begegnungen, Treffen, Plena völlig oberflächlich an. Es gibt einen Veranstaltungskalender mit zig Veranstaltungen, Vorträgen, Tresen, Kundgebungen, Kampfsport. Und ich fühle mich nahezu überall falsch. Als knirsche alles. Noch nen Sekt?

Für mich ist da gerade nichts bei. Das mit dem Rückzug ins Private habe ich auch verkackt. Vielleicht doch wieder um ein paar alte Katzen kümmern? Politzeug den Jüngeren überlassen. Nicht mehr dagegen halten. (Zum Beispiel bei Sexarbeitsfeindlichkeit.) Ich will nicht immer nur Kämpfe. Im Kern bin ich harmoniebedürftig. Erst recht in schwierigen Zeiten.

Wo reden wir über unsere Bedürfnisse? Die Menschen, die nicht (mehr) passen, sind halt weg, raus aus Strukturen. Wo ist Raum für Fehler(kultur), Verzeihen, Zärtlichkeit, Meditation? Wo nehmen wir uns Zeit für tiefe, aufrichtige Begegnungen? Wo sehen wir einander wirklich? Wie gehen wir mit Konflikten um? Überall Awareness? Was ist eigentlich noch echt?

Alles ist immer super wichtig, super dringlich. Klar. Abwehrkämpfe. Nächster Aufreger. Noch ne Abschiebung. Wieder ein toter Obdachloser. Aber wie verarbeiten wir das denn überhaupt? Also nicht in der nächsten Kundgebung. Ich meine, so emotional…

Mein Impuls in all dem wäre eigentlich, einen Schritt zurückzugehen. Langsamer machen. Weniger Populismus. Aber damit bin ich irgendwie… alt? Falsch?

Ich mag immer noch Gruppen, die sich fortbilden. Texte lesen, darüber reden. Sich Zeit dafür nehmen. Zum Beispiel fand ich mich an vielen Stellen in diesem wieder:

White Supremacy Culture

Ich habe mehr Fragen als Antworten. Mehr Unsicherheiten. Keine Lösungen.

Aber auch ein wenig Hoffnung. Meine größte, positive Überraschung der letzten Jahre ist Mastodon. Es ist vielleicht auch traurig, dass ich Auseinandersetzungen/Diskussionen dort oft mehr als im Draußen als sehr facettenreich, persönlich, bereichernd, durchdacht empfinde. Das passt nicht für alle. Wenn Du nur Inhalte raushauen willst, ist das vermutlich die falsche Plattform.

Wie geht es euch so aktuell? Wo seid ihr sicher? Wo hadert ihr? Was sind eure Strategien? Wo fühlt ihr euch zugehörig? Was braucht ihr dafür?

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TELEPOLIS: Programmierte digitale Geschichtsvergessenheit

Vorab für Eilige:
Meine Telepolis-Beiträge und von mir geführten Interviews sind hier republiziert.

Am 6. Dezember 2024 gab das Onlinemagazin Telepolis bekannt, dass man Anfang Dezember alle Beiträge, die vor 2021 erschienen sind, in der Summe sind das über 50.000, vom Netz, bzw. „aus dem Archiv“ genommen habe, da, so der Chefredakteur Harald Neuber, „wir für deren Qualität nicht pauschal garantieren können“. https://www.telepolis.de/features/Qualitaetsoffensive-Telepolis-ueberprueft-historische-Artikel-10190173.html

In der Begründung des Chefredakteurs steckt ein unmittelbar ins Auge springender eklatanter Widerspruch. Einerseits heißt es, „die Deindizierung“ sei „keinesfalls ein Misstrauensvotum gegen frühere Autoren und damalige Beiträge heutiger Autoren. Wir mussten aber einsehen, dass es keine realistische Möglichkeit gibt, die enorme Menge von Artikeln aus gut 25 Jahren hinreichend zu prüfen.

Aber schon im übernächsten Absatz schreibt Neuber: „Wir werden die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten.

Erst wird gesagt, dass eine hinreichende Prüfung nicht möglich sei, gleichwohl

soll bewertet und überarbeitet werden. Überarbeiten? Hallo, geht’s noch!
Für mich klingt das schwer nach, „wir werden dem Werk von Karl May die Indianer schon austreiben.“ Und man maßt sich an zu bewerten, obwohl, siehe oben, eine hinreichende Prüfung erklärtermaßen nicht möglich ist.

Essays und Fachaufsätze haben dabei Vorrang„, heißt es weiter, „tagesaktuelle Texte aus der Vergangenheit nicht. Schrittweise sollen die vielen Perlen aus dem Archiv wieder zugänglich gemacht werden …

Insgesamt sind mehr als 50.000 Beiträge, Berichte, Essays, Gespräche, Interviews, von der Löschung betroffen, über die vorab weder die Autoren noch die Öffentlichkeit informiert wurden.

Diese Aktion hat zudem technisch zur Folge, dass tausende Links aus dem Netz auf diese Telepolis-Beiträge nun zerbrochen sind.

Vom Inhalt her betrachtet reißt das ein riesiges Loch in die Netzkultur, bzw. in den deutschsprachigen Teil unseres digitalen kulturellen Gedächtnisses.

Eine wesentliche Möglichkeit der Interaktivität, ein technischer Ausdruck der Meinungsfreiheit, bestand in der gern und reichlich genutzten Kommentarfunktion auf Telepolis.

Auch die Kommentare in den Diskussionsforen zu den abgeschalteten Beiträgen sind nicht mehr verfügbar. Einige der ernstzunehmenderen Kommentarbeiträge enthalten nicht selten ihrerseits Links auf weiteren themenrelevanten Content.

