Eberhard von Goldammer (1941 – 2024) – persönlicher Nachruf

(geb. 06.03.1941 in Halle (Saale), – verstorben 27.05.2024 in Herne)

Transdisziplinarität – Komplexität – Selbstreferenz

von Joachim Paul

Wie anfangen?

Eberhard von Goldammer, Vortrag bei der Gesellschaft für Kybernetik am 29.10.2010

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Den Beitrag widme ich meinem Doktorvater und langjährigen Freund, Prof. em. Dr. Eberhard von Goldammer und seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen.

Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, diesen Nachruf zu schreiben, denn ich habe dem Verstorbenen sowohl fachlich-wissenschaftlich als auch als Mensch viel zu verdanken. Aber wo anfangen? So nach und nach realisiert sich aus den Erinnerungen heraus ein Bewusstsein für die Bedeutung des Verstorbenen für die Menschen in seiner Umgebung – und für mich.

Bei Eberhard von Goldammer blicken wir zurück auf ein reiches, erfülltes Leben, in dem zwei Zuschreibungen besonders hervortraten, erstens der Familienmensch und zweitens der Wissenschaftler. Familiäres gehört in die Privatheit der Familie, darüber hinaus verdient sein wissenschaftliches und menschliches Wirken auch eine öffentliche Würdigung.

Als Eberhard von Goldammer 10 Jahre alt war, verstarb sein Vater, ein Verlust mit zwangsläufig prägender Wirkung. Er wuchs im Allgäu als Ältestes von drei Geschwistern auf und ging dort zur Schule. An seinem Gymnasium gehörte auch der Ski-Sport zum Unterricht. Nach dem Abitur studierte er Chemie und Physik, Letzteres u.a. bei Gottfried Falk, an der Technischen Universität Karlsruhe. Er erwarb das Diplom im Fach Chemie und promovierte in physikalischer Chemie. Im Anschluss an die Promotion zog es ihn und seine Frau – das Paar hat sich in Karlsruhe kennengelernt – für einen mehrjährigen Aufenthalt nach Kanada, wo er am Chemistry Department der University of Ottawa mit Brian Evans Conway zusammenarbeitete, einem weltweit anerkannten Elektrochemiker.

Wieder zurück in Deutschland schenkte das Ehepaar kurz nacheinander zwei Söhnen das Leben. Eberhard von Goldammer habilitierte an der Universität Regensburg in Biophysik. Sein besonderes Interesse galt damals den biophysikalischen Anwendungsmöglichkeiten der Kernspinresonanz- (NMR) und der Elektronenspinresonanz- (ESR) Spektroskopie. Erstere spielt heute als Magnetresonanztomographie (MRT), als bildgebendes Verfahren eine nicht mehr wegzudenkende Rolle in der medizinischen Diagnostik. Und mit der zweiten lassen sich weitere Erkenntnisse zu Moleküldynamiken gewinnen. Eberhard von Goldammer konnte dazu in der Grundlagenforschung Wesentliches beitragen.

Ruhruniversität Bochum

1978 trat er eine auf acht Jahre befristete, außerplanmäßige (apl.) Professur am Institut für Biophysik der Ruhruniversität Bochum (RUB) an. Dort begegnete ich ihm als Student der Physik erstmals 1981 im Fortgeschrittenen-Praktikum, wo er einen Versuch zur Kernspinresonanz (NMR) betreute. Zu Beginn des Wintersemesters 1981/82 wurde ich dann in seinem Büro am anderen Ende des Naturwissenschaftstraktes der RUB – bei den Biologen im Keller! – vorstellig und bat, bei ihm in Biophysik meine Diplomarbeit leisten zu dürfen.

Auf seine Frage: „Warum ausgerechnet Biophysik?“, gab ich eine zuvor überlegte Antwort, die mir heute als ausgesucht dumm erscheint: „Das ist als angewandte Physik von Allem etwas, Quantenmechanik, Elektrodynamik, usw., da kann man ein wenig den Überblick behalten.“

Er lachte kurz auf und meinte: „Überblick? Vergessen Sie’s. Den verlieren Sie sowieso!“
Ein wenig verunsichert wollte ich das schon als Absage auffassen, da schloss er direkt eine Frage an: „Können Sie mit einem Lötkolben umgehen?“ Als ich bejahte, sagte er: „Prima, kommen Sie morgen um Zehn vorbei!“

Diesem „kürzesten Vorstellungsgespräch aller Zeiten“ folgte ein Schüler-Lehrer-Verhältnis, das sich in den 43 Jahren bis zu seinem Tod über eine enge Zusammenarbeit ganz allmählich in eine Freundschaft verwandelte.

Am darauf folgenden Tag steckten wir dann die Köpfe gemeinsam in ein Bruker-NMR-Spektrometer, um einen defekten Hochfrequenztransistor auszuwechseln.

Dabei fielen mir in seinem NMR-Labor zwei Notenständer auf. Auf meine Frage, ob er darauf die Plots seiner Messungen studiere, lachte er und sagte: „So ein Spektrometer-Durchlauf dauert. Und wenn ich hier nachts messe, dann spiele ich Geige.“ Ich selbst habe ihn nie spielen hören, aber er muss „ziemlich gut“ gewesen sein, sagte mir einer seiner Söhne. Jedenfalls lagen im Notenstapel im Labor unter vielem Anderen auch Paganinis Capricen.

Wir waren 1981 eine Diplomandin und fünf Diplomanden in von Goldammers Arbeitsgruppe, ergänzt durch einen weiteren Diplomanden von Prof. Dr. Josef Pelzl aus der Bochumer Festkörperphysik, der regelmäßig an unseren Arbeitstreffen teilnahm. Und gelegentlich schaute Dr. Hablick, akademischer Rat an Prof. Dr. Gieses Institut für extraterrestrische Physik, auf ein Gespräch vorbei.

Die Arbeitsgruppe traf sich regelmäßig einmal pro Woche für etwa anderthalb Stunden. Angewandte Physik birgt prinzipiell technische und fachliche Hürden und Probleme, die wir Diplomanden miteinander diskutierten. Locker und spielerisch lernten wir dort die Kunst der wissenschaftlichen Argumentation, wie man Vorträge hält und wissenschaftliche Inhalte präsentiert, und das in einer untereinander eher von Freundschaft denn Konkurrenz geprägten Atmosphäre.

Eberhard von Goldammer gab uns ein meist auf die Situation gut abgestimmtes motivierendes Feedback, oft knapp, ruhig und sachlich, manches Mal begeisternd, manchmal sogar verblüffend. Er flocht nicht nur dort gelegentlich Weisheiten und Tipps seines früheren, von ihm verehrten Geigenlehrers ein:

„Wenn man auf’s Podium geht, muss das perfekt sitzen, selbst wenn nur „Alle meine Entchen“ gespielt wird!“

Des Weiteren ging ihm eine auch in den Naturwissenschaften nicht so seltene professorale Arroganz völlig ab. Seine inhaltliche und methodische Autorität vermittelte sich über detailliertes Eingehen auf Fragen und Probleme. Hinzu kam, dass er die Beschäftigung mit Computern – auch abseits unserer Themen – nicht nur duldete, sondern begrüßte. Anfang der 80er wäre in einigen Bereichen noch ein Diplom in Physik ohne jegliche Computerkenntnisse möglich gewesen.

Hervorzuheben ist auch, dass Disziplingrenzen für ihn im Grunde keine Rolle spielten. Dies zeigte sich insbesondere in seiner Bereitschaft zur Übernahme von Lehrverantwortung. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Mathematik ist es allgemein üblich, dass für die thematisch benachbarten Fakultäten und Fachbereiche Services in Form von Spezialvorlesungen angeboten werden, so z.B. „Mathematik für Physiker“, „Einführung in die Physik für Biologen“, usw. Letztere war bei Physikprofessoren nicht sehr beliebt, „Physik als Hilfswissenschaft? Für fachfremde Studierende, die womöglich nur am Pflichtschein interessiert sind? Oh, bitte nicht!“

Nicht so Eberhard von Goldammer. Als der damalige Dekan der Fakultät für Physik, Detlef Kamke, ihn bat, diese Vorlesung zu halten, sagte er nach kurzer Überlegung zu und übernahm den an spektakulären Live-Experimenten so reichen Einführungskurs, den sogenannten „Zirkus“. Und sein Engagement hatte Strahlkraft. Selbst die physikalisch-technischen Assistenten, die die Experimente in der Vorlesung betreuten, erlebten einen mitreißenden Dozenten, sie haben sich für ihn buchstäblich krumm gemacht, wie mir einer der Techniker – „so macht mein Job richtig Spaß!“ – glaubhaft versicherte, als ich einmal einen Botengang für die Vorlesung erledigte.

Es ist erst wenige Jahre her, da erzählte er mir, und der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören, dass er bei einem Spaziergang eine ehemalige Biologie-Studentin getroffen habe, die sich bei ihm überschwänglich bedankt habe. Dank seiner Vorlesung habe sie „die Physik kapiert“ und ihr Biologie-Studium erfolgreich abgeschlossen. Das liegt ohne Zweifel daran, dass für ihn nicht Paukerei und tumbes Abfragen von Wissen, sondern echtes Verständnis im Vordergrund stand.

Was meine Person betrifft kann ich das nur bestätigen, er hat phasenweise mehr an mich geglaubt, als ich selbst dazu in der Lage war. Ganz offensichtlich besaß er die Gabe, Potenziale in Personen zu sehen, die der Selbstwahrnehmung der Person – zumindest zeitweise – nicht zugänglich waren. Und es mag sein, dass genau das die Kernkompetenz eines guten Lehrers ausmacht.

In seiner Publikationsliste findet sich eine Arbeit aus dem Jahr 1980, in der ein gewisser Christos Bassaris als Co-Autor genannt ist. Bassaris war Chemie-Laborant am Institut für Biophysik. Er hat Herrn Bassaris, einen Nicht-Akademiker, mit auf die Publikation genommen, weil die Arbeit durch sein laborchemisches Können erheblich erleichtert wurde! Ein für Dozenten und Professoren völlig untypisches Verhalten, zumal Ende der 70er-Jahre.

Über den Tellerrand

Die für Eberhard von Goldammer nicht vorhandenen Disziplingrenzen hatten noch eine andere Seite. Es gab eine wohl nicht stillbare Neugier und eine Unzufriedenheit darüber, wie Wissenschaft derzeit in Deutschland betrieben wurde. Er las viel. Das führte auch dazu, dass er seine Diplomanden kontinuierlich mit detaillierten Informationen zu den aktuellen Neuzugängen seiner Leseliste beglückte. Es sei zugegeben, dass uns das – in erster Linie beschäftigt mit den Anforderungen unserer jeweiligen Diplomprojekte – so manches Mal überforderte.

Zu den Autoren gehörten u.v.a. der Ökonom Jeremy Rifkin und der Chemiker und Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff, bekannt für seinen Beitrag zur Entschlüsselung der DNA-Struktur. Es folgte Nicholas Georgescu-Roegen, Verfasser des Nachworts zu Rifkins Buch „Entropie“ und Begründer der ökologischen Ökonomie. Der Klimawandel und die Rohstoffkrise waren schon damals Diskussionsthemen in unserer Gruppe.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sein Geigenlehrer und der theoretische Physiker Gottfried Falk, den er im Studium in Karlsruhe gehört hatte, gewesen sein müssen, deren Keime des ganzheitlichen Weltinteresses und deren transdisziplinäre Arten zu Denken bei Eberhard von Goldammer auf fruchtbaren Boden fielen. Er machte damals bisweilen eine heiter-abfällige Bemerkung über Physiker-Kollegen, die beim Aufstellen der thermodynamischen Zustandsgleichung eines Systems meist die chemischen Potentiale der Systemkomponenten vergaßen. (Tatsächlich ging es hierbei auch um eine von Gottfried Falk eingeführte Verallgemeinerung des Begriffs des thermodynamischen Potenzials, der sog. Massieu-Gibbs-Funktionen.)

