Digitaler Wandel: Redeteil 1 zur Regierungserklärung – Joachim Paul

Piraten-Reden zu TOP 1: Regierungserklärung “Gestaltung des digitalen Wandels in Nordrhein-Westfalen”

in Verbindung damit

Die Digitale Zukunft Nordrhein-Westfalens benötigt ein eigenes „Internetministerium“ sowie einen „Internetausschuss“

Antrag der Piratenfraktion, Drucksache 16/7773

Es gilt das gesprochene Wort.


 

Alle drei Reden im PDF-Download

Redeteil 2: Michele Marsching, Mitglied im Ausschuss für Schule und Medien, Themen Schule und Bildung
Redeteil 3: Daniel Schwerd, Netz- und Medienpolitischer Sprecher, Forderung: Internetministerium NRW und Internetausschuss im Landtag NRW

 


 

Dr. Joachim Paul, Fraktionsvorsitzender:

[Anrede]

MegaBits. MegaHerz. MegaStark. SuperGeil.

Gestern Abend, um exakt 21.29 Uhr, erhielt ich eine E-Mail, dass in wenigen Minuten ein reitender Bote der Landesregierung den Text der Regierungserklärung an der Pforte des Landtages abgeben wird. Auf Papier, auf totem Holz!

Das also ist die digitale Revolution in NRW, nach Vorstellung unserer Landesregierung. Supergeil.

„Das Internet wird verschwinden!“

Das sagte Eric Schmidt, ehemaliger Chef und aktueller Chairman von Google, kürzlich auf dem World Economic Forum in Davos.

Allerdings rief Schmidt mit diesem Satz nicht das Ende des Internet aus, sondern deutete damit auf eine Zukunft, in der das Internet ganz selbstverständlich sein werde, in der die Grenze zwischen digitalem und analogem Raum verschwindet.

Das nennen wir das „Internet der Dinge“. Sie, liebe Landesregierung, haben das „Internet der Dinge“ nun entdeckt. Diese Erkenntnis steckt wohl hinter Ihrem Vorstoß, die Digitalisierung zum künftigen Schwerpunkt ihrer Regierungsarbeit zu machen.

Doch so sehr wir PIRATEN das begrüßen, so sehr zeugt ihr Vorstoß doch von einer gewissen Unkenntnis, von Naivität und mitunter sogar von Fahrlässigkeit.

Wir PIRATEN gehen nicht ins Internet, wir sind Teil des Internet, wir gestalten es!

Doch von einem Gestaltungsanspruch ist in Ihrer sogenannten „digitalen Agenda“ leider nicht viel zu spüren. Eine lose Zusammenstellung von Politikfeldern mit einem „smart“ davor, einem „4.0“ dahinter und eingepackt in drei MEGAperls ist noch keine Strategie. Sie denken das Digitale bestenfalls als Geschäftsmodell und als Möglichkeit, den Standort voranzubringen. Sie haben noch nicht verinnerlicht, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Gesellschaft stehen.

Das Digitale macht nicht einfach nur das Analoge hübsch, das Digitale betrifft unser Leben in umfassendster Weise. Die Aufgabe muss es sein, das Internet in die Politik und die Politik ins Internet zu bringen.

Wenn wir PIRATEN von „Netzpolitik“ sprechen, dann denken wir nicht nur an Breitbandausbau und Freifunk, sondern meinen damit die Blickwinkel, aus denen wir die Welt und die Gesellschaft betrachten. Diese Blickwinkel sucht man vergebens in ihren „digitalen Schwerpunkten“!

Zwei Beispiele:

1)

Die Bundeszentrale für politische Bildung rief jüngst zu einer „Neuen Ethik für das Internet der Dinge“ auf und will damit eine breite gesellschaftliche Debatte befördern.
Die Antwort der Landesregierung: Ein Wettbewerb namens „App in die Mitte“!