Somit stellt die Herausnahme der Texte und der zugehörigen Forenbeiträge einen massiven Riß im Medien- und Textgewebe der Zeit dar.

Die Forenbeiträge sind möglicherweise ganz verloren, denn das privat geführte Internet-Archiv archive.org sowie auch die Deutsche Nationalbibliothek archivieren sie nicht. Dasselbe gilt für das Fußnotenmanagement von Telepolis.

In Zukunft sind also nicht nur Diejenigen, die sich mit Kultur- und Mediengeschichte des Internet und der Veränderung unserer Kommunikationskultur beschäftigen, sondern auch allgemeine Leser, die sich für das Vierteljahrhundert Telepolis interessieren, auf Spezialarchive angewiesen. Doch deren Existenz ist nicht garantiert.

Die aktuelle Telepolis-Aktion ist programmierte digitale Geschichtsvergessenheit. Ohne Ansage.

Florian Rötzer war Mitgründer und von 1996 bis 2020 Chefredakteur des Online-Magazins. Auch wenn er mittlerweile Abstand dazu hat, es ist die Unzugänglichmachung eines Teils seines Lebenswerks.

Und für viele Autoren war Telepolis auch eine Referenz, manche begannen ihre Schreibkarriere dort. Ihnen ist mit der Abschaltung zumindest ein Teil ihrer digitalen Existenz, ihrer Identität, genommen.

Man hätte es ahnen können, denn bereits im Februar 2024 wurde den älteren Beiträgen auf der Plattform ein Disclaimer vorgeschaltet. Florian Rötzer sprach in diesem Zusammenhang von einem „Journalismus für das betreute Lesen“ mit dem Zusatz „ganz im Trend der Zeit“.
https://overton-magazin.de/top-story/telepolis-oder-der-journalismus-fuer-das-betreute-lesen/

Die Reaktionen im Netz auf die nunmehr erfolgte Depublikationsaktion blieben nicht aus.
https://overton-magazin.de/top-story/telepolis-loescht-alle-frueheren-texte/
https://overton-magazin.de/top-story/telepolis-damnatio-memoriae/

Eine Zusammenstellung weiterer Reaktionen gibt es hier.
https://www.spiegelkritik.de/2024/12/08/medienreaktionen-auf-archiv-loeschung-bei-telepolis/

Nun denn, Telepolis antwortet nicht auf Anfragen. Und ich habe nicht wirklich Hoffnung, dass dort noch etwas passiert. Die Pseudo-Strategie des Aussitzens ist weit verbreitet. Derartige Probleme haben aber nicht selten die Eigenschaft, in unerwartet veränderter Form irgendwann durch eine Hintertür wieder hereinzukommen.

Es gibt jedoch auch eine Verantwortung des Autors für seine Texte und für die von ihm geführten Interviews sowie die Gesprächspartner. Der will ich, soweit es mir möglich ist, nachkommen.

Aus diesem Grund stelle ich meine Beiträge und Interviews nun hier zur Verfügung. Die geringere Reichweite dieses Journals gegenüber Telepolis muss eben in Kauf genommen werden. Aber wenigstens sind die Texte weiterhin verfügbar.

I’m not amused,
dennoch beste Wünsche für das kommende Jahr 2025,
Nick H. aka Joachim Paul

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Aus Telepolis entfernt, wtf ….

Links und Titel zu meinen Beiträgen und von mir geführten Interviews auf Telepolis in der Reihenfolge ihres Erscheinens in dem Online-Magazin

Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie? – Anmerkungen zu blinden Flecken im Narrativ der Kybernetik
Neuss, 07. Januar 2018, republiziert auf Telepolis am 21. Mai 2018, ungültige URL:
https://www.heise.de/tp/features/Anti-Aufklaerung-Kriegstechnologie-4049821.html?seite=all
Dieser Beitrag ist von Telepolis nur übernommen worden. Aufgrund der Abschaltung der Republikation verweise ich hier mit dem Link auf das Original.

Schulen und Digitalisierung reloaded – Nachrichten aus der Wirklichkeit
Telepolis – Heise online, Hannover, 02. Oktober 2018
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Schulen-und-Digitalisierung-reloaded-4177975.html?seite=all

„Die Arbeitsmärkte waren in Deutschland noch nie in einem so schlechten Zustand“ – Interview mit dem Ökonomen Prof. Dr. rer. pol. Heinz-Josef Bontrup zu geschönten Arbeitslosenzahlen, den Folgen der Digitalisierung und zu einem bedingungslosen Grundeinkommen
Telepolis – Heise online, Hannover, 18. Dezember 2018
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Die-Arbeitsmaerkte-waren-in-Deutschland-noch-nie-in-einem-so-schlechten-Zustand-4252613.html?seite=all

„Der Nationalstaat ist eine Imagination der Selbstkontrolle“ – Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Dirk Baecker,
Telepolis – Heise online, Hannover, 03. März 2019
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Der-Nationalstaat-ist-eine-Imagination-der-Selbstkontrolle-4316610.html?seite=all

„Deutschland ist stark im Griff einer konservativen Wirtschaftselite“ – Interview mit dem ehem. Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Dr. Norbert Walter-Borjans,
Telepolis – Heise online, Hannover, 13. April 2019
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Deutschland-ist-stark-im-Griff-einer-konservativen-Wirtschaftselite-4366065.html

„Für eine nachhaltige Entwicklung ist die Auseinandersetzung mit Fehlentwicklungen des modernen globalen Kapitalismus notwendig“ – Interview mit Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und Mitglied des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen)
Telepolis – Heise online, Hannover, 12. September 2019
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Fuer-eine-nachhaltige-Entwicklung-ist-die-Auseinandersetzung-mit-Fehlentwicklungen-des-modernen-4517099.html