Als er Jahre später zusammen mit Rudolf Kaehr den Aufsatz „Transdisziplinarität in der Technologieforschung und Ausbildung“ veröffentlichte, stellte er ein Zitat des amerikanischen „Systemdenkers“ Russell Ackoff voran:

„Wir müssen aufhören, so zu tun, als sei die Natur in Disziplinen gegliedert, so wie es die Universitäten sind.“

Das lässt sich unmittelbar vereinfachen zu: „Unser Forschungsgegenstand, das ist das ganze Universum!“

Es gab aber auch eine verblüffend praktische Komponente. Auf die Frage, warum er sich von der Chemie hin zur Physik orientiert habe, erklärte er mehrfach: „Weil ich mir mathematische und physikalische Gleichungen besser merken kann als chemische Formeln!“

Und weiter ging es – nicht ganz chronologisch – mit den Büchern und Aufsätzen des russisch-belgischen Physikochemikers und Nobelpreisträgers Ilya Prigogine zu dissipativen Strukturen, zu Selbstorganisation und Irreversibilität. Dahinter stand eine im Prinzip einfache Frage, die er sehr viel später in einem Vortrag einmal offen aussprach: „Wie funktioniert eine biologische Zelle?“, oder allgemeiner, „Was ist Leben?“

Es folgten Erwin Schrödingers gleichnamiger Aufsatz, Robert Rosens „Essays on Life Itself“, sowie Walter Elsassers „A Form of Logic Suited for Biology“. Als besonders dicke Meilensteine auf der Leseliste erinnere ich Gregory Batesons Werke „Ökologie des Geistes“ und „Geist und Natur – Eine notwendige Einheit“, aus denen er wochenlang Gedanken vortrug:

„Wissenschaft beweist nie irgend etwas, Wissenschaft sondiert, sie beweist nicht.“[1]

Damit stand er mit einem Bein bereits auf dem Boden der Kybernetik, oder genauer, einer kybernetischen Erkenntnistheorie.

Aber als der „Game Changer“, wie wir heute sagen, sollte sich jemand Anderes erweisen.

Gotthard Günther

Auf dem Rückweg von gemeinsamen Mittagessen unserer Arbeitsgruppe stöberten wir manches Mal im Antiquariatsstand eines Bochumer Buchhändlers in der Mensa der Ruhruniversität. 1982 bei einer solchen Gelegenheit hielt unsere Diplomandin plötzlich ein Buch in der Hand – wir hatten wohl vorher über Logik und Axiome diskutiert –, die 2. Auflage von „Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik“ (Hamburg 1978) von Gotthard Günther. Eberhard warf einen Blick hinein und brauchte keine drei Minuten. „Nur 10 Mark? Das nehme ich mit!“ „Was deinem Professor recht ist, kann dir nur billig sein“, dachte ich und erwarb ebenfalls ein Exemplar.

Es muss seine über die Zeit und die verschiedenen Lektüren gewachsene Erkenntnis gewesen sein, dass unser aus den Naturwissenschaften sowie Mathematik und Logik bereitstehender formaler Apparat bei weitem nicht hinreichend ist, um die sich selbst organisierenden komplexen Prozesse des Lebens mit ihren Selbstrückbezüglichkeiten adäquat formal beschreiben zu können, die ihn sofort auf den Titel dieses Werkes haben anspringen lassen.

Wie heftig dieser „Trigger“ für ihn gewesen sein muss, erfuhren wir Diplomanden in den nächsten Wochen. Wir konnten – teilweise beunruhigt – förmlich zusehen, wie sein fachliches Interesse an den gemeinsamen Projekten nachließ, allerdings nicht seine Sorge, dass alle Diplomanden ihre Wege bis zum Diplom auch sauber zu Ende gehen. Noch Jahre später sagte er:

„Wer sich auf das Lesen von Gotthard Günther ernsthaft einlässt, der bekommt erstmal eine Schreibblockade.“

Von Giovannino Guareschi, bekannt für seine Erzählungen um Don Camillo und Peppone, ist folgender Ausspruch überliefert: „Ein Diplomat ist ein Mensch, der offen ausspricht, was er nicht denkt.“ Wenn das richtig ist, dann war Eberhard von Goldammer das genaue Gegenteil. Er sprach so gut wie immer offen aus, was er gerade dachte, sofern es etwas mit rationalem Inhalt war.

Ich erinnere den Beginn eines seiner Vorträge, hier bei einer Jahrestagung der Sektion Biophysik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Kloster Maria Laach: „Meine Damen und Herren, so kann man das nicht messen.“ Das so etwas nicht immer Freude hervorruft, sondern auch Gefahr läuft, als Affront verstanden zu werden, leuchtet unmittelbar ein. Aber wer ihn näher kannte, der wusste, es ging ihm immer nur um die Sache, den Inhalt, das Argument. Und da konnten nur so die Fetzen fliegen, er wurde nie – das muss groß geschrieben werden, NIE – persönlich. Wirklich verärgert reagierte er nur dann, wenn die Gegenseite den Boden der Sachlichkeit verlies.

So stellte er, als das Thema „Nicht-Aristotelische Logik“ noch neu für ihn und uns war, im Anschluß an einen gemeinsam mit seinen Diplomanden besuchten öffentlichen Vortrag über Logik an der philosophischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum eine Frage zu seiner aktuellen Günther-Lektüre und gab – eher als Warum, denn als Vorwurf – seiner Verwunderung Ausdruck, dass es an der philosophischen Fakultät keinerlei Vorlesungen oder Seminare zu diesem Philosophen gab. Im Verlauf des folgenden, kurzen Dialogs griff der sich in der Kritik sehende Referent zu einem Argumentum ad hominem und bezeichnete Eberhard von Goldammer despektierlich als Bücherwissenschaftler. Nachdem der erste Ärger verraucht war, lachten wir in der Arbeitsgruppe darüber. Es hat geradezu komödiantische Qualität, wenn ein Geisteswissenschaftler jemand als Bücherwissenschaftler bezeichnet, der den größen Teil seines akademischen Lebens seine Finger buchstäblich in biologische oder biologisch relevante Materie gesteckt hatte.

Dann begriffen wir, dass der Referent ein Vertreter der sogenannten analytischen Philosophie gewesen sein muss. Bis weit in die 90er hinein war dort alles verpönt, was nur irgendwie nach Hegel und Dialektik roch, und dazu gehören Gotthard Günther und sein Werk in ganz besonderem Maße. (Diese ablehnende Haltung der analytischen Philosophie gegenüber Hegel ist über die Jahre aufgeweicht und gipfelte jüngst 2019 im Erscheinen des Werkes „A Spirit of Trust: A Reading of Hegel’s Phenomenology“ des Richard Rorty-Schülers und einflussreichen Vertreters der analytischen Philosophie, Robert Brandom, der schon in den Nullerjahren zu einer erneuten Hegel-Lektüre aufgerufen hatte.[2])

Die Erstausgabe von Günthers Idee und Grundriss erfolgte bereits 1958, die von uns zudem antiquarisch erworbene 2. Auflage ist auf 1978 datiert. Waren wir also „spät dran“ mit unserer Lektüre? Nein. Dem entgegen steht die von Brandom geforderte Hegel-Lektüre in den Nullerjahren und eine Bemerkung, die Gert König, seinerzeit Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte an der RUB, auf die entsprechende Frage eines Studenten hin machte:

„Gotthard Günther? Das ist noch zu früh.“

Mit Fug und Recht lässt sich also sagen, dass Eberhard von Goldammer mit seiner Günther-Lektüre „seiner Zeit voraus“ war. Insofern war die Beschäftigung damit für ihn auch eine unfreiwillige Übung im „sich zwischen die Stühle Setzen“. Aber allmählich wuchs eine Art wütender Gelassenheit. Als ich mich Jahre später einmal bei ihm beklagte, dass Naturwissenschaftler mir in Diskussionen häufiger entgegneten, ich würde wie ein typischer Geisteswissenschaftler argumentieren, eben diese mir jedoch den typischen Naturwissenschaftler sogar vorwarfen, meinte er nur trocken: „Nehmen Sie’s doch als Kompliment!“

Er hatte sich inzwischen die Haltung einiger Vertreter der Kybernetik (zweiter Ordnung) zu eigen gemacht, die den dem klassischen Wissenschaftsgefüge impliziten Methodendualismus zwischen Geistes- und Naturwissenschaften strikt ablehnen und stattdessen dafür plädieren, dort, wo es sinnvoll ist, das erkennende und handelnde Subjekt ausdrücklich in den Bereich der Wissenschaft mit einzubeziehen.

Das Forschungsfeld hatte W. Ross Ashby bereits 1957 folgendermaßen umfassend benannt:

„Kybernetik untersucht alle Phänomene in Unabhängigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind.“[3]

Und Heinz von Foerster nimmt eine wesentliche Präzisierung vor, er teilt durch seine Definition die Kybernetik in zwei Ordnungen:

„Die Kybernetik erster Ordnung beschäftigt sich mit beobachtbaren Systemen, die Kybernetik zweiter Ordnung mit beobachtenden Systemen.“[4]

Es ist eben diese sog. „2nd order cybernetics“, die die eigentliche transdisziplinäre Erweiterung darstellt und zum „Ausgangsort jener zweiten kybernetischen Welle“ wurde, „die großen Einfluss auf zentrale amerikanische und europäische Diskurse des späten 20. Jahrhunderts nehmen sollte“[5]. „Beobachtende Systeme“, das bedeutet Subjekte, die erkennen, Lebewesen, die Kognitionen haben. Darüber forschen zu können, das stellt ein besonderes Faszinosum dar.

Universität Witten/ Herdecke

Diese Haltung zur Wissenschaft, die man auch als holistisch, bzw. ganzheitlich bezeichnen kann, wollte nicht so recht in das Prokrustesbett staatlicher Hochschulen passen. Insofern war Eberhard von Goldammer kein Einzelfall. Neue Ideen haben an staatlichen Einrichtungen nicht selten einen schweren Stand. (Das bestätigte mir unlängst der Philosoph und Psychoanalytiker Rudolf Heinz, Begründer der Pathognostik, der etwa zur selben Zeit eine Professur ohne Lehrstuhl an der Philosophischen Fakultät der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf innehatte.)

Eberhard von Goldammer kam in Kontakt mit Dr. Gerhard Kienle, dem Chefarzt und Gründer des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke, der zusammen mit Anderen an der Gründung einer privaten Universität arbeitete, an der auch Mediziner ausgebildet werden sollten, und das in direkter Nähe zur Praxis in der Herdecker Klinik. Motivation hierfür war neben einer basalen Kritik der Medizinerausbildung an staatlichen Hochschulen auch eine grundlegende Kritik an der Praxis des deutschen Gesundheitswesens.

Gerhard Kienle und der Marburger Physiologe Herbert Hensel, der 1965/66 Rektor der Phillips-Universität Marburg war, waren beide Anthroposophen und können als die eigentlichen Gründer der Universität Witten/ Herdecke (UWH) angesehen werden. Ihre Kritiken zielten allerdings nicht nur auf die Praxis der Medizinerausbildung an staatlichen Hochschulen sondern auch nach innen. Insbesondere Hensel forderte von anthroposophischen Wissenschaftlern strenge Wissenschaftlichkeit ein und kritisierte deren „weitverbreitete Methode, gewisse Aussagen der Anthroposophie a priori als absolute Wahrheit zu setzen und diese dann durch Zusammensuchen bekannter Tatsachen aus der wissenschaftlichen Literatur zu stützen“.[2]

Bereits ab 1980 – noch vor meinem Start in seiner Bochumer Arbeitsgruppe – engagierte sich Eberhard von Goldammer am Projekt Universität Witten/ Herdecke, zu dessen Unterstützern u.v.a. auch der Bochumer Physiker Haro von Buttlar gehörte. Neben dem Schreiben von erfolgreichen Anträgen für Fördermittel (Stiftung Volkswagenwerk) und der Beschaffung eines MRT-Gerätes war dies auch der Aufbau und die Organisation eines Physikpraktikums für die Studenten der Medizin. Als die UWH 1983 ihren Betrieb aufnahm, waren es einige seiner Diplomanden von der RUB, die die Betreuung des Physik-Praktikums für die ersten beiden Jahrgänge übernahmen.

Es ist nur konsequent, die Frage stellen, wie das zusammengehen sollte. Auf der einen Seite Anthroposophen, auf der anderen ein von Kybernetik, Philosophie und mehrwertiger Logik infizierter Biophysiker. Eberhard von Goldammer hat immer betont, dass es in seiner Wahrnehmung Gerhard Kienle, Herbert Hensel und der spätere faktische Gründungsrektor der UWH, der ebenfalls in Marburg lehrende Physiologe Gunther Hildebrandt – „open minded people“ fern von Ideologien oder Dogmatiken – seien, mit denen er „gut konnte“. Das ist aber nicht unbedingt eine Frage der persönlichen „Chemie“. Hier kann ein Aphorismus des amerikanischen Rockmusikers und Komponisten Frank Zappa herangezogen werden:

„Ein Geist ist wie ein Fallschirm. Er funktioniert nicht, wenn er nicht offen ist.“

Allein deswegen, weil sie offen – open minded – waren, „konnten“ sie miteinander, auch im Team. Gegenseitige Sympathie stellt sich dann ganz von selbst ein.