 

2)

Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, spricht von der Serienreife des autonom fahrenden Automobils – und bittet die Politik um ethische und rechtliche Rahmenbedingungen.
Antwort der Landesregierung: Sie stellt LED-Leinwände an Autobahnen auf!

Herr Minister Groschek, ich habe gestern mit Interesse vernommen, dass sie die A40 zur Teststrecke für autonom fahrende Automobile freigeben wollen. Ich glaube, sie haben da etwas nicht so richtig verstanden: Es geht ums autonome FAHREN und nicht ums autonome STEHEN.

Mit der Einführung des Internetprotokolls Version 6 können 340 Sextillionen Adressen vergeben werden. Wussten sie das? Wissen Sie, was es bedeutet, wenn nun auch die Dinge miteinander kommunizieren? Frau Ministerpräsidentin, ehrlich, das erwarte ich nicht von Ihnen.

Ich möchte nur wissen, ob Sie auf eine Welt vorbereitet sind, in der Autos mit Versicherungen kommunizieren oder Social Media-Konzerne heimlich gemütsmanipulierende Experimente mit Ihnen durchführen, ohne sie darüber zu informieren?

Eine Regierungserklärung soll Antworten liefern, aber welche Frage haben sie sich eigentlich gestellt?

Sie kleben Etiketten auf leere Tüten. Supergeil. Sie hinken der Zukunft hinterher, anstatt sie zu gestalten. Sie wollen NRW als Heimat in der digitalen Welt darstellen. Also ich folge da lieber dem Spruch, den ich auf einem T-Shirt eines junges Mannes gelesen habe: „Home is where your wifi connects automatically!“

Ihr Versuch, die digitale Revolution durch ein analoges Heimatverständnis einzugrenzen, macht deutlich, wie wenig Ihnen die Tragweite und die Auswirkungen der Digitalisierung bewusst sind.

 

Stattdessen:

  1. Lassen sie uns mit Gunter Dueck über das Internet, die Bildung und die Zukunft der Arbeit in einer vernetzten Welt reden.
  2. Lassen Sie uns mit Jeremy Rifkin über seine Theorie der Nullgrenzkostengesellschaft diskutieren.
  3. Und lassen Sie uns mit Jaron Lanier über sein Konzept einer nachhaltigen Informations-ökonomie debattieren.

 

Eine der spürbarsten Auswirkungen der Digitalisierung ist die fortschreitende Automatisierung der Arbeitswelt. Sie wird hunderttausendfach Jobs kosten – und gleichzeitig neue generieren können. DAZU braucht es politische Antworten – und zwar tschaka.

 

[Anrede]

Nordrhein-Westfalen hat schon einmal darunter gelitten, dass die Zeichen der Zeit zu spät erkannt wurden. Viel zu lange hat man in der Vergangenheit das tote Pferd der Kohleförderung geritten. Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, unter denen sich digitaler Wandel zum größtmöglichen gesamtgesellschaftlichen Nutzen vollzieht.

  1. die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur,
  2. eine gesetzliche Sicherstellung der informationellen Selbstbestimmung,
  3. eine gleichberechtigte Sicherung der digitalen Teilhabe aller Menschen, und
  4. eine verbesserte Transparenz von politischen Prozessen.

 

Das geht nur aus einer Hand, unter einem Dach. In einem eigenen Internetministerium!

Nur ein Internetministerium kann alle politischen Handlungsfelder thematisch so bündeln, dass die digitale Daseinsvorsorge sichergestellt werden kann.

Derzeit werden die Themen in einer Vielzahl von Landesministerien behandelt – und im schlimmsten Fall eben auch gar nicht. Supergeil.