„Maybe the force – Science Fiction und Star Wars: Kehrtwendungen zwischen Mythos und Wissenschaft“
Telepolis – Heise online, Hannover, 17. Dezember 2019
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Maybe-the-force-Science-Fiction-und-Star-Wars-Kehrtwendungen-zwischen-Mythos-und-Wissenschaft-4606277.html

„Zwischen Scylla und Charybdis –
Schulen zwischen Politik, Digitalisierung, Corona und dem gekippten Privacy Shield“

Telepolis – Heise online, Hannover, 19. Oktober 2020
ungültige URL: https://www.heise.de/tp/features/Zwischen-Scylla-und-Charybdis-4928913.html

aktuell noch verfügbar auf Telepolis

„Neoliberal ist neoliberal, diesseits und jenseits des Atlantik“ – Interview mit dem Ökonomen Heinz-Josef Bontrup über die US-Wahl und die Verflechtung von Wirtschaft und Politik
Telepolis – Heise online, Hannover, 30. Januar 2021
https://www.telepolis.de/features/Neoliberal-ist-neoliberal-diesseits-und-jenseits-des-Atlantik-5038454.html

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Diskussionen um Sexarbeit

(Und der Backlash dazu in „linken“ Gruppen).

Eine persönliche Stellungnahme.

Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust mehr, auf SWERF und TERF Texte zu reagieren und Diskussionen zu Sexarbeit/Prostitution wieder aufzuwärmen, von denen ich eigentlich dachte, man hätte dies in den 90ern und später rund um die Prostitutionsgesetze ausgiebigst ausgehandelt. Wenn aber zunehmend junge, „linke“ Gruppen in ihren Forderungen wieder reaktionärer werden, sich eher auf CDU Niveau begeben in ihren populistischen, teils autoritären Argumentationen und damit weit hinter wirklich guten Texten und Analysen (https://www.aids-nrw.de/upload/pdf/empfehlungen/prostschg/20141008_runder_tisch_prostitution_abschlussbericht.pdf) aus dem bürgerlichen Niveau (übrigens unter Einbezug von Sexarbeitenden) zurückbleiben, wird es vielleicht doch Zeit für ein paar deutlichere Worte.

(Dies ist eine erste, kurze Fassung, die ich bei Gelegenheit erweitern könnte. Kommentiert/ergänzt gerne.)

Grundsätzlich stellt sich mir auch die Frage, ob es sinnvoll ist, einem schlechten Text durch Erwähnung zu mehr Reichweite zu verhelfen, aber da interne Diskussionen und meine Kritik jedes verfickte Mal in nach meinem Empfinden völlig abwertender Art abgebügelt wurden (zum Beispiel nach der Rede und dem Auftreten von fem:in Ruhr und den ihnen verbundenen Strukturen auf der 8. März Vorabend-Demo in Dortmund), ist es vielleicht einfach nötig, dass ich mal öffentlich klar Stellung beziehe.

Weil ich das wichtig finde. Eben genau, um Gewalt wirklich zu begegnen und auch, um Ally zu sein für meine Freund*innen in Sexarbeit. Und weil ich mich mit einer gegenläufigen feministischen, politischen Position zunehmend nicht mehr sicher fühle in Zusammenhängen und bei Demonstrationen, die derartig reaktionäre Beiträge nicht nur dulden, sondern feiern.

Ja. Ich bin wütend. Und nur dann schreibe ich überhaupt noch Texte.

Dieser Text hat nicht den Anspruch, alle Aspekte und Probleme von Sexarbeit erfassen zu können. Sexarbeit ist vielfältig, umfasst Escort, Pornos, Table Dance, Tantra-Massage und Straßenstrich. Und so vielfältig wie die Arbeitsfelder sind die Menschen, die entsprechend derart arbeiten.

Damit sind wir im Grunde schon beim ersten Kritikpunkt am neuesten Text von fem:in Ruhr zu Prostitution.

Der Text kommt ausschließlich cis-geschlechtlich daher. Es ist ausschließlich von weiblicher Prostitution die Rede. Das mag die Mehrheit sein der Menschen in Sexarbeit, beschränkt sich aber keinesfalls darauf. Ein Ausblenden der Vielfalt in Sexarbeit wirkt mir da systemisch. Es macht es einfacher, Frauen darauf zu beschränken, Opfer zu sein, die vor durchweg gewalttätigen Freiern gerettet werden müssten.

Ja. Es gibt in der Branche gewalttätige Übergriffe. Allerdings ist es -wie in dem Text gefordert- überhaupt nicht hilfreich, auf Kriminalisierung zu setzen, um Gewalt zu verhindern.

Aber der Reihe nach. Sehen wir uns den Text doch mal systematisch und von vorne an:

Die Veröffentlichung von fem:in Ruhr beginnt bereits mit der höchst populistischen Überschrift „Wenn Frauenkörper zur Ware werden“.

Die Diskussion, ob Sexarbeit eine Dienstleistung ist oder ob grundsätzlich und immer (wie bei fem:in) davon gesprochen werden kann, dass „Frauen ihren Körper verkaufen“, ist auch schon x Male geführt worden über die letzten Jahrzehnte. In der Sache würde es nach meiner Auffassung helfen, sich Antje Schrupp oder „Feminism Unlimited“ anzuschließen und begrifflich Sexarbeit und Prostitution auseinanderzudividieren.