Unglücklicherweise verstarben Gerhard Kienle und Herbert Hensel 1983 kurz vor der offiziellen Eröffnung der Universität Witten/ Herdecke. Die Leitung der Universität übernahm der Neurologe Konrad Schily.

Und die Vorstellungen und Hoffnungen, die Eberhard von Goldammer für die Universität, für sein Institut für Biophysik und Medizintechnik an der UWH sowie für das Institut für theoretische Biowissenschaften, dessen Leitung 1985 Rudolf Kaehr übernahm, und letztlich für sich selbst und seinen weiteren wissenschaftlichen Weg gehabt haben mag, wurden bitter enttäuscht.

Hier soll dies nicht weiter ausgeführt werden. Stattdessen können wir ihn selbst sprechen lassen. Er verfasste dazu einen Text „Historischer Rückblick und Anmerkungen zu einem Projekt, das an einer Privat-Universität unerwünscht war …„. Die Datei enthält darüber hinaus auch ein Interview „Wissenschaftszensur oder Universität nach Gutsherrenart – Eine Elite in Deutschen Landen -„, dass er im Sommer 2007 Peter Rath gab. Beides gibt neben zahlreichen Projektergebnissen auch Zeugnis von eher Unerfreulichem, von dem Intrigenspiele und unberechtigte Vorwürfe noch das Geringste sind.

Gründungsinitiative Nordische Universität Flensburg/ Neumünster

Seinen inter- und transdisziplinären Anspruch an Wissenschaft gab Eberhard von Goldammer nicht auf. Schon während der sich zunehmend ins Ungünstige entwickelnden universitätspolitischen Wetterlage an der UWH startete er neue Initiativen oder nahm daran Anteil. Seine zeitliche Auslastung – und damit auch die Belastung für seine Familie – waren immens.

Das, was ihm als Institut vorgeschwebt haben mag, war mit Sicherheit beeinflusst und inspiriert von zwei großen Vorbildern, beides US-amerikanische Einrichtungen. Zum einen war dies das BCL, das „Biological Computer Laboratory“ (1958 – 1974) an der University of Illinois in Urbana, Illinois, das aus den Macy-Konferenzen hervorgegangen war und von dem aus Wien stammenden Physiker Heinz von Foerster geleitet wurde. Führende Kybernetiker haben sich dort die Klinke in die Hand gegeben, es war ein Kommen und Gehen mit regem Austausch. Gotthard Günther hat am BCL wesentliche Teile seines über „Idee und Grundriss …“ weit hinausgehenden Werks verfasst. Die zweite Einrichtung existiert heute noch, es ist das SFI, das Santa Fe Institute in Santa Fe, New Mexico, gegründet 1984, das sich der Erforschung von komplexen Systemen verschrieben hat.

Vielversprechende Anklänge an diese Kultur des offenen Austauschs gab es schon an der UWH. Er hatte den Philosophen und Logiker Rudolf Kaehr, der bei Gotthard Günther promoviert hatte, an die UWH geholt. Joseph Ditterich, ebenfalls ehemaliges Mitglied von Günthers Berliner Arbeitsgruppe, kam vorbei und verfasste mit Kaehr zusammen mehrere Beiträge. Humberto Maturana war zweimal zu Gast und hielt Vorträge, ebenso der Physiker und Neurobiologe Christoph von der Malsburg.

Die DoIT, die Deutsche Occam-Interessengemeinschaft der Transputeranwender gastierte mit einer großen Tagung in der Wittener Stadthalle. Damals war der Transputer (Transfer-Computer) der britischen Firma Inmos Ltd. eine geradezu revolutionäre Entwicklung auf dem Gebiet der Computer-Hardware, die den Aufbau paralleler Prozessornetzwerke erlaubt. Auf Initiative von Martin Busch beschäftigten wir uns an der UWH mit Parallelnetzwerken aus Transputern und deren Anwendungsmöglichkeiten, insbesondere mit Simulationen von neuronalen Netzen in der Programmiersprache Occam.

Nach Abschluss meines Physikdiploms an der RUB war ich wie zuvor Martin Busch Eberhard von Goldammer als Assistent in sein Institut für Biophysik und Medizintechnik an der UWH gefolgt. Dabei mutet es reichlich paradox an, dass ich meine Bezüge über den „Projektschwerpunkt Neurokybernetik des Wirtschaftsministeriums des Landes Schleswig-Holstein“ erhielt, der zu der Zeit zum Kern einer Gründungsinitiative für eine privatwirtschaftliche Universität, die Nordische Universität Flensburg/ Neumünster gehörte. Das Bundesland ist im Bereich Medizintechnik traditionell gut aufgestellt. Es gab daher – neben den Wirtschaftswissenschaften – ein starkes Interesse an einer Universitätsgründung mit entsprechendem Schwerpunkt, das bis in Regierungskreise reichte. Das Projekt wurde hierbei über eine medizintechnische Beratungsfirma koordiniert, die ein ehemaliger Doktorand von Goldammers gegründet hatte.

Im Rahmen dieser Aktivitäten sollte zunächst der aktuelle internationale Sachstand von Forschung und Technik im Bereich aktiver, sensorgesteuerter Prothesen erhoben werden. Eberhard von Goldammer und ich besuchten daher 1988 eine Tagung und zwei Kongresse zu Robotik und Prothetik in Kanada. Für ihn war dies eine willkommene Auszeit vom politischen Hickhack an der UWH, eine Mischung aus neuen Anregungen und einer Reise in seine Vergangenheit, denn wir besuchten in Ottawa Prof. Conway.

Auf der Jahrestagung der ASC, der American Society for Cybernetics an der University of Victoria (BC), trafen wir Humberto Maturana wieder und lernten u.v.a. Gordon Pask kennen, der noch selbst an den Macy-Konferenzen teilgenommen hatte und der uns beide durch seinen selbst für einen Briten außergewöhnlich hintergründigen Humor begeisterte:

„I prefer choice number five!“ – „But it isn’t there! You have only four choices.“ – „Yes, because it isn’t there!“

Wissenschaft ist Kommunikation. Wir hielten gemeinsam einen Workshop zu Gotthard Günthers Polykontexturalitätstheorie ab. Im Anschluss kam ein Psychologe aufgeregt auf uns zu und wedelte mit einem Buch: „Das hier müssen Sie unbedingt lesen!“ Es handelte sich um die englische Ausgabe der Evolutionstheorie des Bewussteins des amerikanischen Psychologen Julian Jaynes: „Der Ursprung des Bewusstseins …“. Und in der Tat erweisen sich zum einen Jaynes’ Vorstellungen zur Sprachentwicklung anschlussfähig zu Grundelementen der Polykontexturalitätstheorie Günthers, zum anderen gibt es interessante Berührungspunkte zwischen den Vorstellungen beider zur kulturellen Evolution.

Die Bemühungen um eine Konsolidierung der Nordischen Universität zogen sich über mehrere Jahre hin und waren 1989 entgültig zum Scheitern verurteilt, da sich keine vollständig private Finanzierung finden ließ. Björn Engholm (SPD) hatte schon als Oppositionsführer davor gewarnt, dass die Universität staatliche Förderung benötigen werde, diese jedoch kategorisch ausgeschlossen. Und auch der Versuch, Teile der Initiative zu retten, musste aufgegeben werden, als Engholm 1993 über die Barschel-Affäre stolperte.

ICS, Institut für Kybernetik und Systemtheorie e.V. // FH Dortmund

Eberhard von Goldammer wurde schließlich Professor an der FH Dortmund und unterrichtete dort Biophysik und Informatik bis zu seiner Emeritierung, blieb aber formal Mitglied der Medizinischen Universität zu Lübeck, ein Nebeneffekt der nicht glücklich verlaufenen Nordischen Initiative, die es ihm weiterhin erlaubte, Promotionen abzunehmen.

Um Projekten einen größeren offiziellen Rahmen zu geben, gründete Eberhard von Goldammer mit einigen Freunden und Kollegen das ICS, das Institut für Kybernetik und Systemtheorie als gemeinnützigen Verein. Das ICS war ein virtuelles Institut, deren Mitglieder via Internet miteinander vernetzt waren und das als An-Institut der Technischen Universität Dresden firmierte. Mit von der Partie war Siegfried Fuchs, Ingenieur und Professor für Informatik an der Technischen Universität Dresden, der zu Computervision und künstlicher Intelligenz forschte.

Im ICS schlug sich gewissermaßen die deutsche Wiedervereinigung mit einem besonders interessanten Aspekt nieder. Im Ostblock hatte man die Kybernetik nach anfänglichen Widerständen – man sah sie zunächst als ein ideologisches Machwerk des Klassenfeindes – als den Marxismus bestätigend begrüßt und begonnen, intensive Forschung auf dem Gebiet zu betreiben. „Open minded people“ aus beiden Teilen hatten sich also viel zu erzählen.

Cover des Tagungsbandes zum Dresdener Symposium

Eine inhaltliche Aufarbeitung und Zusammenführung der unterschiedlichen Forschungsansätze in Ost und West fand allerdings de facto nicht statt. So wurde das Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse der Akademie der Wissenschaften der DDR mit der Begründung „brauchen wir nicht“ aufgelöst. Einzelne Abteilungen wurden entweder geschlossen oder in andere Institutionen integriert. Wir hatten gemeinsam ein Institut gegründet! Als Gründungsmitglied konnte u.v.a. Prof. em. Alfred Locker gewonnen werden, der einen Lehrstuhl für theoretische Biophysik an der TU Wien innehatte. Die erneute Aufbruchstimmung war auf dem Dresdner Symposium „Kybernetik und Systemtheorie – Wissenschaftsgebiete der Zukunft?“ im November 1991 deutlich spürbar.

Mit dem ICS als Institution und der damaligen Berliner Firma Brainware GmbH konnte Eberhard von Goldammer mehrere Verträge für von der Europäischen Union geförderte Projekte gegenzeichnen. Es handelte sich dabei um StatLog (ESPRIT II project 5170: Comparative testing and evaluation of statistical and logical learning algorithms on large-scale applications to classification, prediction and control) und PAPAGENA (ESPRIT III project 6857: Programming Environment for Applications of Parallel Genetic Algorithms), in deren Rahmen ich – nunmehr voll finanziert – meine Dissertation verfassen konnte. Ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen.

Denken und Schreiben …

Nach meiner Promotion ging ich eigene, zunächst freiberufliche Wege, bevor ich dann 1998 eine Position als wissenschaftlicher Referent am Medienzentrum Rheinland annahm, heute LVR-Zentrum für Medien und Bildung, eine Dienststelle des Landschaftsverbandes Rheinland.

Wir hielten Kontakt und besuchten gelegentlich Tagungen miteinander. Und aus dem „Sie“ wurde ein „Du“. Auf einem vom Wissenschaftszentrum NRW in Düsseldorf veranstalteten Kongress zur Hirnforschung trafen wir Humberto Maturana wieder und lernten Heinz von Foerster persönlich kennen. Und bei einem Kybernetik-Treffen in Amsterdam kam es zu einem intensiven Vierer-Gespräch mit Gordon Pask und seinem ehemaligen Doktoranden Ranulph Glanville, das erst nachts um Drei in einer Amsterdamer Bar endete.

Eberhard von Goldammer konnte sich – nunmehr unbelastet von irgendwelchem universitätspolitischen Hickhack und anderen ideologischen Stressfaktoren – neben seiner Lehrtätigkeit an der FH Dortmund frei und natürlich transdisziplinär der Wissenschaft und dem wissenschaftlichen Schreiben widmen.

Gemeinsam, zu zweit und mit anderen veröffentlichten wir eine ganze Reihe von Aufsätzen, die die Probleme der formalen Beschreibung von Lebensprozessen und lebenden Systemen stellen und sichtbar machen. Hervorgehoben werden kann ein Aufsatz zu „Autonomie in Biologie und Technik„, der in einem Jahrbuch zu Komplexität in Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften publiziert wurde. Wir nahmen dabei Bezug auf grundlegende Arbeiten von Humberto Maturana, Francisco Varela, Gregory Bateson und Heinz von Foerster.

Die derzeit noch recht unerprobten kulturtechnischen Möglichkeiten des Internet nutzend gründete ich mit dem Düsseldorfer Philosophen Larry Steindler das eJournal www.vordenker.de, ein „Webforum für Innovatives in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur“, das im September 1996 an den Start ging. Selbstverständlich lud ich auch Eberhard dazu ein, diese Plattform fürs Publizieren und sich mit Anderen Austauschen zu nutzen und er machte regen Gebrauch davon, wurde zu einem festen Autor.