 

Breitbandausbau

Zentrale Forderung einer digitalen Daseinsvorsorge ist der flächendeckende Zugang zum Breitbandnetz. Nur so können alle Bürger Nordrhein-Westfalens an der modernen Wissens- und Informationsgesellschaft teilhaben. Darüber hinaus ist es ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Die BREKO Breitbandstudie 2014 hat herausgefunden: Breitbandzugang ist Standortfaktor Nummer Eins – vor Strompreisen, Verkehrsanbindung sowie Gewerbe- und Grundsteuer. Der Breitbandzugang spielt eine Schlüsselrolle bei dem Ausbau von Wohlstand und Teilhabe in NRW. Eine digitale Spaltung in städtische und ländliche Regionen muss verhindert werden. Denn das kann sich ein Flächenland wie NRW einfach nicht leisten!

Lassen Sie mich aufzeigen, wie fahrlässig die Landesregierung mit diesem wichtigen Thema umgeht: In unserem ersten Antrag zur Breitbandpolitik haben wir die Landesregierung gefragt: Wie wollen sie eigentlich das Ziel erreichen, Internet mit 50 Mbit/s flächendeckend bis 2018 zu garantieren? Stellen sie die notwendigen Mittel zur Verfügung, oder sind das nur Sonntagsreden?

Vor zwei Jahren haben wir Ihnen die Frage gestellt, weder konnten Sie sie bis heute beantworten noch können Sie glaubhaft vermitteln, wie dies in Zukunft geschehen soll.

Sie haben den Kopf jetzt zwei Jahre in den Sand gesteckt, und hoffen darauf, dass Geld und Impulse vom Bund kommen. Von den drei von der Hütchenspieler-Tankstelle: Gabrindt, Dobriel und de Maiziere. Supergeil.

Im Oberbergischen Kreis kann nur jeder zweite Haushalt auf bis zu 16 Mbit/s zugreifen, was aber nur bedeutet, dass er mehr als 6 Mbits/s erhält. Im Kreis Heinsberg sieht es nicht viel besser aus. Die Landesregierung verharrt offensichtlich in der Hoffnung, dass irgendwer schon Verantwortung übernehmen und den Netzzugang im ländlichen Gebiet sicherstellen wird.

Ein wenig Glück haben Sie, Frau Kraft, ja schon.

Funkfrequenzen! Supergeil.

Wir fordern die Landesregierung auf, sicherzustellen, dass die erwarteten Fördermittel aus der Funkfrequenzversteigerung nicht allein großen Telekommunikationsunternehmen, sondern auch kommunalen Unternehmen zu Gute kommen, die nachhaltige Glasfaseranschlüsse planen und ausbauen!

Und: Ein klares Bekenntnis zur Netzneutralität! SUPERGEIL!

Den Kernpunkt der Breitbandpolitik hat die Kohle- und Kupferkabelregierung noch gar nicht auf dem Schirm:

Branchenkenner erwarten, dass im Jahr 2020 durchschnittliche Bandbreiten von 200 MBit/s im Down- und 120 MBit/s im Upstream nachgefragt werden.

Das derzeitige kupferbasierte Breitbandnetz ist Lichtjahre davon entfernt, diese Leistung zu erbringen.

Deswegen fordern wir den Sprung in den Gigabitbereich – Glasfaser statt Kupfer.

Giga statt Mega. Supergeil.

Wir fordern die Landesregierung auf, einen Fahrplan „Glasfaserausbau“ zu erarbeiten, der mit konkreten Schritten festlegt, wie die Mehrheit der Haushalte und Unternehmen mit Glasfaser (oder zumindest den Leerrohren) bis ins Jahr 2020 – und einer flächendeckende Glasfaserinfrastruktur bis 2025 aufgebaut wird. Wir bitten Sie, seien Sie mutig. Lassen sie uns das erste Bundesland sein, dass eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur anbietet!

Denn wenn wir jetzt planen und Synergien mit anderen Infrastrukturträgern nutzen, also Kanalsysteme, Straßen, Schienen oder Strommasten mit einbeziehen, ist der Glasfaserausbau realistisch zu stemmen.

Das wäre wirklich „smart“, Frau Kraft.

 

Wirtschaft

Ist die nordrhein-westfälische Wirtschaft gut aufgestellt für die digitale Zukunft?