Um Gewalt begegnen zu können, braucht es mE eine differenzierte Betrachtung, auch in der „linken“ Diskussion und mit Begriffen. Das ist aufwändiger, führt nicht zu reißerischen Bannern, hilft aber am Ende betroffenen Menschen weit mehr als das Befeuern von Stigmata und Stillschweigen oder gar die Forderung nach Kriminalisierung und damit ein Verdrängen ins Heimliche. „Prostituierte*r“, „Sexarbeiter*in“, „Hure“ etc. ist als Selbstbezeichnung zu akzeptieren, als Fremdbezeichnung aber durchaus problematisch, weil damit unmittelbar Ablehnung, Kriminalität, Stigmatisierung, Missbrauch etc. mitschwingen.

Die Gefahr dabei, alles in dem Bereich über einen Kamm zu scheren, ist vor allem ein systematisches Unsichtbarmachen von Gewalt, zum Beispiel bezüglich trans Menschen in Sexarbeit. Von den in 2023 ermordeten 321 trans Menschen waren 48 Prozent in Sexarbeit tätig. (https://transrespect.org/en/trans-murder-monitoring-2023/)

Das Ausblenden führt zudem zu weiterer Stigmatisierung (der trans Menschen, aber auch Menschen in Sexarbeit im aktuellen Rechtsruck ohnehin schon ausgesetzt sind).

Aber zunächst mal weiter im Text von fem:in: Nahezu alle Behauptungen des Textes bleiben ohne Beleg oder Quelle. Beispiel: „Aber um welche Frauen geht es dabei? Wer sollte die wichtigere Seite sein, bei einer Gegenüberstellung von wenigen Freiwilligen und einer großen Anzahl Zwangsprostituierter?“

Neben der fehlenden Seriösität solcher Aussagen kommt hier ein weiterer Aspekt zum Tragen: Offen auftretenden Sexarbeitenden, die dies freiwillig und selbstbestimmt tun, wird das Recht abgesprochen, zu reden/ernst genommen zu werden. Sie werden als „zu privilegiert“ abgestempelt. Nur Frauen, die Gewalt erfahren haben und Prostitution daraus folgend ablehnen, werden als legitime Stimme angesehen. Diese Argumentation weist deutliche Doppelstandards auf. (https://prostitutionspolitik.net/2024/09/15/warum-der-vorwurf-des-privilegs-gegen-sexarbeitende-eine-anti-demokratische-strategie-ist/)

Und Nein. Sexarbeit muss nicht „empowernd“ sein. Manchmal ist es halt auch nur Scheiß Lohnarbeit. (https://medium.com/@theomeow/warum-sexarbeitende-ihren-job-nicht-lieben-müssen-34c895e4e74b)

Im Text von fem:in folgt dann ein größerer Abschnitt über Freier. Zweifellos ist in einer patriarchalen Gesellschaft männliche und sexualisierte Gewalt eingewoben, beschränkt sich aber bei weitem nicht auf Gewalt gegen Sexarbeitende. Jede Beziehung, jeder sexuelle Kontakt müsste daraufhin geprüft werden. Aber ist die Aussage, dass man sexuelle Dienstleistungen nicht kaufen dürfe, eine daraus unmittelbar folgende oder ist dies nicht eher ein sehr moralin-triefendes Ding? Ist Sex etwas so „Heiliges“/Besonderes, dass es auch konsensuell nicht mit Gegenleistung oder Bezahlung verbunden sein darf? Polemisch: Müsse man Sex anbieten, ohne dafür bezahlt zu werden? Im Nebensatz findet sich noch ein wenig mehr Moralvorstellungsgedöns in Form von Kinkshaming zu „Fetischnischen“, was ich jetzt aber in diesem Text nicht weiter problematisieren werde. Die moralische Überhöhung von Sex sieht man mE auch in Aussagen wie „Dadurch verliert die Sexualität ihren sozialen und zwischenmenschlichen Kontext“. Natürlich ist es legitim, Sexualität diese Bedeutung zuzumessen. Allgemeingültig ist diese aber keineswegs. Manchmal ist Sex einfach nur Sex. Lust, Befriedigung, Frustabbau. (Konsens natürlich vorausgesetzt.)

Die Quelle zur im Text von fem:in angesprochenen Umfrage unter Freiern bleibt ungenannt. Möglicherweise ist hier die von der Alice-Schwarzer-Stiftung bei Allensbach in Auftrag gegebene Umfrage gemeint. Es könnte auch die als unwissenschaftlich entlarvte „Farley-Studie“ sein (https://www.berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2024/07/16/zitate-gefaelscht-auf-diese-unwissenschaftliche-studie-beziehen-sich-viele-befuerworterinnen-eines-sexkaufverbots/

https://www.berufsverband-sexarbeit.de/wp-content/uploads/2024/03/ALTERNATIVE-FAKTEN_Freierstudie_Farley.pdf ).

Auch Kund*innen von Sexarbeitenden sind übrigens vielfältig. Ein überwiegender Anteil von Männern blendet Frauen, queere und behinderte Menschen einfach mal aus.

In die emotional aufheizenden Formulierungen mischt sich nun im Text etwas Paternalistisches. Frauen werden als Opfer, migrantisch, jung gesehen und vor allem als hilflos, als jemand, den man „retten“ müsse.

Nun könnte ich mich noch mit Marx‘ Verdinglichung beschäftigen, da das aber den Rahmen sprengen würde, endet diese Analyse zunächst mal mit einem Blick auf die Auswirkungen der von fem:in geforderten Kriminalisierung. Fem:in setzt hier auf einen gesellschaftlichen Wandel, der durch Ausweitung von Scham und dadurch zunehmende gesellschaftliche Ablehnung des Kaufs von Sex passieren soll.