Sein Schreiben wendet sich nun immer mehr der erneuten Reflexion – heute stehen dafür die Begriffe „re-reading“ oder „close reading“ – der Werke von Gotthard Günther zu. 2002 hatten wir das große Vergnügen, zusammen das „Das Bewusstsein der Maschinen“ anlässlich des 50. Jahrestags der Erstauflage 1952 in einer erweiterten dritten Auflage mit einer umfangreichen Einführung erneut im AGIS-Verlag herausgeben zu können. Zudem erhielten wir die Genehmigung, einen Schlüsselaufsatz Günthers, „Erkennen und Wollen“ dem Anhang hinzuzufügen. Bei einem gemeinsamen Besuch in Berlin in der Staatsbibliothek sichteten wir einige bislang unpublizierte Texte aus dem Nachlass des Philosophen.

Seine nach dieser Herausgeberschaft verfassten Aufsätze, die oft bescheiden mit „Anmerkungen zu“ oder „Annotationen zu“ beginnende Titel tragen, sprechen eine eigene Sprache. Vor dem Hintergrund des im wissenschaftlichen Mainstream sich ganz allmählich aufweichenden aber immer noch vorherrschenden Methodendualismus und der tiefen Überzeugung, dass „Ganzheit nur durch eine Vielheit von einander vermittelnden Positionen […] beschrieben werden kann“, diese Formulierung stammt aus dem bereits genannten und zusammen mit Rudolf Kaehr verfassten Aufsatz „Transdisziplinarität in der Technologieforschung und Ausbildung“, ringt er um erweiterte Zugänge zum Güntherschen Werk. Das macht er nicht für sich, denn seine Zugänge hat er längst, sondern für Studierende und bildungsaffine BürgerInnen aller Fakultäten, um ihnen die Polykontexturalitätstheorie näherzubringen.

Die besondere Herausforderung besteht hierbei darin, einerseits Geisteswissenschaftlern die formalen Aspekte des Güntherschen Werks verständlich darzustellen und andererseits den oft positivistisch vorgeprägten Naturwissenschaftlern dialektisches Denken schmackhaft zu machen. Gelegentlich bricht sich auch seine „wütende Gelassenheit“ Bahn. „Lest verflixt nochmal diesen Günther. Ihr wisst ja nicht, was Euch entgeht!“

Mit Rudolf Kaehr können wir dazu fragen, warum soll ein rationaler Gedanke nicht von der „vorsprachlichen Wucht eines Gefühls“ begleitet sein, warum ein Gefühl nicht von einem „ebenso mächtigen Gedanken“ begleitet werden können? „Warum soll das Denken dem Fühlen nicht standhalten können – und umgekehrt?“[6] In gewissem Sinne wäre damit ja einer Ganzheit Genüge getan. Die Lehrtätigkeit und die Kommunikation mit Studierenden dürfte ein Übriges zu der zunehmenden Griffigkeit seiner Texte beigetragen haben.

Auf der Hintergrundfolie des Güntherschen Werkes erschloss Eberhard von Goldammer sich eine ganze Reihe von Autoren neu und schrieb darüber für das eJournal und einige Druckveröffentlichungen. Hier ist vor allem der Kommunikationswissenschaftler und Medienphilosoph Vilém Flusser zu nennen, auf den er u.a. in seinem Aufsatz „Zeit – Mehrzeitigkeit – Polyrhythmie oder das polylogische Orchestrion“ Bezug nimmt. In diesem Titel verrät sich zudem der Musiker.

Und ich darf an dieser Stelle meinem Bedauern Ausdruck geben, dass er nicht mehr dazu kam, das Werk des britischen Physiologen und Begründers der Systembiologie, Denis Noble (The Music of Life – Biology Beyond Genes, Dance to the Tune of Life) zur Kenntnis zu nehmen, der ebenfalls Musiker ist und der mit brillanter Rhetorik und ausgesucht argumentativer Schärfe den genetischen Determinismus und Reduktionismus kritisiert. Das hätte ihm tiefe Freude bereitet.

Gemeinsam besuchten wir Veranstaltungen im Rahmen des Bochumer Kolloquiums Medienwissenschaft an der RUB, aus der Taufe gehoben von Erich Hörl. Dort konnten wir dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy beim Denken förmlich zusehen. Nicht weniger beeindruckend war ein technikphilosophischer Vortrag des Komparatisten und Literaturtheoretikers Werner Hamacher.

Oft diskutierte er mit mir Formulierungen am Telefon. Seine Auseinandersetzung mit Flusser setzt sich fort in seinem Beitrag „Vom Subjekt zum Projekt oder VOM PROJEKT ZUR SUBJEKTIVITÄT!„.

2006 lädt er mich ein, mit ihm einen Aufsatz „The Logical Categories of Learning and Communication — reconsidered from a polycontextural point of view“ für eine Jubiläumsausgabe der Zeitschrift KYBERNETES zu verfassen zu Ehren von Gregory Bateson. Seit 2023 liegt dieser über die Jahre vielzitierte Text auch in einer deutschen Version vor.

So um 2010 „entdeckt“ er den schwedischen Theologen und Religionswissenschaftler John Cullberg und dessen Kritik an der zu armen abendländischen Ontologie, in der das „Du“ fehlt und setzt den Autor gleich in Beziehung zu Günthers Begriff der über mehrere Ich-Zentren verteilten Subjektivität.

Das Werk des britisch-amerikanischen Philosophen Stephen Toulmin „Kosmopolis – Die unerkannten Aufgaben der Moderne“ nimmt er zum Anlass zu einem Exkurs über Leibniz’ Projekt einer Universalschriftsprache und interpretiert ein solches oder solche Vorhaben als notwendig zu berücksichtigende Bedingung auf dem Weg zu einer planetaren Zivilisation.

Seine Texte werden zunehmend politischer. Zudem ist er fasziniert vom Aufstieg Chinas. Er beschäftigte sich – schon seit den 90ern – intensiv mit dem Werk des britischen Biochemikers und Sinologen Joseph Needham. Als ich 2012 für fünf Jahre als Abgeordneter (Piratenpartei) in den Landtag von NRW einzog, nahm er daran aktiv Anteil und besuchte mich mehrfach dort. Zu einem kleinen öffentlichen Kongress „Zukunft der Ökonomie – Ökonomie der Zukunft“ (Mai 2015) lud ich ihn als Vortragsredner ein. Er sagte sofort zu. Sein Beitrag trug als Titel eine Frage, „Welches Wissen? Welche Gesellschaft?„. Ausgehend von Überlegungen des Sozialphilosophen André Gorz sprach Eberhard von Goldammer über gesellschaftlichen Wandel durch Technologie und Wissenschaft, gefolgt von einem regen konstruktiven Dialog mit Personen aus dem Publikum.

Das letzte größere gemeinsame Projekt war das Aufbereiten des digitalen Archivs der Arbeiten von Rudolf Kaehr, der 2016 verstarb. 2019 veröffentlichte Eberhard von Goldammer noch zwei äußerst verdichtete Darstellungen der Polykontexturalitästheorie in einer kurzen und einer längeren Version.

Was ist Komplexität, was ist ein komplexes System?
Ein bekanntes Online-Lexikon sagt dazu:

„Komplexität (lateinisch complexum, Partizip Perfekt Passiv von complecti „umschlingen“, „umfassen“ oder „zusammenfassen“) bezeichnet eine große Anzahl und Unterschiedlichkeit von Elementen, die untereinander in vielfältigen Wechselbeziehungen, Strukturen und Prozessen in einem Gesamtzusammenhang stehen.“

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Komplexität eher lax verwendet. Da meint „komplex“ in der Regel „sehr oder besonders kompliziert“. Das ist wenig hilfreich und hat keine Trennschärfe.

Die kürzeste Definition, die ich kenne, ist bislang nicht schriftlich veröffentlicht. Sie stammt aus einem Telefonat mit Eberhard von Goldammer am 14.04.2011 (sagt mein Zettelkasten):

„Ein komplexes System ist ein System, dessen formale Beschreibungskriterien sich nicht auf eine Kontextur reduzieren lassen.“

Und „Kontextur“ kann man nachschlagen.

Forschen, das heißt, regelmäßig Ausflüge an die Grenzen des eigenen Verstehens zu machen, alles andere ist Verwalten.

Eberhard von Goldammer hat mich eingeladen, dies mit ihm gemeinsam zu tun. Das hat auch mein Leben und Denken reicher gemacht.

Seine schriftlichen Arbeiten – sofern möglich – weiterhin für eine interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung zu halten, ist das Mindeste, was ich tun kann.
[Link zur Bibliographie]

Eberhard von Goldammer verstarb am 27. Mai 2024 in Herne.
Er hinterlässt seine Frau, zwei Söhne und zwei Enkel.

Joachim Paul, Neuss,
Ende Juli 2024

Quellen

[1] Gregory Bateson, „Geist und Natur – Eine notwendige Einheit„, Frankfurt a.M. 1982, S. 37
[2] Herbert Hensel, „Zum Verhältnis von Anthroposophie und Hochschule.“ In: Uwe Stave i.A. der Freien Europäischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): „Wissenschaft und Anthroposophie. Impulse für neue Wege der Forschung.“ Urachhaus Verlag, Stuttgart 1989, S. 70–77 (Manuskript vom 1.12.1982).
[3] W.Ross Ashby, Einführung in die Kybernetik, S. 7
An Introduction to Cybernetics, London 1957, p. 1
http://pespmc1.vub.ac.be/books/IntroCyb.pdf
[4] Heinz von Foerster et al (1974): Cybernetics of Cybernetics, The Control of Control and the Communication of Communication, Univ. of Illinois, Urbana, Ill., S. 1
[5] Jan Müggenburg, Lebhafte Artefakte – Heinz von Foerster und die Maschinen des Biological Computer Laboratory, Konstanz 2018, S.37
[6] Rudolf Kaehr, Welt-Entwurf durch Sprache – Diamondstrategies;
Glasgow 1997, S. 28; online: https://www.vordenker.de/rk/rk_Diamond-Strategies_Weltentwurf-durch-Sprache_1997.pdf

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vordenker news April 2024

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

Ach was.

wissen Sie übrigens, wer heute 300 – und ZAPP, weg, jaja, das nervt.

Deshalb wollen wir so Einiges anders machen. Zuerst lädt sie Larry Steindler auf eine transzendente Kegelbahn ein, auf der gerade neun tote Philosophen nach der Kantfeier die Kugel rollen lassen und dabei über Nachruhm debattieren, in Reimen.

Des Weiteren wurden aus demselben Anlass und unter dem Titel „Die haben Kant nicht ordentlich gelesen …. eine ganze Reihe Zitate – nicht von besagtem Geburtstagskind sondern über es – zusammengestellt vom Herausgeber. Mit dabei sind Paul Alsberg, Dirk Baecker, Claus Baldus, Stafford Beer, Markus Gabriel, Gotthard Günther, Oskar Negt, Kitaro Nishida, Rainer Paslack, Corine Pelluchon und Stephen Toulmin.

Claus Baldus beehrt uns mit einer tief und nahe gehenden sowie nicht notwendigerweise seriell zu lesenden

Text-Bild-Komposition leben – lieben – lachen – zwei sterne unterwegs. Wenn man so will, ein road movie mit Bewegtbildern nur im Kopf – eine der Assoziationen des Herausgebers – oder, wie der Verfasser sagt, ein „rhapsodischer Text“, der „jedenfalls nicht komplett durch Platon-Hegel-Freud-Maschine „Erinnerung / Rationalisierung“ durchgearbeitet“ ist. „Philosophie live – oder – um einen Begriff aus der Chemie zu borgen, Philosophie „in statu nascendi“ – im Zustand des Geborenwerdens.

Willy Bierter übersandte einen neuen Text, „Die „zweite Maschine“ – Im Spiegelkabinett von Mensch, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz“. „Zweite Maschine“ ist bewusst in Anführungszeichen gesetzt und eine Anlehnung an Gotthard Günthers Edition und Nachwort zu Isaac Asimovs deutscher Erstausgabe von „I Robot“, Ich, der Robot“, Düsseldorf und Bad Salzig 1952. Bierters Aufsatz führt die Lesenden durch die technische Menschheitsgeschichte, sofern sie durch einen Maschinengebrauch geprägt ist. Der Autor referenziert dabei stark auf den umfassenden Maschinenbegriff, den der Kulturwissenschaftler Martin Burckhardt in seiner „Philosophie der Maschine“ entwickelt hat. Gleichermaßen durch Gotthard Günthers Gedankengut geprägt wird Bierters Essay geradezu ein Rundumschlag zur Maschinengeschichte. Von den Anfängen der Schrift, vom syrischen Stier im Aleph über chinesische Schrift, über Beschreibung und Kritik des Computers sowie gesellschaftskritische Überlegungen bis hin zu den Einlassungen Rudolf Kaehrs beleuchtet Bierter die große Herausforderung des Menschen durch seine eigenen technischen Artefakte. Können wir unseren digitalen Golems entgehen?