Wer mit einem Einzelhändler oder einem Presseverleger redet, der weiß, wie stark die Umbruchskraft der Digitalisierung bereits jetzt ist. Und das ist erst der Anfang.

Experten prognostizieren, dass die Hälfte der Arbeitsplätze durch eine fortschreitende Digitalisierung gefährdet ist. Die Industrialisierung hat für eine Automatisierung der Muskelkraft gesorgt. Die Digitalisierung wird mit ihren Algorithmen weite Teile der Kopfarbeit automatisieren. Das Oxford-Papier von Osborne und Frey sagt: in den nächsten beiden Dekaden sind 47% aller Jobs vom Wegfall bedroht, durch Digitalisierung und Robotisierung. Mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit müssen Immobilienmakler, Sachbearbeiter, Köche oder Packer um ihre Jobs fürchten.

Was  erzählen Sie diesen Menschen, Frau Kraft?

Ist unsere Arbeitsmarkt- und  Bildungspolitik darauf vorbereitet?

Und was ist mit unserer Sozialpolitik,  die sich stark am Haben oder nicht-Haben von Arbeit orientiert?

Bereits  jetzt ist die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet viel zu hoch. Wir können nicht zulassen, dass sich die Zahl der abgehängten Personen weiter erhöht. Weniger als die Hälfte aller kleinen Unternehmer und Selbstständigen glaubt, in Hinblick auf die Digitalisierung ihres Geschäfts gut aufgestellt zu sein.

Auch unsere traditionsreichen Mittelständler müssen aufpassen, nicht von einer so genannten disruptiven Innovation überrascht zu werden. Also einem neuen Produkt, das das Geschäftsmodell einer ganzen Branche auf den Kopf stellt. Denn generell gilt: Eher wird Google die Autobranche revolutionieren, als dass ein deutscher Autokonzern zum führenden Suchmaschinenbetreiber aufsteigt.

Die Landesregierung setzt auf das Schlagwort Industrie 4.0. Supergeil! Gemeint ist damit die umfassende Vernetzung und Digitalisierung der Produktion. Darüber wird in Deutschland viel geredet aber wenig gemacht. Dabei ist das so genannte Internet der Dinge alles andere als unkritisch zu sehen.

Wenn nicht nur alle Produktions- und Arbeitsschritte, sondern auch alle Haushaltsgeräte Sensoren besitzen und sich untereinander austauschen, fallen große Mengen an sensiblen Daten an.

Und seit Google wissen wir: Mit Daten lässt sich Geld verdienen. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass wir klare Datenschutz- und Datensicherheitsstandards einführen. Denn dahinter verbergen sich gesellschaftliche Fragen: Haben wir noch die Souveränität über unsere Daten? Und wer – darf unsere Daten nutzen?

Die Souveränität über die Verwertung der persönlichen Daten darf dem Bürger nicht entzogen werden. Eine entscheidende 4.0 – Frage ist die nach der Energieversorgung. Wir Piraten setzen auf dezentrale Energieversorgung. Das Wuppertal-Institut übrigens auch. Dafür brauchen wir intelligente Netze. Netze, in denen Erzeugungsanlagen, Verbraucher und Speicher miteinander kommunizieren können. Es ist heute die Aufgabe der Politik, nicht auch noch den gläsernen Stromkunden Wirklichkeit werden zu lassen. All das sind Herausforderungen, die von der Landespolitik angegangen werden müssen.

Die digitale Revolution ist keine Kreisgebietsreform!

Die Landesregierung führt an, sie will 640 Millionen Euro Fördermittel für innovative Projekte ausgeben. Eine imposante Zahl! Supergeil. Aber: Gestreckt bis 2020 wird’s doch recht überschaubar. Berücksichtigt man, dass die Landesregierung einfach nur europäische Fördermittel durchleitet, dann muss man zu dem Schluss kommen: Ihre Innovationskraft ist die einer mittleren Verwaltungsbehörde. Das ist keine wirkliche Eigenleistung!