Kriminalisierung/Auswirkungen und Kritik:

Gerade Scham und mehr Repression führen aber eben nicht zu einem Rückgang von Gewalt, sondern vor allem dazu, dass Betroffene erst recht nicht mehr über diese Erfahrungen sprechen könn(t)en und Sex gegen Bezahlung vermehrt im Verborgenen ablaufen würde.

Aussagen, dass Menschenhandel durch das Prostitutionsgesetz befördert worden seien, haben bisher keine in Daten abgebildete faktische Basis. Mehr zu Menschenhandel:

https://www.ban-ying.de/fileadmin/banying/publikationen/Artikel_MH_und_ProstSchG_Mai_2017.pdf

Stellungnahmen zu den Auswirkungen von Kriminalisierung gibt es zu Hauf. Hier ein paar Beispiele:

Kriminalisierung ist unter anderem paternalistisch:

https://medium.com/pulpmag/nordic-model-the-ongoing-criminalization-of-sex-workers-in-northern-europe-c1df02ba94ae

Gibt es feministische Solidarität?

Ausführliche Analyse in Englisch zu „human rights of sexworkers“:

https://www.coe.int/hu/web/commissioner/-/protecting-the-human-rights-of-sex-workers

Stellungnahme des BesD e.V. (Berufsverband sexuelle und erotische Dienstleistungen) gegen Kriminalisierung:

Studie zu den Auswirkungen eines Sexkaufverbotes:

Stellungnahme von Doña Carmen e.V. (Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten)

https://www.donacarmen.de/wp-content/uploads/02-Unaufgeforderte-Stellungnahme-Dona-Carmen-e.V..pdf

Amnesty International

Das könnte ich nun noch eine Weile fortführen, belasse es aber erst einmal dabei.

Was wirklich helfen würde:

Nach meiner Auffassung neben einer wie von mir oben geforderten differenzierten Betrachtung: Über Bedarfe mit Betroffenen zu reden und dementsprechend solidarisch zu handeln. Auch hier gilt: „Nicht über uns ohne uns.“

Studie der Aidshilfe zu gesundheitlichen Bedarfen von Sexarbeitenden:

https://www.aidshilfe.de/meldung/sexarbeit-deutschland-druck-nimmt-hilfsangebote-wichtiger-denn-je

„‚Sexarbeitsfeindlichkeit, Rassismus und Transmisogynie führen zu Gewalt gegen Sexarbeiter*innen, ganz besonders gegen trans weibliche Sexarbeiter*innen. Wir möchten mit Respekt behandelt werden. Wir sind normale Menschen, keine Monster. Ausgrenzung und Isolierung haben eine negative Auswirkung auf die Gesundheit von Sexarbeiter*innen. Durch Projekte von und für Sexarbeiter*innen und akzeptierende Arbeit kann die Gesundheit in unserer Community gefördert werden.‘“

Und natürlich:

Ausweitung von Arbeitsrechten:

Aktuelle Entwicklungen zB. in Belgien:

https://www.firstpost.com/explainers/belgium-sex-workers-labour-rights-maternity-pay-pension-rights-law-13840881.html

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vordenker news November 2024

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

„Kunst aus dem ThermoMix“, Leonardo AI, Prompt by Joachim Paul: „Erstelle bitte ein Titelbild zu einer als herausragend bezeichneten Masterarbeit mit dem Titel „Raubbau an der Kultur? – Zur Ethik generativer KI im aktuellen Diskurs“.

jetzt im November gibt es einen brandaktuellen Beitrag von Melanie Xu, eine mit dem Attribut „Herausragend“ bezeichnete Masterarbeit „Raubbau an der Kultur? – Zur Ethik generativer KI im aktuellen Diskurs„.

Darüber hinaus wird ein längst erschienener Aufsatz des Philosophen und Psychoanalytikers Rudolf Heinz, „Was ist Patho-Gnostik?„, nun online zur Verfügung gestellt.

Und erneut hervorgehoben werden sollen eine sprachphilosophische und eine praktisch konstruktive Arbeit des Begründers der Koreanistik in Deutschland, Andre Eckardt, seine „Philosophie der Schrift“ und seine Sinnschrift SAFO.

Obendrein gibt es noch einen – zugegeben längst überfälligen! – Literaturtipp, „Das Bewusstsein der Maschinen – die Mechanik des Bewusstseins“ — „Mit Gotthard Günther über die Zukunft menschlicher und künstlicher Intelligenz nachdenken“ von Werner Vogd und Jonathan Harth.

Abschließend wird – in eigener Sache – auf einen neuen Video-Podcast „Bildung – Digitalisierung – Zukunft“ verwiesen.

Melanie Xu legte im Magister-Studiengang „Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen“ der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau bei Prof. Dr. Klaus Wiegerling ihre Masterarbeit „Raubbau an der Kultur? – Zur Ethik generativer KI im aktuellen Diskurs“ vor. Ihre Arbeit wird als herausragend auf dem Server der Universität zum Download angeboten und mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin auch hier via vordenker.de.

Xu untersucht in ihrer Arbeit internationale sowie deutsche kollektive Stellungnahmen, Vereinbarungen, Gesetzgebungsprozesse und Studien und darüber hinaus einschlägige Statements einzelner Autoren aus dem Jahr 2023 aus dem Diskurs um generative KI-Systeme und belegt – so der Kommentar auf dem Server der Universität -, dass innerhalb der Debatten für ethische Fragestellungen vorwiegend die Outputs der KI-Generatoren betrachtet werden. Insofern ist ihre Arbeit auch ein dringendes Plädoyer dafür, die „Voraussetzungen generativer KI-Systeme“ ebenfalls ethisch zu reflektieren und stellt daher eine unbedingt hervorzuhebende Bereicherung des aktuellen Diskurses um generative KI dar.