Den Abschluss bildet ein bereits vor einigen Tagen als Blogbeitrag erschienender Aufsatz von Joachim Paul, „Künstliche Dummheit – Nicht-triviale Maschinen und der Fluch der Rekursion“. In ihm geht Paul der Frage nach, was es mit den Meldungen und Studien zu dümmer werdenen KI-Systemen, sowohl Bildgeneratoren als auch große Sprachmodelle, auf sich hat.

Viel Spaß beim Lesen,
bleiben Sie gelassen,
herzlich, Ihr
Nick H. aka Joachim Paul

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Die haben Kant nicht ordentlich gelesen ….

zusammengestellt von Joachim Paul

>Direkt zum Download als PDF<

Das Wiegenfest des designierten Vaters der Aufklärung jährt sich am Montag den 22. April 2024 zum 300sten Mal, ein stolzes Alter für einen gerade jetzt in Zeiten der umsichgreifenden Antiaufklärung aktuellen Philosophen, mag manch philosophieaffiner Mitmensch denken.

Aus diesem Anlass gibt es hier einen kleinen Blumenstrauß aus weniger bekannten Zitaten und Textschnipseln, nicht von sondern über Kant.

Versammelt sind hier Paul Alsberg, Dirk Baecker, Claus Baldus, Stafford Beer, Markus Gabriel, Gotthard Günther, Oskar Negt, Kitaro Nishida, Rainer Paslack, Corine Pelluchon und Stephen Toulmin.

Der Titel dieser Mini-Sammlung, „Die haben Kant nicht ordentlich gelesen“, entstand

aus einem Satz eines Gotthard Günther-Zitates und kann hier auch als Platzhalter für die üblichen Streitereien innerhalb der kontinentalen Philosophie verstanden werden. So warf beispielsweise der Komparatist Werner Hamacher Hans Blumenberg vor, dass er Aristoteles’ Nikomachische Ethik nicht ordentlich gelesen habe.[1] Hermann Schmitz wiederum warf Günther vor, Hegel nicht ordentlich gelesen zu haben [2], etc., kurz, es scheint ein akademisches Naturgesetz zu sein, dass es immer einen Philosophen X gibt, der einem Philosophen Y vorwirft, einen Philosophen Z „nicht ordentlich gelesen“ zu haben.

Dabei ist allgemein bekannt, dass auch in Philosophiekreisen Werke anderer – nicht zugegeben – häufig nur „diagonal“ gelesen, „überflogen“ oder nach gerade zu eigenen Absichten passenden Textstellen durchsucht werden, etc., sodass die Formulierung „nicht ordentlich gelesen“ vordergründig betrachtet gerade noch als höflich interpretiert werden kann. Nicht selten wird aber hinter „nicht ordentlich gelesen“ eher ein „überhaupt nicht verstanden“ oder gar ein „in Grundzügen missverstanden“ versteckt.

Dem „Shooting Star“ der deutschen akademischen Philosophie, Markus Gabriel, möchte ich so etwas allerdings nicht unterstellen, obwohl er sich unlängst in einem Zeit-Interview zu der Bemerkung herabließ, Kant sei selbst kein aufgeklärter Mensch, sich aber gleichwohl der Notwendigkeit zur Aufklärung bewusst gewesen [3]. Aus dieser Aussage kann geschlossen werden, dass sich dahinter möglicherweise eine Art des Verständnisses verbirgt, die Aufklärung eher als Zustand und weniger als stetigen Prozess begreift.

Aber vielleicht ist das zu hoch gegriffen und Gabriels Bemerkung ist lediglich dem geschuldet, was das Feuilleton der Zeitschrift Jungle World schon 2013 den „Bengel-Faktor“ nannte.[4] Man mag hinzufügen, dass heutzutage im Zeitalter der im Dienste der kapitalistischen Ordnung stehenden Aufmerksamkeitsökonomie auch philosophische Einlassungen nicht selten zwischen kalkulierten Frechheiten und gleichermaßen geradezu provokant Offensichlichem changieren können.

Die diesem Beitrag seinen Titel gebende Formulierung taucht in einem Interview auf, dass Gotthard Günther kurz vor seinem Tod 1984 seinem ehemaligen Mitarbeiter und Promovenden Claus Baldus gab, „Phaidros und das Segelflugzeug: Von der Architektonik der Vernunft zur technischen Utopie“[5]:

Claus Baldus, CB: Sie sind von der indischen Philosophie zunächst zu Kant übergegangen, dann von Kant weiter zu Hegel. Warum sind Sie weiter zu Hegel gegangen? Viele andere moderne Denker sind ausdrücklich bei Kant stehen geblieben.

Gotthard Günther, GG: Die haben Kant nicht ordentlich gelesen. Wenn sie die Passage, die in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ von der „Amphibolie der Reflexionsbegriffe“ und vom „transzendentalen Schein“ handelt, gelesen hätten, dann hätten sie gesehen, daß man ohne Dialektik nicht durchkommt. Was ist der Mechanismus, der den Schein produziert, der unser Denken immer wieder irritiert? und zwar in einer Art des Betrugs, der „unhintertreiblich“ ist, wie Kant wörtlich sagt. Der Schein entsteht, wenn ich über das Subjekt rede, denn ich kann nicht anders über das Subjekt reden, als daß ich es als Gegenstand nehme, daß heißt indem es Objekt für mich wird, und damit nicht mehr das ist, was es ist. Das Reden, Urteilen über ein Subjekt verkehrt es in sein Gegenteil. Selbst wenn ich diesen Schein für mich aufgedeckt habe, unterliege ich ihm weiter, kann nicht heraus aus ihm.

CB: Sie haben eben gesagt, Kant habe festgestellt, daß dem Subjekt, wenn es über sich selbst nachdenken will, nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst zum Objekt zu machen und sich damit scheinhaft zu verkleiden. Was war der Fortschritt, den Fichte, Hegel und Schelling gegenüber Kant in dieser Situation erreichten?

GG: Kant war der kritische Wegbereiter, der das Problem aufgewiesen hat, Fichte und Hegel haben eine systematische Theorie darauf aufgebaut. Sie haben die Dialektik der Ding- und Selbsterfahrungen des Bewußtseins, des Verhältnisses von Subjekt und Objekt, Sein und Nichts, Wesen und Schein, Einheit und Vielheit usw. systematisch entwickelt. Ich muß Ihnen allerdings sagen, daß ich Fichte im Grunde genommen erst nachträglich durch Gehlens „Theorie der Willensfreiheit“ entdeckt habe. Ich fing von vornherein mit Hegel an. Ich fand damals gleich, obwohl mich einige Sachen von Fichte wie die „Anweisung zum seligen Leben“ stark fesselten: wenn man – und das lag in mir irgendwie drin – exakt sein wollte, wenn man eine exakte Theorie der zwischen Subjekt und Objekt wirksamen Dialektik entwickeln wollte, dann mußte man versuchen, diese Exaktheit bei Hegel rauszukriegen. Hegel ist weiter gegangen als Fichte. Ich glaube, ich hab’s jetzt raus, das Bindeglied zwischen Sein und Nichts, aber das hat mich sechzig Jahre gekostet. Was Schelling betrifft, immer wieder, wenn ich ihn lese, ärgere ich mich über ihn: „Man sieht’s doch, nun sag’s doch mal deutlich, verdammt noch mal!“ Aber nichts zu machen. Nein, so kann man nicht denken. Er war der Romantiker unter den Idealisten, und wie bei allen Romantikern blieb sein Denken fragmentarisch. Sein Hauptwerk, die „Weltalter-Philosophie“, ist unvollendet geblieben, ist Fragment. Allerdings halte ich daran fest, daß es bei Schelling eine relevante Problematik gibt, sehr sogar. Das sind tastende Versuche gewesen auf der einen Seite von Fichte, auf der anderen von Schelling. Aber die sind genauso im Nebel herumgetappt wie ich, bei Hegel gibt es doch wenigstens Anhalte.

Kant ist also ein Wegbereiter, auf dessen Basis dann die Idealisten, wie Günther sagt „im Nebel“ weiter herumtappten.

Das Kants Werk auch weit in die Naturwissenschaften hinein ausstrahlte, dürfte hinreichend bekannt sein, weniger aber, dass dies auch für neuere Begrifflichkeiten gelten mag, die erst ab Mitte des 20 Jh. in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gerieten. Der Humanbiologe und Philosoph Rainer Paslack ist in seiner „Urgeschichte der Selbstorganisation“ diesem Begriff auf der Spur, für den er einen ersten neuzeitlichen Anker bei Kant sieht:

„Der Gebrauch des Ausdrucks „Selbstorganisation“ im modernen Sinne ist (mindestens) bis I. Kant (1724-1804) zurückzuverfolgen, der sich in der „Kritik der Urteilskraft“ von 1790 mit der internen Zweckmäßigkeit in der Natur, also ihren systemischen Eigenschaften auseinandersetzte. Das besondere Denkproblem bestand fur Kant darin, fur die Erklärung der Zweckmäßigkeit die Zwecke selbst nicht heranzuziehen, da diese nicht weniger »blind« wirken und bewirkt werden wie alle anderen kausalen Wechselwirkungen. Die begriffliche Lösung, die Kant anbot, steht in einer gewissen Nähe zu den heutigen Theorien der Autopoiesis (Maturana/Varela) und Selbstorganisation:

In einern solchen Produkte der Natur wird ein jeder Teil, so, wie er nur durch alle übrige da ist, auch als um der andern und des Ganzen willen – existierend, d. i. als Werkzeug (Organ) gedacht: welches aber nicht genug ist (denn er könnte auch Werkzeug der Kunst sein, und so nur als Zweck überhaupt moglich vorgestellt werden); sondern als ein die andern Teile (folglich jeder den andern wechselseitig) hervorbringendes Organ, dergleichen kein Werkzeug der Kunst, sondern nur der allen Stoff zu Werkzeugen (selbst denen der Kunst) liefernden Natur sein kann: und nur dann und darum wird ein solches Produkt, als organisiertes und sich selbst organisierendes Wesen [Hervorhebung: R.P.], ein Naturzweck genannt werden können“.[K1]

Der Ausdruck »Selbstorganisation« wird hier auf das Vermögen der Natur angewandt, scheinbar zweckgerichtet Ordnung (wie etwa Planetensysteme [K2] oder Organismen) hervorzubringen. Kant vereinigt hier bestimmte Ideen Descartes‘ und Newtons in seiner Vorstellung, daß die Materie in sich ein Bestreben trägt „sich zu bilden“.“[6]

Der Kybernetiker Stafford Beer geht noch einen Schritt weiter, er bezieht sich in seinem Vorwort zu „Autopoiesis – The Organization of the Living“ (dt.: Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation) – von Humberto Maturana und Francisco Varela auf Kant und nutzt ihn gleich, um – ganz im Sinne der gerade in den 50er Jahren des 20. Jh. neu aufgekommenen Kybernetik gegen Kategorien- und Schubladendenken in den wissenschaftlichen Disziplinen zu argumentieren:

„Die Revolte der Rationalisten ‑ Descartes, Spinoza, Leibniz ‑ entsprang ei­nem Prinzip des „methodischen Zweifels“. Sie verlor sich jedoch in den Mecha­nismus, in Dualismus und immer weitere Kategorisierungen, und endete schließ­lich mit der Leugnung jeder Relation schlechthin. Relationen sind jedoch der Stoff, aus dem Systeme gemacht werden. Relationen sind auch das Wesen aller Synthese. Die Revolte der Empiristen ‑ Locke, Berkeley, Hume ‑ entsprang der Problematik des Verstehens der Umwelt. Analyse war jedoch immer noch die Methode und Kategorisierung immer noch das praktische Werkzeug des Fort­schritts. In dem bizarren Ergebnis dieser Geschichte ‑ die Empiristen kamen so weit, die tatsächliche Existenz der empirischen Welt zu leugnen ‑ überlebte die Relation, ‑ aber nur im Begriff der geistigen Verknüpfung geistiger Ereignisse. Das System „draußen“, das wir Natur nennen, war in dem Prozeß vernichtet worden.