Immerhin sprechen Sie die Bedeutung von Datensicherheit an. Digitale Kommunikation, digitale Daten sind ein großer Wirtschaftsfaktor! Das Vertrauen in die Sicherheit, die Integrität und den Datenschutz ist daher zu einem gesellschaftlichen Wert geworden. Das erkennt auch die Landesregierung und möchte „Cybersicherheit“ fördern.

Was sich gut anhört, ist aber paradox: Die milliardenschweren Ausspähprogramme der Amerikaner und Engländer, die das Ziel haben, jede Kommunikation mitzulesen und jedes Netzwerk zu knacken, sind die größte Bedrohung für das Vertrauen in digitale Kommunikation. Der BND kooperiert in noch ungeklärtem Ausmaß mit den genannten Diensten. Und wer sabotiert die Aufklärung dieser Geheimdienstaffäre: Christ- und Sozial-demokraten.

Da ist es doch völlig unglaubwürdig, wenn Frau Kraft nun ausgerechnet auf Cybersicherheit setzt! Der Bock wird zum Gärtner. Das beste Rezept gegen den Vertrauensverlust ist der Einsatz von quelloffener Software. Open Source-Projekte sollten Sie also fördern und den Menschen, Unternehmen und Behörden zur Verfügung stellen und keine universitären Auftragsarbeiten für die Industrie vorantreiben.

Die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen sind verunsichert über das Ausmaß der Wirtschaftsspionage und fragen nach möglichen Schutzmaßnahmen. Das war im Übrigen vor einem Jahr noch nicht auf ihrer Agenda. Wir hatten einen Antrag geschrieben und eine Anhörung zu dem Thema gefordert. Das Wichtigste ist, dass wir die Bürger in die Lage versetzen, an einer modernen Informations- und Wissensgesellschaft teilnehmen zu können.

Die erfolgreiche Bewältigung der digitalen Revolution wird dezentral von DEN Bürgern ausgehen, die in die Lage sind, die Chancen einer globalen, digital vernetzten Welt zu nutzen.

 

Schutz der Privatsphäre und Datensicherheit

Liebe  Frau Kraft, wenn Sie von NRW 4.0 sprechen, dann meinen Sie digitale  Stauschilder. Wir Piraten sprechen aber von der Digitalisierung all unserer  Lebensräume – von den eigenen vier Wänden bis hin zur öffentlichen Infrastruktur wie dem Öffentlichen Nahverkehr oder der Wasserversorgung. Smarte  Wirtschaft, smarte Arbeit, smarte Verwaltung – das sind die Begriffe,  die sie prägen wollen. Supergeil.

Dass für diese Schlagworte viele, viele Daten von  nordrhein-westfälischen Konsumenten, Arbeitnehmern, und Bürgern  gesammelt und verarbeitet werden müssen, das haben Sie noch nicht  wahrgenommen.

Wir Piraten sagen Ihnen: Der Schutz der Privatheit ist ein, wenn nicht DAS zentrale Thema der digitalen Revolution. Sie  sprechen beispielsweise von der smarten Dienstleistung und von der  Innenstadt als einen „begehbaren Onlineshop“. Gehen Sie doch heute mal auf  die Website eines Onlineshops wie Amazon. Sie werden schnell  feststellen, wie viele Tracker-Programme dabei Ihr Surfverhalten analysieren. Das sind oftmals zehn, 20 verschiedene Firmen, die verfolgen,  welche Produkte Sie sich anschauen, welchen Geschmack Sie haben, was Sie kaufen. Die Firmen wollen am liebsten eine 360° Sicht auf ihre  Kunden. Und in Ihrem „begehbaren Onlineshop“ in der Innenstadt werden Sie diese  360° Sicht erreichen. Anstelle von unsichtbaren Programmen sind es dann  unsichtbare WLAN-Tracker der Smartphones, RFID-Chips in der Ware oder  die softwaregestütze Videoüberwachung. Diese Überwachungssysteme folgen Ihnen dann wie Spione durch die Innenstadt.