Dadurch, dass in der Arbeit auch Quellen abseits der allgemeinen Trends und der Mainstream-Debatte um KI ausführlich berücksichtigt werden – pars pro toto hervorgehoben werden können hier die Publikationen des Autorenduos Jobst Landgrebe und Barry Smith -, bereichert sie über die ethischen Fragestellungen hinaus auch technikphilosophische Diskurse sowie die Kritik von Trans- und Posthumanismus.

Dabei benennt die Autorin mögliche Fallstricke und Stolpersteine für den offenen Diskurs, sie weist auf eine „Ethik unter Zeitdruck“ hin und warnt vor

„der Gefahr einer zweifach verengten Perspektive: Zum einen dadurch, dass Elemente der transhumanistischen Ideologie quasi ontologisiert Eingang finden, zum anderen, dass ökonomisch motivierte Argumente die Debatte einhegen und Kritik oder Aufklärung bezüglich der Voraussetzungen generativer KI nur insoweit zulassen, als sie das „Geschäft“ mit ihr nicht in Frage stellen. Über die „Zukunftsversprechen“, die einen wesentlichen Teil des KI-Marketings ausmachen, [seien] „diese beiden perspektivischen Verengungen, in welche die Debatte unter Zeitdruck hineingetrieben wird, auch thematisch miteinander verknüpft“,

so Melanie Xu auf Seite 19f ihrer Arbeit.
Dies kann nur mit den Attributen „schlüssig und lesenswert“ unterschrieben werden.

Rudolf Heinz, dessen am 23.11.2019 im Correctiv-Buchladen in Essen gehaltener Vortrag „Eindüsterungen zum Identitätsproblem, pathophilosophisch“ hier als Kurzzusammenfassung mit Videolink bereitgestellt wurde, liefert in einem 1984 erstmals als gedruckte Version publizierten Aufsatz „Was ist Patho-Gnostik?“ einen tieferen Einblick in Motivation und Entstehungsgeschichte seines psychoanalytischen Denk- und Lehransatzes.

Ein Problem im universitären Raum bestand zunächst in der Frage, wie sich Psychoanalyse an interessierte Studierende vermitteln lässt, ohne dabei auf einschlägige klinische Verfahren zurückzugreifen. Bei der „gruppenmäßig betriebenen Anwendung von Psychoanalyse auf Kunst und Kunstähliches wie z.B. Märchen oder Mythen“ wurde festgestellt, dass „die dabei immer virulente Idee einer Sachvermittlung von Psychischem und gesellschaftlicher Objektivität als Inbegriff der Kritik des psychoanalytischen Subjektivismus“ für die Teilnehmenden recht überraschend einer möglichen Realisierung zutrieb.

Die Folge war ein langwieriger Umorientierungsweg vermittels einer erneuten Lektüre der Freudschen Todestriebtheorie sowie die Beschäftigung mit „psychiatrienahen extremeren Psychoanalyseversionen“. Hier sind insbesondere die Arbeiten von Melanie Klein und Heinz Kohuts Narzissmustheorie anzuführen. Eine Schlüsselrolle kommt der Rezeption der Psychoanalyse-Philosophie Jacques Lacans zu. Wie Heinz bemerkt, führte dies leider zur „Mißliebigkeit eines Selbstausschlusses aus der herkömmlichen Psychoanalyse“.

Zur Lektüre von Rudolf Heinz Texten sei hier noch angemerkt, dass Heinz gebürtiger Saarländer ist, der auf Deutsch schreibt aber häufig in französischen Satzstrukturen denkt. Dieser Hinweis mag sich als Hilfe für alle LeserInnen erweisen.

Andre Eckardt ist als Autor von zwei Beiträgen seit 2011 hier vertreten, zum einen steht seine Philosophie der Schrift online zur Verfügung sowie die von Eckardt entwickelte Sinnschrift SAFO. Ein Fehler in Dateizuordnungen führte dazu, dass sein Nachlassverwalter PD Dr. Albrecht Huwe sich meldete und im Zuge der Korrektur seine Zustimmung zur Bereitstellung von Eckardts Werken noch einmal ausdrücklich erneuerte. Im gebührt ein ganz herzlicher Dank dafür!

Aus diesem Anlass weisen wir erneut auf das Werk des Begründers der Koreanistik in Deutschland hin. Wer sich wie Eberhard von Goldammer mit den Arbeiten des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und insbesondere mit seinem Anspruch ein universelles Zeichensystem (characteristica universalis), eine Universalschrift konstruieren zu wollen beschäftigt, der Beitrag titelt mit „Leibniz … reloaded oder UniversalSCHRIFTsprache — Vision oder Illusion?„, der stößt fast zwangsläufig auch auf die Arbeiten von Andre Eckardt.

Was Eckardt auszeichnet, ist seine physische – er lebte lange Zeit vor Ort in Korea – und mentale Selbstpositionierung an den Berührungsstellen zwischen Ost und West, zwischen Ideogramm und Alphabet, von denen aus er seine Philosophie der Schrift entwickelt. Ideographische Schriften können – beim Lesen – in einem gewissen Sinn als Abstraktionen des Sehens verstanden werden, alphabetische als Abstraktionen des Hörens, bzw. Transformationen von Gehörtem in Sichtbares. Daraus folgt unmittelbar, dass z.B. Chinesen anders „ticken“ als z.B. Europäer. Aber beiden Arten der graphischen Darstellung durch Zeichensysteme muss einerseits ein Mehr, andererseits auch ein Weniger gegenüber der gesprochenen Sprache zugestanden werden, oder wie von Goldammer es verkürzt ausdrückte:

Schrift ist häufig mehr als nur verschriftlichte Sprache und umgekehrt ist Sprache unter Berücksichtigung von Betonungen, Mimik usw. ebenfalls mehr als ihre einfache Verschriftlichung.