Als sich schließlich Kant mit seinem überragenden Geist an die Aufklärung dieser Probleme machte, war die Schlacht bereits verloren. Wenn nämlich ‑ und ich zitiere ihn ‑ unbewußtes Verstehen die Sinneserfahrung in Schemata, bewuß­tes Verstehen sie dagegen in Kategorien organisiert, dann bleibt der Begriff der Identität für immer transzendental. [….]

Wenn dies aufgrund meiner Bemerkungen über Kant zu bedeuten scheint, daß es die Disziplinen auslöscht, dann sind wir bereits einen Schritt weiter. Da nämlich liegt mein Glaube an die allgemeine Bedeutung dieser (Maturanas und Varelas, Anm. JP) Arbeit. Die Auflösung der von mir beschriebenen verfahrenen Situation des Disziplinen­systems muß meta-systemisch erfolgen, nicht bloß interdisziplinär. Wir haben kein Interesse an der Bildung einer Liga disziplinärer Paranoiker, wir sind viel­mehr (wie Hegel uns gesagt hätte) an einer höheren Synthese der Disziplinen in­teressiert.“[7]

Kant also liefert Beer zufolge auch den Anlass für eine wissenschaftlich-methodische Revolution, eine neue Kultur des Denkens, so wie sie in der aufkommenden Kybernetik gefordert wurde.

Führende Vertreter der neuen Denkkultur der Kybernetik vertreten die Auffassung, dass nicht ausschließlich der Mensch allein das eigentliche Subjekt der Geschichte sei, sondern das Universum selbst, weil es Leben und darauf basierend Reflexionsprozesse und Bewusstsein hervorbringen kann.

Diese Gedankengänge implizit stützend weist der britisch-amerikanische Philosoph Stephen Toulmin in seinem Grundlagenwerk „Kosmopolis – Die unerkannten Aufgaben der Moderne“, in dem es ihm ausdrücklich nicht um ein Wissenschaftsverständnis geht, wie es die „modernen Positivisten verstehen, sondern um eine Kosmopolis, die ein umfassendes Weltbild liefert und die Dinge ebensowohl ›politisch‑theologisch‹ wie wissenschaftlich oder erklärend zueinander in Beziehung setzt“, auf diese Weiterung unseres Geschichtsbegriffs als eine Notwendigkeit hin. Er leistet dies durch einen Hinweis auf ein kritisches Argument Kants:

Kant begann seine Kritik des damaligen Weltbildes in der Allgemeinen Naturgeschichte… (1755) mit dem Argument, die Natur habe so gut wie die Menschheit eine Geschichte.“[8]

Der lange in Vergessenheit geratene und durch Dieter Claessens und Peter Sloterdijk wiederentdeckte jüdische Anthropologe und Arzt Paul Alsberg prägte in seinem Werk „Das Menschheitsrätsel“ den Begriff der Körperausschaltung als notwendigen zweiten Begriff neben dem der (Körper-)Anpassung. Mit dessen Hilfe konnte nun – im Unterschied zum körperlich ideal an die Umgebung angepassten Tier – an eine Weichenstellung innerhalb der menschlichen Evolution gedacht werden. Alsberg sieht bei Kant eine Vorahnung einer Einheit von Kultur und Natur, wenn er schreibt:

„Der große deutsche Philosoph Kant, der auch schon eine „Naturgeschichte“ der Himmelskörper schrieb; drang sogar zu der weittragenden Gedan­kenkonzeption vor, daß der Ausgang des Menschentums im Übergang „aus dem Gängelwagen des Instinkts zur Leitung der Vernunft, aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Frei­heit“ zu erblicken sei. Hier wird schon die Einheit von Kultur und Natur vorgeahnt.
Denn indem der Mensch sein „größtes“ Problem, das einer „allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft“, zur Lösung zu bringen versucht, handelt er im Sinn der Natur, führt er in Bewußtheit seine natürliche Entwicklung fort. Somit decken sich die idealen Ziele der Menschheit, als der philosophische Ausdruck eines tiefen „biologischen“ Bedürfnisses, mit den natürlichen Zielen der Menschheitsentwicklung.“[9]

Unter der Frage „Was ist Kultur?“ richtet der Soziologe Dirk Baecker den Fokus auf den inneren Gegensatz der den Menschen gleichermaßen glücklich und unglücklich machenden Kultur, ersteres im Unterschied zur Not der Tiere, zweiteres durch Unterwerfung der spielerischen Natur des Menschen unter künstliche Regeln, und verweist auf die Kantische Konsequenz aus eben jenem Gegensatz:

„Viertens: Kultur ist die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt. So der Philosoph Immanuel Kant, der diese Tauglichkeit als eine Kombination von Geschicklichkeit, Willen und Freiheit vom Despotismus der Begierden des näheren beschrieben hat.[K3] Kant zieht so bereits die Konsequenz aus der Gegensätzlichkeit der ersten beiden Bestimmungen und aus der Einsicht in das Historische der Kultur in der dritten Bestimmung. Der Kultur verdanken wir die Fähigkeit, etwas aus uns zu machen, zu unserem Glück und zu unserem Unglück, abhängig von der Zeit und den Umständen, in denen wir leben, und auf die Spur gebracht von der Einsicht in die historische Kontingenz unserer Umstände.“[10]

Eine Erneuerung der Aufklärung, oder wenn man so will eine Aufklärung 2.0, gehört zum Programm der französischen Philosophin Corine Pelluchon. Im Absatz „Vernunft und Wertschätzung“ des Kapitels 6 „Europa als Erbe und Verheißung“ ihres Werks „Das Zeitalter des Lebendigen – Eine neue Philosophie der Aufklärung“ warnt sie mit Kant eindringlich vor der Verachtung unserer Rationalität und vor Propheten:

„Der Intuitionismus stützt sich dagegen auf eine intellektuelle Intuition, die uns in unmittelbaren Kontakt mit der absoluten Wahrheit bringen soll. Heutzutage handelt es sich häufig um eine Reaktion auf das kalte Universum der Technowissenschaft, aber seine Verachtung für die Rationalität, sprich: sein Irrationalismus, rechtfertigt, dass man ihn in die Nähe des Illuminismus oder der Schwärmerei rückt, wie Kant es nennt und damit den Anspruch, das Übersinnliche zu verstehen, anprangert. Der Illuminismus ist gefährlich, weil er die Subjekte häufig dazu treibt, auf eine Persönlichkeit zu vertrauen, die sie für eine Art Propheten halten.“[11]

Oskar Negt, der im Februar diesen Jahres verstorbene Soziologe und Sozialphilosoph, macht das ganz große Fass des Immanuel Kant als Zeiten wendenden Denkers auf, wenn er zur Würde des Menschen schreibt:

„Erst im Denken Kants wird Würde zu dem, was Grundlage aller übri­gen Persönlichkeitsrechte ist. Moralität und Legalität, diese zwei im Streit liegenden, aber untrennbaren Bewegungsrichtungen menschlicher Daseins­weise, beziehen ihre Geltungskraft aus einer gemeinsamen Ursprungs­quelle: der mit Selbstbestimmung verknüpften Freiheitsfähigkeit, die Auto­nomie zum prägenden Sinngehalt hat. Würde hat keinen Preis, sagt Kant. Sie ist Ziel und Inhalt jeden menschlichen Verhaltens, weil sie aufrechten Gang in der Haltung und aufrichtiges Denken im Geiste bezeichnet.“[12]

Da fehlt nichts. Aufrechter Gang, aufrichtiges Denken, Haltung. Würde hat keinen Preis. Auch nicht in einer kapitalistischen Ordnung. (Die haben Kant nicht ordentlich gelesen.)

Es begann im Metaphysischen mit der Amphibolie der Reflexionsbegriffe. Den Abschluss dieser höchst unvollständigen Sammlung über Kant macht Kitarō Nishida, der Vater der Kyoto-Schule und Begründer der modernen japanischen Philosophie. Mit ihm und seiner Frage nach dem Ort des Bewusstseinsaktes kehren wir zurück in metaphysische Denkzusammenhänge.

„Das Bewußtsein, das bei Kant durch die Sinnlichkeit den Inhalt des Wissens in sich aufnimmt, muß der Ort des gegensätzlichen Nichts sein, der ein bloß reflektierender Spiegel ist, so daß sich in diesem Ort die Welt der Sinnlichkeit zeigt. Das Bewußtsein überhaupt ist aber nicht ein Bewußtsein in diesem Sinne, sondern muß der Ort sein, in dem sich auch der Bewußtseinsakt befindet. Es ist ein Nichts, das auch das gegensätzli­che Nichts umfaßt und somit ein Spiegel, der nicht ein von außen [Gegebenes ab]spiegelt, son­dern ein Innen [aus]spiegelt. Alles in diesem Ort Befindliche wird damit zu etwas Geltendem. Im Ort des wahren Nichts muß das Geltende zugleich auch das Existierende sein.“[13]

Und der, an dessen Gedanken sich diese Gedanken entzündeten, ist heute 300 Jahre alt.

Joachim Paul, Neuss, am 22. April 2024

Gemälde:
Kant. Portrait von Johann Gottlieb Becker (1720-1782) – http://www.philosovieth.de/kant-bilder/bilddaten.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32860677

Kant und seine Tischgenossen, von Emil Doerstling (1859-1940) – Emil Doerstling, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=554117

Quellen (Print und Links):

[1] Werner Hamacher, Technik, Löffelheit, gedachter Verstand
– Vortrag Bochumer Kolloquium Medienwissenschaften 25.05.2011
https://www.ruhr-uni-bochum.de/bkm/archivseiten/23_hamacher.html ab Timecode 26:23

[2] Hermann Schmitz, Rezension Gotthard Günther: Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik Erster Band: Die Idee und ihre philosophischen Voraussetzungen. Hamburg 1959. Felix Meiner, 417 S., Phil. Rundschau 9 (1961) 283-304, https://www.vordenker.de/ggphilosophy/schmitz_rezens-idee-grundr.pdf

[3] Markus Gabriel, Interview in DIE ZEIT online, „Kant war kein aufgeklärter Mensch“, 04.02.2024, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2024/01/markus-gabriel-philosophie-immanuel-kant/komplettansicht

[4] https://jungle.world/artikel/2013/35/der-bengel-faktor

[5] Claus Baldus, Phaidros und das Segelflugzeug:
Von der Architektonik der Vernunft zur technischen Utopie – Aus Gesprächen mit Gotthard Günther, aus: DAS ABENTEUER DER IDEEN, Architektur und Philosophie seit der industriellen Revolution, Internationale Bauaustellung 1987, S. 69-83, online: https://www.vordenker.de/ggphilosophy/phaidros.pdf

[6] Rainer Paslack, Urgeschichte der Selbstorganisation: zur Archäologie
eines wissenschaftlichen Paradigmas, Braunschweig, Wiesbaden, 1991, S. 20-21

Kant-Quellen bei Paslack:
[K1] I. Kant, Kritik der Urteilskraft, 65, B 291 f.
[K2] So versuchte Kant in seiner 1755 erschienenen Schrift »Allgemeine Natur-geschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebaudes nach Newtonischen Grundsatzen abgehandelt« die Entstehung des Planetensystems durch einen Vorgang der Akkretion aus einem rotierenden chaotischen Urnebel abzuleiten (»Nebularhypothese«): Stöße zwischen den sich ungeordnet bewegenden Gas- und Staubteilchen im Verein mit der zwischen ihnen wirkenden Gravitationskraft fiihren zu lokalen Zusammenballungen unterschiedlicher Massengröß, woraus ein dynamisch ausbalanciertes Vielkörpersystem (eben das Planeten- oder Sonnensystem) mit der Sonne als Zentralkörper hervorgeht. Dieser Vorgang der Selbstordnung zahlloser Materiepartikel zu einem wohlgeordneten Gefiige weniger wechselwirkender Massen dient Kant als Paradigma für die unaufhorliche materielle Selbstorganisation des Universums nach mechanischen Prinzipien am Rande eines unendlichen Chaos.|→ff.

[7] Stafford Beer, Vorwort zu Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation, in Humberto Maturana, Francisco Varela, „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“, Wiesbaden 1985, S. 171-173

[8] Stephen Toulmin
Kosmopolis – Die unerkannten Aufgaben der Moderne, Frankfurt a.M. 1991, S. 152ff

[9] Paul Alsberg, Der Ausbruch aus dem Gefängnis – zu den Entstehungsbedingungen des Menschen, Bearbeitete Neuauflage (1979) von ‚“Das Menschheitsrätsel“, Orig. Sybillen-Verlag, Dresden 1922, kommentiert von Hartmut und Ingrid Rötting, Hrsg.: Dieter Claessens, S. 191-192,
online: https://www.vordenker.de/alsberg/p-alsberg_menschheitsraetsel.pdf

[10] Dirk Baecker, Was ist Kultur? Zeppelin-Universität Frierichshafen 2010, https://www.yumpu.com/de/document/view/7392265/was-ist-kultur-dirk-baecker

Kant-Quelle bei Baecker:
[K3] Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. In: Werke V, hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main:
Suhrkamp, 1968.