In Ihrer Wahrnehmung, Frau Ministerpräsidentin, ist die Stadt ein Urban Entertainment Center, eine Aneinanderreihung endloser Geschäfts- und  Einkaufstraßen. Wo bleibt zukünftig Raum für Begegnungsstätten und  Öffentliche Plätze für einen zwanglosen, unbeobachteten und freien  Umgang miteinander? Oder Frau  Löhrmann, stellen Sie sich mal vor, Sie gehen nach einem harten  Arbeitstag durch Ihren Lieblingssupermarkt in Solingen. Und stellen Sie  sich weiterhin vor, der Supermarktbetreiber und 20 andere Firmen würden  dabei erfassen, wie Sie zielstrebig nach der Bio-Schokolade greifen. Ihr Supermarkt schlussfolgert aufgrund Ihres Bewegungsprofils und der Videoaufnahmen, dass Sie an diesem Tag wieder mal von ihrem Koalitionspartner oder gar von Piraten geärgert wurden, dass Sie deshalb unbedingt Schokolade brauchen und dass der Supermarkt Ihnen diese heute ruhig für 10 ct mehr verkaufen kann. Solche  Systeme, Frau Löhrmann, gibt es dann nicht nur im Supermarkt, sondern  in der gesamten Innenstadt.

Überall werden Sie  durchsichtig gemacht.

Wir wollen aber keine gläserne Gesellschaft!

  • Datenvermeidung: Welche Lösung verarbeitet am wenigsten persönliche Daten?
  • Dezentralität: Gibt es dezentrale Alternativen zu   zentral gespeicherten Datenbergen?
  • Welche Konfiguration ist die schonendste für die Rechte unserer Bürger?

Frau Ministerpräsidentin, Sie sprechen von Datensicherheit in Ihrer Rede.

Sie wollen die Spitzenforschung in diesem Feld in NRW fördern. Supergeil!

Entschuldigen Sie bitte, wenn ich das sage.

Wir haben bereits Spitzenuniversitäten in dem Feld.

Das Problem ist: Wir nutzen die Forschungsergebnisse  nicht.

Weil das Land für Datensicherheit zu geizig ist.

In unserer  Anhörung 2014 sprach ein IT-Sicherheitsexperte davon, dass  er innerhalb  von drei Stunden auf jedes Behördennetz zugreifen konnte,  in das er eindringen sollte.

Er konnte dann leicht auf Meldedaten – und  sogar auf  Daten von Menschen in Zeugenschutzprogrammen zurückgreifen.

Wir, Frau Kraft, Frau Löhrmann, wir nehmen unsere Grundrechte auch im digitalen Zeitalter sehr sehr ernst.

Da – sind wir konservativ.

Wir können unseren Grundrechten in der digitalen Welt nur gerecht werden,  indem wir sagen: Wir stellen den Schutz der Privatheit an den Anfang jeder Überlegung. Privatheitsschutz von Anfang an heißt: wir füllen „Privacy by Design“ und „Privacy by Default“ mit Leben. Wenn Ihnen diese Begriffe nichts sagen, dann hören Sie jetzt bitte genau zu. Dafür brauchen wir Privacy Impact Assessments oder auf Deutsch: Privatheitsfolgeabschätzungen.

Auf der bisherigen Grundlage können wir doch nicht ernsthaft ein NRW 4.0 aufbauen. Das ist absurd. Unsere Datensicherheit ist desaströs.

Wir haben einen Antrag zur  Überprüfung und Sicherung unserer Systeme eingebracht; bei der Anhörung  hielten alle anderen Fraktionen, SPD, Grüne, FDP und CDU, es nicht mal  für nötig, einen Sicherheitsexperten einzuladen.