Dieser Widerspruch – wie kann beides jeweils mehr als das andere sein? – erweist sich als monokontextural. Er löst sich unmittelbar auf, wenn mehrere Kontexturen zugrunde gelegt werden.

Eckardt jedenfalls, die koreanischen Schriftenschöpfer (Hangul) vor Augen und den Wunsch nach Völkerverständigung im Herzen, entwickelt eine eigene Symbolschrift, die er Sa = Sinn, Fo = Schrift, SAFO = Sinnschrift nannte in der Hoffnung, dass sie sich sowohl für Asiaten als auch Europäer als praktikabel erweise. Und seine Philosophie der Schrift kann auch, dialektisch wohlgemerkt, als Gegenthese zu Marshall McLuhans in den magischen Kanälen geäußerte Auffassung [*] von den gleichschaltenden Momenten alphabetischer und den trennenden ideographischer Schriftsysteme gelesen werden.

Werner Vogd und Jonathan Harth veröffentlichten bereits im Oktober 2023 im Velbrück Verlag ihr Werk „Das Bewusstsein der Maschinen – die Mechanik des Bewusstseins“ mit dem Untertitel „Mit Gotthard Günther über die Zukunft menschlicher und künstlicher Intelligenz nachdenken“.

Leider kann erst jetzt darauf Bezug genommen werden. Eine diesem 400-Seiten-Werk gerecht werdende Würdigung muss zwangsläufig die Ausmaße eines umfangreicheren Essays annehmen. Dazu gab es – leider – vielfältigen, teilweise recht unangenehmen Umständen geschuldet auch nach längerem Hin und Her kein passendes Zeitfenster.

Gleichwohl, das Werk stellt einen höchst wertvollen Beitrag dar nicht nur zu den Diskursen zu dem, was gemeinhin künstliche Intelligenz genannt wird, sondern auch zu Technikphilosophie ganz allgemein. Dort ist man sich nämlich immer noch nicht einig, ob der Kybernetik-Philosoph Günther da überhaupt einen Platz hat oder haben soll. Die Monographie „Technikanthropologie“ (Hg. Martina Heßler, Kevin Liggieri, Nomos, Baden-Baden 2020) beschäftigt sich in mehreren Beiträgen mit dem Philosophen, das „Handbuch Technikphilosophie“ (Hg. Mathias Gutmann, Klaus Wiegerling, Benjamin Rathgeber, J.B. Metzler, Stuttgart 2024) erwähnt ihn nicht ein einziges Mal im Gegensatz zu einigen Autoren, die selbst Günther ausgiebig zitiert haben. Für ein Werk mit dem Anspruch eines Nachschlagewerks wirkt das zumindest irritierend.

Das Werk von Vogd und Harth ist – sehr erfreulich – zudem eine Open-Access-Publikation in der Nomos eLibrary und kann dort als ebook heruntergeladen werden. Die Print-Ausgabe kostet 49,90 €.

Wer der im Untertitel ausgesprochenen Einladung folgt, den erwartet ein Werk, in dem die Autoren nicht der kommerziellen Versuchung erliegen, auf Fragen (einfache) Antworten zu geben, ihr Verdienst besteht vielmehr darin, wissenschaftlich und philosophisch Fragen zu präzisieren und deren Konnotationsräume anzureichern, gedankliche Seitenlinien scharf zu machen, etc. Ich persönlich habe an einigen Stellen Einwände und Anmerkungen. Das ist gut so und erhöht den persönlichen Wert des Werkes für mich.

Im Grunde liegt ein im besten Sinne transdisziplinärer Forschungsleitfaden vor, der gleichermaßen Widerspruch und Zustimmung provoziert und der einerseits weit in das Informationstechnologisch-Maschinelle hineinreicht, andererseits aber nicht im Positivistisch-Instrumentellen verweilt oder gar hängen bleibt – wie aktuell das Gros der Publikationen zu KI, sondern der immer wieder, in jedem Kapitel, implizit und gelegentlich auch explizit die Kantsche Kernfrage „Was ist der Mensch?“ offensiv stellt.

Auch um einen kurzen Eindruck von Sprachstil und – melodie zu vermitteln, soll hier das Werk in zwei etwas längeren Zitaten für sich sprechen:

Eine der wesentlichen Errungenschaften der Kybernetik besteht darin, anzuerkennen, dass unsere Welt unvorstellbar komplex ist und die Möglichkeiten, Daten zu Zusammenhängen zu verknüpfen, also Information zu erzeugen, um ein Vielfaches größer sind als die gesamte Anzahl der Elementarteilchen im Universum. Dies führt zu dem Befund, dass kognitive Systeme (wie zum Beispiel menschliche Lebewesen) keine andere Wahl haben, als sich ihre eigene Welt zu schaffen, um hierdurch Orientierung zu gewinnen. Subjektivität bedeutet in diesem Sinne immer auch, mit Nichtwissen in einer produktiven Weise umgehen zu können, also sich eine Existenz aufzubauen, indem grobkörnig – das heißt mit selektiver Blindheit – auf die Welt geschaut wird. [Vogd, Harth, S. 18]

Nicht nur dieser Absatz lässt sich unmittelbar zu Gotthard Günthers Essay „Erkennen und Wollen“ in Beziehung setzen. Subjektivität bedeutet immer auch, Teil eines größeren Ganzen zu sein, das nicht vollständig erfasst werden kann. Nichtwissen ist daher – hier erfrischend positiv gewendet – notwendige Bedingung für die Konstruktion von Welt.