[11] Corine Pelluchon, Das Zeitalter des Lebendigen, Eine neue Philosophie der Aufklärung, Darmstadt 2021, S. 265

[12] Oskar Negt, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Göttingen 2012, S. 35

[13] Kitarō Nishida, Logik des Ortes, übersetzt und herausgegeben von Rolf Elberfeld, Darmstadt 1999, S. 91ff

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Künstliche Dummheit – Nicht-triviale Maschinen und der Fluch der Rekursion

Via Bing, dall-e // Prompt: Erzeuge mir eine dumme künstliche Intelligenz.
Via Bing, dall-e // Prompt: Erzeuge mir eine dumme künstliche Intelligenz.

Seit Mai 2023 mehren sich nun die Indizien, dass neben dem Marketing Buzzword „Künstliche Intelligenz“ in Zukunft wohl auch der künstlichen Dummheit ein Platz in den Berichterstattungen eingeräumt werden muss. Auf Heise online war gar von Demenz die Rede. Das ist zwar ebenso wie „künstliche Dummheit“ und „künstliche Intelligenz“ ein ausgeprägter und kritikwürdiger Anthropomorphismus, möglicherweise treffend daran ist aber die Tatsache, dass Demenz etwas mit Alterungsprozessen zu tun hat. Diese bilden sich bei IT-Systemen auch in der Versionierung ab.

Das erste Auftauchen des o.g. Begriffs „Künstliche Intelligenz, KI, oder AI, und die damit verbundene Motivation lässt sich präzise angeben. John McCarthy garnierte 1956 sein Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence, kurz Dartmouth Conference, mit dem neuen Begriff AI, um Forschungs- und Spesengelder einzuwerben. Man interessierte sich auf dieser Konferenz vorzugsweise für symbolische Verfahren und grenzte sich dadurch von Norbert Wiener und seinen Kybernetik-Kollegen der Macy-Konferenzen ab, die zumeist konnektionistische, auf Verbindungen von Knoten basierende Modelle wie Perzeptronen und neuronale Netzwerke in den Blick genommen hatten.

In den 90ern nahm das Thema KI erneut Fahrt auf, nach dem sogenannten KI-Winter hatten dieses Mal die heuristischen Modelle, die ANNs (artificial neural networks) die Nase vorn. Deep Learning Networks, d.h. ANN mit mehreren internen Layern zwischen Eingabe- und Ausgabeschicht, erwiesen entgültig ihre Überlegenheit gegenüber den symolischen Ansätzen, nachdem der riesige verschlagwortete Bilddatensatz ImageNet durch die Informatikerin Fei-Fei Li und ihr Team 2009 bereitgestellt wurde. Der unbestreitbar größte Durchbruch in den Augen der Weltöffentlichkeit erfolgte dann am 30.11.2022, als OpenAI sein Large Language Model (LLM) Generative Pretrained Transformer, GPT Version 3 als Dialogsystem ChatGPT zur öffentlichen Nutzung freischaltete.

Denn im Mai 2023 veröffentlichte eine internationale Gruppe aus sechs Wissenschaftlern von fünf Universitäten, darunter Oxford, Cambridge und Toronto, eine Studie mit dem Titel „The Curse of Recursion: Training on Generated Data Makes Models Forget“, in dem für den Fall des Trainings mit von durch KIs produzierten „künstlichen“ Datensätzen die Existenz degenerativer Prozesse während der Trainingsphase in einer ganzen Reihe von Modelltypen nachgewiesen und demonstriert wird. Neben den LLMs sind dies GMMs (Gaussian Mixture Models zum Sortieren, bzw. Clustern von Daten) und VAEs (Variational Autoencoders zur Erkennung von handgeschriebenen Ziffern). Die Autoren sprechen vom Modellkollaps und liefern auch gleich ein Rezept zur Vermeidung des Zusammenbruchs. Es müsse sichergestellt werden, das von Version zu Version einer KI ausschließlich von Menschen produziertes Trainingsmaterial verwendet wird.

Ende Oktober 2023 erscheint eine Arbeit von drei Forschern der Universitäten Stanford und Berkeley, die sich ausschließlich auf den Textgenerator ChatGPT und seine Versionen 3.5 und 4 bezieht, „How Is ChatGPT’s Behavior Changing over Time?“ Beiden Versionen des populären Systems wurden insgesamt sieben verschiedene Arten von Aufgaben zu zwei verschiedenen Zeitpunkten, März und Juni 2023, gestellt.

Die Performances fielen dabei abhängig von den Zeitpunkten signifikant unterschiedlich aus. So identifizierte GPT4 im März Primzahlen und zusammengesetzte Zahlen zu 84% richtig, im Juni waren dies nur noch 51%. GPT3.5 hingegen war in dieser Aufgabe im Juni deutlich besser als im März.

Ein unvoreingenommener Beobachter mag sich zwar die Frage stellen, ob die Identifizierung von Primzahlen ein geeigneter Job für Textgeneratoren ist, gleichwohl ist das nur ein Beispiel. Denn auch für die anderen Aufgaben-stellungen bestätigen die Untersuchungen die Existenz von Unklarheiten bezüglich der Auswirkungen von Updates und von außen durchgeführten Variationen einiger Netzparameter.

Die Autoren weisen explizit darauf hin, dass das Wie und Wann der Updates und Aktualisierungen von LLMs wie ChatGPT nicht transparent ist und kündigen ein Langzeitprojekt an. Sie kommen zunächst zu dem Ergebnis, dass die Verbesserung der Leistung des Modells bei einigen Aufgaben, z.B. durch auf bestimmte zusätzlich zur Feinabstimmung herangezogene Daten unerwartete Nebeneffekte auf das Modellverhalten bei anderen Aufgabenstellungen haben kann.

An dieser Stelle sei eine spekulative Frage erlaubt. Sind die sich nach einer Feinabstimmung für bestimmte Aufgaben sich ergebenden Verschlechterungen der Performance anderer Aufgabenstellungen möglicherweise ein Indiz dafür, dass das neuronale Netz zu klein ist, bzw. rein quantitativ zu wenig Parameter enthält, um beide Aufgabenfelder erfolgreich bearbeiten zu können? Denn wenn das so ist, dann sind diese Feinabstimmungen wenig mehr als bloßes Tricksen, bzw. Herumprobieren.

Entsprechend dem Hype-Thema KI folgt beiden Veröffentlichungen ein Rauschen im Blätterwald der Feuilletons, der Fachpresse und der einschlägigen Blogs. Es sei sehr wahrscheinlich, heißt es, dass KIs in Zukunft immer häufiger auch mit Daten trainiert werden, die selbst Outputs von KI-Systemen sind.

Bald macht das Wort von der KI, die ihren eigenen Schwanz frisst, die Runde. Im Popular Mechanics Magazine fordert der Autor Darren Orf seine Leser erstmal auf, zu Popcorn zu greifen und bemüht den Ouroboros, die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange der Ewigkeit, als sprachliches Bild.

Schon zuvor im August spricht Gary Marcus, ein populärer Kritiker des KI-Hype, gar von der durch LLMs getriebenen „enshittification“ des Internet.

„Garbage in, garbage out. Data pollution is ruining generative AI’s future“, kommentiert Ben Lutkevich auf TechTarget.

Datenverschmutzung? Müll rein, Müll raus? Aber der Output ist zu Beginn in der Regel kein Müll, bzw. wird nicht als solcher aufgefasst. Daher ist diese Erklärung allein möglicherweise zu einfach. Das Training von neuronalen Netzen mit Outputdaten von neuronalen Netzen hat erstens eine Abnahme der Varianz der im Netz gespeicherten Wichtungen zur Folge und stellt im Prinzip eine Analogie dar zur Qualitätsabnahme bei Fotokopien von Fotokopien. Darüber hinaus schlägt hier ein theoretisch ausformuliertes Prinzip zu, dass schon seit 1962 bekannt ist und für alle Arten von Maschinen mit endlich vielen internen Zuständen gilt.

Eine sogenannte „finite state machine“ ist ein abstraktes mathematisches Konzept, das durch eine Black Box mit einem Input und einem Output , z.b. für alphanumerische Zeichen, beschreibbar ist und deren Prinzip an folgenden beiden Beispielen erläutert werden kann.

Der aktuelle Output einer solchen Maschine ist eine einer feststehenden Regel folgende Funktion des Inputs. Jedes Zeichen als Input hat ein entsprechendes Zeichen als Output zur Folge und es lässt sich eine Liste der Input-Output-Zeichenpaare aufstellen. Diese Art der Maschine wird trivial genannt. Ein Beispiel ist z.B. die Lenkung eines PKW. Input: Lenkrad nach links, Output: Fahrzeug fährt nach links, geradeaus/ geradeaus, rechts/ rechts, etc.

Links: Triviale Maschine, y = f(x) // Rechts: Nichttriviale Maschine mit interner Zustandsfunktion Z: y = F(x,z) mit z’ = Z(x,z) (frei nach H. v. Foerster)

Eine andere Art einer „finite state machine“ ergibt sich, wenn sie einen zusätzlichen internen Zustand besitzt, der ebenfalls einer Regel folgend abhängig vom Input ist. Der Output ist nun eine dem Beobachter unbekannte aber einer festen Regel folgende Funktion des aktuellen Inputs und des aktuellen internen Zustands. Jeder Input ändert aber ebenfalls einer festen Regel folgend den internen Zustand der Maschine. Wird nun in einem nächsten Schritt ein weiterer Input angelegt, ist der Output ein Ergebnis des jetzt aktuellen Inputs und des internen Zustands, der ja im vorangegangenen Schritt verändert wurde. Das nun vorliegende Konstrukt nennt man nicht-triviale Maschine, kurz NTM. Der Output einer sochen NTM ist für einen gegebenen Input nicht mehr vorhersagbar, d.h., die NTM kann analytisch nicht bestimmt werden, sie ist nicht determinierbar. In Bezug auf ihre Konstruktion ist sie ist lediglich synthetisch determiniert. Da der interne Zustand einer NTM sich mit jedem neuen Input ändert und dies wiederum Einfluss auf den Output des nächsten Schrittes hat, wird die NTM geschichtsabhängig genannt. Kompliziertere Algorithmen sind grundsätzlich nicht-triviale Maschinen.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass auch deep learning neural networks in diese Kategorie von Maschinen gehören. Zwar handelt es sich hier um extrem viele mögliche interne Zustände, GPT3 hat 175 Mrd. veränderliche Parameter und bei GPT4 sind dies über eine Billion. Gleichwohl sind das immer noch endlich viele Zustände, denn auch die rechnerische Darstellung von Fließkomma-zahlen, hier die synaptischen Wichtungen im ANN, ist ganz prinzipiell auf eine endliche Anzahl von Binärstellen beschränkt.

Wenn man nun mehrere solche NTM via Netzwerk zusammenschaltet – entsprechend kann man sich auch KI-Systeme und ihre Inputs, Outputs und Trainingsdatenpools als via Internet zusammengeschaltet denken -, dann kommt dabei ein neues System heraus, das nun wiederum als eine einzige NTM betrachtet werden kann, deren Verhalten ebensowenig vorhergesagt werden kann.

Urheber der Theorie der „finite state machines“ ist der amerikanische Elektroingenieur Arthur Gill (1930-2020) aus Berkeley, der 1962 seine Einführung dazu veröffentlichte.[1] Der Kybernetiker Heinz von Foerster (1911-2002) stellte Gills Unbestimmbarkeitsprinzip für nicht-triviale Maschinen an eine Seite mit Gödels Unvollständigkeitssatz und Heisenbergs Unschärferelation. Er unterstellt – das ist gleichwohl kontrovers diskutierbar – Gills Konzept eine größere Allgemeingültigkeit als dem Konzept der Turing-Maschine.[2]

Gills NTM zeigen bei Rückkopplung ihres Outputs auf ihren Input, also bei einer Situation vergleichbar der des Trainings einer KI mit KI-produzierten Daten, ein grundsätzliches sowie seltsames Verhalten. Von Foerster demonstrierte dies um 1970 am Beispiel einer ganz simplen nicht-trivialen Maschine mit nur zwei möglichen internen Zuständen. Koppelt man hier den Output rekursiv auf den Input zurück, dann produziert eine solche NTM bereits nach wenigen Schritten eine sich ewig wiederholende Output-Folge, die heute „seltsamer Attraktor“ genannt wird.[3] Die Output-Werte der Folge sind die Eigenwerte dieser speziellen nicht-trivialen Maschine.