Wir sind bei kommunaler Sicherheit auf unterstem Niveau. Und hier  können wir uns nicht mit der Konnexität rausreden oder der  Unabhängigkeit der Kommunen. Da gibt es Bürgermeister, die sämtliche Daten in  einem Server ungeschützt unter ihrem Schreibtisch stehen haben. Also so, als würden die Behörden ihre gesamten Aktenbestände offen auf den Fluren stehen haben. Das geht in einer vernetzten Welt, in der  alles und alle miteinander verbunden sind, einfach nicht.

Deshalb,  Frau Kraft, reicht es nicht, nur von der Förderung der Datensicherheit  in der Forschung zu sprechen. Sie müssen auch das tun, was die Experten  Ihnen sagen.

Weiterhin brauchen wir Bildungsangebote – auf allen Ebenen. In staatlichen Einrichtungen müssen eigene  IT-Sicherheitsbeauftragte die Nutzer für einen sicheren Umgang mit ihren  Programmen schulen und sensibilisieren. Wir müssen Weiterbildungsmaßnahmen für die Anwendung  von Datenschutzregeln in Behörden fördern, den Selbstdatenschutz  vorantreiben und die Menschen zuhause, in Behörden, im Krankenhaus oder  anderswo befähigen, ihre Hardware und Software sicher und angemessen zu  verwenden.

 

Gesundheit

Auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens soll 2015 im Zeichen der Landespolitik 4.0 stehen. Die Landesregierung hat [auch hier] den Fortschritt verschlafen. Im Gesundheitsbereich stehen angeblich 50 Millionen Euro zur Verfügung! Unterm Strich bleiben etwas mehr als 5 Millionen für den Ausbau der  Telematik-Infrastruktur. Das reicht nicht! Jedoch ist  DAS nicht die entscheidende Frage der Menschen.

Die  entscheidende Frage ist, ob der technische Fortschritt und die  Anwendung im Gesundheitswesen auch die Bürgerrechte achtet?

Und Herr Laschet, erlauben Sie  mir die Bemerkung: Im Gesundheitswesen ist die Digitalisierung – im  Wahrsten Sinne des Wortes – mit Sicherheit kein Wohlfühlthema! Der  Ausbau der Telematik-Infrastruktur kann nur in Zusammenarbeit mit  Gesundheits-experten, IT-Spezialisten, Medizinern, Datenschützern und  Ethikern gelingen. Dazu benötigen wir allerdings eine Struktur, die  diesen Themenkomplex permanent bearbeitet. Nur die Bündelung der  Ressourcen in einem Ministerium kann hier eine Lösung sein.

In Zukunft stehen exorbitant hohe Mengen an Daten zur Verfügung.

Ich spreche von „standardisierten Erlassbriefen“, z. B. nach einer Krankenhausbehandlung; oder von „elektronischen Medikationsplänen“; oder  von ausführlichen, Online verfügbare Versichertenstammdaten. Wissen Sie, Sie machen sich Sorgen um Hacker und bauen hier ein Paradies für jeden, der Daten abfischen möchte.

Es  wird eine große Herausforderung sein, die Chancen der modernen  IT-Technologien in der täglichen Versorgung sicher zu nutzen. Die fünf Millionen der Landesregierung sind an dieser Stelle eher MINI statt  MEGA.

Frau   Kraft, als kleinste Oppositionspartei haben wir Ihnen nur die  dringendsten Themenfelder aufgezeigt, auf denen die  Landespolitik  vollkommen brachliegt. Wir  wären heute etwas softer gewesen, hätten Sie nicht in den letzten zweieinhalb Jahren all unsere Anträge in den diversen Ausschüssen hier im Parlament  einfach vom Tisch gefegt.

Wir brauchen Ideen für das Land und die Menschen, die hier leben,  damit wir nicht eine weitere Revolution in Wirtschaft und  Gesellschaft verschlafen.

Frau Ministerpräsidentin, wir brauchen eine digitale Daseinsvorsorge für die Menschen in unserem Land!

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