Wer demgegenüber eine monokontexturale Erkenntnistheorie pflegt, wird andere Wesen weder als Subjekte noch als inhärenten Bestandteil des eigenen Beziehungsgewebes verstehen können. Er oder sie wird andere Wesen tendenziell als befremdlich, gefährlich oder zumindest störend empfinden und damit einer Entfremdung Vorschub leisten, die die eigenen Freiheitsgrade und letztlich auch die eigene Subjektivität unterminiert. Denn wer Tiere, Pflanzen, Kinder, Partnerinnen, Kollegen oder kybernetische Maschinen überwiegend instrumentell begreift, wird dazu neigen, auch sich selbst – also seinen eigenen Leib und seine eigene Psyche – als einen zu optimierenden Mechanismus aufzufassen. Unweigerlich wird damit all das, was aus dem Bereich der eigenen Subjektivität in den Bereich des Objektiven entäußert werden kann, der Manipulation ausgeliefert werden: der trainierbare und chirurgisch gestaltbare Körper, die Neurochemie, die Expression der Gene, die optimierbaren Aspekte der Psyche, die seelischen Aspekte, die dem Zugriff einer vermeintlich positiven Psychologie zugänglich sind, etc.

Wenn sich das eigene Selbstverhältnis immer weniger von etwas berühren lässt, was sich der Positivität der eigenen Weltobjektivierung entzieht, dann wird das seelische Leben über kurz oder lang flach werden. Es gibt keinen Raum des Negativen, des Unverfügbaren mehr, aus dem heraus das Selbst berührt und transzendiert werden könnte. Das Subjektive – und damit verbunden die Möglichkeit des Empfindens von Freiheit – wird an den äußersten Rand verdrängt. Die Sehnsucht nach Lebendigkeit – also nach dem Risiko des Lebens – mag zwar fortbestehen, wird jedoch unter den Skripten der Optimierung und Rationalisierung des eigenen Selbst- und Weltverhältnisses kaum mehr einen eigenständigen Ausdruck finden. [Vogd, Harth, S. 358]


Hier wird die Konsequenz eine mehr oder weniger rein instrumentellen Sicht auf Welt schonungslos aufgezeigt, sie schlägt zurück auf Physis und Psyche des Subjekts. Bemerkenswert ist der Charakter einer Gegenrede zu technologieeuphorischen Positionen, so wie wir sie von Apologeten der Silicon Valley-Ideologie kennen, der jedoch ebenso kulturpessimistischen oder gar maschinenstürmerischen Tendenzen widersteht, eben durch Einbeziehung der kybernetischen Maschinen, also der Konstruktionen des Menschen in die Gegenwehr zum „überwiegend instrumentellen“ Begreifen. Eine Subjektivierung des Maschinellen ist das deshalb noch lange nicht. Es geht um die Ausgestaltung der Beziehungen zur Welt und ihren lebenden und nicht-lebenden Teilen.
Der Schlusssatz der Verlagsbeschreibung bringt den Anspruch des Werkes verdichtet zum Ausdruck:

So lässt sich schließlich zeigen, wie künstliche Intelligenzen Aufschluss darüber geben können, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Dall-e, OpenAIs GPT 40, Prompt by Joachim Paul: „Erstelle bitte ein Titelbild zu einer als herausragend bezeichneten Masterarbeit mit dem Titel „Raubbau an der Kultur? – Zur Ethik generativer KI im aktuellen Diskurs“. Hier ist die Kultur offensichtlich ganz unter die (Zahn-)räder geraten und des L verlustig gegangen bei gleichzeitiger Mutation des U zum Ü. „Kunst“ aus dem ThermoMix.

Thomas Hickfang, u.v.a. Teamkoordinator für das Medienpädagogische Zentrum Leipzig, Thomas Rudel, Leiter des Kommunalen Medienzentrums des Kreises Tübingen und ich, Joachim Paul, haben uns entschlossen, regelmäßig, monatlich, bzw. wenn unsere Zeit es zulässt, mehr oder weniger Weltbewegendes unter dem Titel Bildung – Digitalisierung – Zukunft zu diskutieren. Sie sind alle herzlich eingeladen, in den Vodcast-Kanal auf youtube reinzuschauen. Aktuell sind bereits drei Folgen online unter https://www.youtube.com/@Bild_Digit_Zukunft

Mit [trotzdem] besten Grüßen, Ihr
Nick H. aka Joachim Paul (Hg.)

Links und Quellen

https://sowi.rptu.de/fgs/philosophie/personen/team/apl-prof-dr-wiegerling-klaus

https://kluedo.ub.rptu.de/frontdoor/index/index/docId/8403

https://www.vordenker.de/mxu/mxu_raubbau_kultur_ethik_generativer_ki.pdf

https://www.vordenker.de/blog/2119/einduesterungen-zum-identitaetsproblem-rudolf-heinz-live-aus-dem-buchladen/

https://www.vordenker.de/rh/rh_pathognostik.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Andre_Eckardt

https://www.vordenker.de/vgo/anmerkungen_leibniz_a.pdf

https://www.vordenker.de/downloads/eckardt_philosophie-der-schrift.pdf

https://www.vordenker.de/downloads/eckardt_safo.pdf

[*] McLuhan, Herbert Marshall; Die magischen Kanäle – Understanding Media, Dresden 1994, S. 137f

https://www.velbrueck.de/Programm/Theorie-der-Gesellschaft/Das-Bewusstsein-der-Maschinen-die-Mechanik-des-Bewusstseins.html

https://www.vordenker.de/ggphilosophy/e_und_w.pdf

https://www.youtube.com/@Bild_Digit_Zukunft

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