Und aufgrund der vorliegenden Studien besteht die berechtigte grundsätzliche Annahme, dass seltsame Attraktoren zum natürlichen Verhalten künstlicher Intelligenzen gehören.

Aber womöglich kann KI mit Hilfe von KI gerettet werden. Der Student Tom Tlok von der Hochschule Wedel entwickelte im Rahmen seiner Masterarbeit ein Werkzeug, dass Texte zu erkennen vermag, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben wurden, Trefferquote ca. 98 Prozent.

Ein Backpropagation-Algorithmus bewertet Outputs von Backpropagation-Algorithmen. Auch eine Form von Rekursion.

Joachim Paul, Neuss im April 2024

Quellen:

[1] Arthur Gill, Introduction to the Theory of Finite State Machines, New York: McGraw-Hill 1962

[2] Heinz von Foerster, Principles of Self-Organization – In a Socio-Managerial Context,
in: Self-Organization and Management of Social Systems, eds. H. Ulrich, G.J. B. Probst, Berlin Heidelberg 1984, p. 2-24

[3] Heinz von Foerster, Molecular Ethology. An Immodest Proposal for Semantic Clarification, in: Molecular Mechanisms in Memory and Learning, ed. G. Ungar, New York 1970, p. 213-248.
dt.: Molekular-Ethologie: ein unbescheidener Versuch semantischer Klärung, in: Heinz von Foerster, Sicht und Einsicht, Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Wiesbaden 1985, S. 173-204

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vordenker news Dezember 2023

Unscharfe Begriffe – unscharfe Gehirne, J.Paul mit Leonardo Diffusion XL

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

das Thema Künstliche Intelligenz sowie nicht selten die Feuilletonproduktion dazu, so darf ich vermuten, kommt Ihnen inzwischen mehrheitlich zu den Ohren raus.

Vielleicht als Antidot nutzbar sind zwei ältere, nun hier republizierte Texte aus den Jahren 2005 und 2007, die ihrerseits u.a. auf noch ältere Arbeiten aus den Anfängen der Kybernetik und der Projekte und Forschungen zur sogenannten Künstlichen Intelligenz Bezug nehmen.

Der erste Beitrag „Die Computertechnik als Gegenstand philosophischer Reflexion“ stammt aus der Feder von Lutz Ellrich, bis 2014 Inhaber des Lehrstuhls am Institut für Medienkultur und Theater an der Universität zu Köln.

Der zweite von Eberhard von Goldammer und mir, „Die logischen Kategorien des Lernens und der Kommunikation — neu überdacht aus polykontexturaler Sicht„, erschien 2007 in der dem Gedenken an Gregory Bateson gewidmeten Jubiläumsausgabe zum 40-jährigen Bestehen der Fachzeitschrift KYBERNETES. Er liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor, übersetzt mit Hilfe der KI von deepl.com und sorgfältig korrigiert.

Beiden Aufsätzen liegt ein Ringen um begriffliche Schärfe und sprachliche Präzision zugrunde, das – zugegebenermaßen subjektiv gesehen – heute mindestens 90 Prozent der im Rahmen des Hypes um das Thema Künstliche Intelligenz produzierten Essays und Arbeiten abgeht. Denn weitaus die meisten verfangen leider in der Polarität zwischen Technikeuphorie und damit verbundenem Marktgeschrei auf der einen und farbigen Warnungen vor Weltuntergangsszenarien auf der anderen Seite. Dazu wird das Ganze unterfüttert mit einer recht unreflektierten Vermenschlichung der Maschine. Und bemerkenswert an diesem Publikationsszenario ist die aktive Beteiligung vieler KI-Profis. Gerade hier könnte etwas mehr begriffliche Schärfe positiv zum Reflexionsniveau beitragen.

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vordenker news Oktober 2023

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

jetzt im Oktober gibt es Neues von Claus Baldus und Gisela Behrendt, Altes – gleichwohl mehr denn je Aktuelles – vom Kybernetikphilosophen Gotthard Günther und von der Open AI KI ChatGPT, Version 4, mittlerweile integriert in die Microsoft-Suchmaschine BING und den hauseigenen Browser Edge.

Claus Baldus ist für dieses Mal mit zwei Beiträgen vertreten. Beginnen wir mit GESTOLPERT, ein Stück, ein Auszug aus „Studio 10 / Serie 02 Tribute – Alltag und Graffiti – Zehn Minutenstücke für Praktikant’Innen“. Protagonisten des Stücks sind zwei Roboter, humaniform und post-Asimovsch, denn in den einen der beiden, Troja, ist SCHULD schon fest einprogrammiert.

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How to make protests more accessible for persons with disabilities?

Translation by @souvlaki@ni.hil.ist (Thx 😉 )

Deutsche Fassung.

In the light of recent events: Even when a government decides that a pandemic now is over and that one is no longer mandated to use masks anywhere, would it be wise for us to continually observe the risk of infection with Covid.

At least my personal ambition is to make certain that also vulnerable persons, such as those with disabilities, previous illnesses, or those depending on immunosuppressive pharmaceuticals, will be safe around me, and that obviously includes events and protests in Left-wing and anarchist circles.

Therefore, be so kind as to ask yourself:

  • What kind of safety can we offer each other?
  • Where and how do we communicate what kind of rules for public hygiene?
  • Where are masks still mandatory?
  • What can people in our communities rely on?
  • How do we handle different situations (indoors, outdoors, disinfection, masks, tests, distancing, air treatment et cetera)?

Back to the matter at hand: Krüppel Pride has recently linked to a zine [translator’s note: the original zine linked here is in German, I am not aware of there being an English version, but this is a question that has been asked by various political groups worldwide] offering a good overview on the subject of accessibility at events and protests.

https://web.archive.org/web/20180628155012/http://akmob.kulturrevolution.de/aus.schluss- barrierefrei-veranstalten.pdf

One thing often mentioned on Twitter for example is fear of being trampled or pushed around. For this reason, persons with disabilities tend to either shy away from protests or only participate if they are already organised with a group including other persons with disabilities.


But obviously, there are a number of aspects that organisers can keep in mind in order to make their protest more accessible and thus enable more individuals to participate.

An incomplete checklist:

  • Eliminate barriers to access in announcements, posters, flyers, stickers etc. (Contrast, colours, font size, captions on social media, gender appropriate and easy to understand language)
  • Travel (are there accessible train stations or other wheelchair-friendly public transportation options nearby?)
  • When travelling by bus: Is the bus accessible for wheelchair users, can wheelchairs (including those with electric motors) be stowed away in a way that allows for quick and easy access?
  • Route planning (possible obstacles include tram tracks, sand, uneven or muddy terrain, lack of dropped kerbs, elevations etc.)
  • At larger events: Accommodation, food, access to disability friendly restrooms
  • Awareness team that does not act patronisingly when meeting complaints from persons with disabilities
  • Well-trained street medics who are able to treat more than just heat stroke or injuries by pepper spray or batons
  • At protest marches: tempo (especially considering persons with walking impairments)
  • Announcements at the protest and speeches: How to communicate in a way that is accessible for the deaf and hard of hearing
  • Buddies and affinity groups: Especially relevant for those inexperienced with street protest, and by protest where violent escalation (by the police or fascists, for example) are to be expected
  • Areas shielded from loud music
  • Asking the cops to turn off emergency lights on their cars or reduce them to a reasonable minimum (photosensitivity)
  • Permit a looser «rear guard» for people who need some space or experience close formations/»blocs» as threatening (keep an eye out for cops tailgating the marchers)
  • Pyrotechnics do not always behave in predictable ways. Nonetheless should one keep in mind that there are persons who, due to respiratory illnesses, are particularly sensitive to smoke from flares and similar devices – or unexpected noise from firecrackers (due to anxiety, PTSD, or similar)
  • To be updated continually…

Contingency plans:


How to organise the protection of vulnerable participants?

  • Accompany travel to and from location
  • Crews on loudspeaker vans should communicate predictable dangers in transparent and appropriate ways, (e.g. if large numbers of marchers start running due to police action or attacks from fascists)
  • In order to achieve this, there need to be individuals («buddies» or affinity group members) responsible for keeping an overview, ideally those experienced enough to evaluate dynamic situations that may occur
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Solidarisch durch die Krise(n). Aber wie?

Oder auch: Bildet Banden. Gegen den linksradikalen Fachkräftemangel!

Letztes Jahr habe ich aufgrund einiger Diskussionen bei Twitter und Mastodon einen Blogartikel verfasst mit eben jener Überschrift.

Ich habe nun die zu Grunde liegenden kleinen Umfrage(n) nochmal gemacht. Dieses Mal aber aufgrund der politischen Entwicklung von Twitter nur noch bei Mastodon.

Umfrageergebnisse:

Frage 1: (Fragestellung etwas umgestellt und Aufzählungen ergänzt)

(Boosts: 30 Likes: 14, VJ: Boosts: 10 Likes: 5)

Angesichts kommender Krisen (Preissteigerungen, Wohnungskrise, Klimawandel, Rechtsruck, Covid etc.): Was wäre eure bevorzugte Variante? (VJ = Ergebnisse des Vorjahrs zum direkten Vergleich)

  • 67 % VJ 70 % Mehr Selbstorganisation (in Stadtteilen)
  • 17 % VJ 17 % Große, linke Demos
  • 5 % VJ 7 % Was Anderes (Kommentar)
  • 11 % VJ 6 % Ergebnis zeigen
  • 261 VJ 97 Anzahl Teilnehmende

Kommentare:

  • Kapitalismus abschaffen. Erst, wenn Geld nicht allem im Weg steht, können wir wirklich was ändern. IMHO.
  • Ich fände mehrere der Optionen wichtig: Große linke Demos, anderweitiger Protest, gerne radikal, plus Selbstorganisation. Nur Selbstorganisation alleine, ohne dass es auf den Straßen brennt, passt mir zu gut in neoliberales Staat aus der Verantwortung lassen und selbst so machen, dass den Staat die Nichterfüllung seiner Pflichten gegenüber der Bevölkerung nichts kostet.
  • mehr Selbstorganisation ist super. (Und) super aufwendig.
  • Gut organisierte Stadtteile würden bestimmt auch zu großen Demos führen.
  • Beides
  • Die wichtigen Themen sind IMO Essen, Strom und Unterbringung.
  • All of the above + Revolution.

Frage 2:

(Boosts: 3 Likes: 4 VJ: Boosts: 5 Likes: 4)

Wie seid ihr aktuell organisiert?

  • 24 % VJ 33 % Selbstorganisation, Stadtteilenläden, Antifa etc.
  • 8 % VJ 8 % In Parteien etc.
  • 4 % VJ 6 % Anders (Kommentar).
  • 62 % VJ 53 % Nicht organisiert.
  • 156 VJ 79 Anzahl Teilnehmende

Kommentare:

  • Theoretisch parteilich, aber wirklich aktiv sein kann ich leider nicht.
  • Verein
  • ein selbstorganisiertes Gartenprojekt zur Selbstversorgung mit Obst und Gemüse
  • FAU
  • bin Teil von nicht ortsgebundenen (überregionalen) Orgas in Antifaschismus und Antirepression – mal mehr mal weniger aktiv.

Frage 3: (Bei der Frage ist mir leider ein Tippfehler passiert, bei dessen Korrektur einmal Umfrageergebnisse mit 65 Teilnehmenden gelöscht wurden. Daraus ergibt sich die deutlich geringere Anzahl an Teilnehmenden im Vergleich zu den anderen Fragen.)

(Boosts: 7 Likes: 7 VJ: Boosts: 3 Likes: 3)

An Menschen, die derzeit nicht irgendwo organisiert sind:
Was hindert euch? (Erklärung: ph = physical health, mh = mental health)

  • 37 % VJ 23 % Zu wenig Zeit.
  • 25 % VJ 43 % Ich kenne keine Menschen, Orgas, Gruppen.
  • 34 % VJ 32 % Erkrankung (ph, mh).
  • 4 % VJ 2 % Ich sehe keine Notwendigkeit.
  • 87 VJ 53 Anzahl Teilnehmende

Kommentare:

  • „etwas Anderes“: Alle Organisationen, die ich kenne, wurden innerhalb kürzester Zeit von irgendwelchen karrieregeilen Arschlöchern übernommen. (Anmerkung: bezogen auf Parteien/Gewerkschaften)
  • (die) ersten drei.
  • es passt halt entweder inhaltlich nicht oder kulturell oder es ist nur online/weit weg. Und dann kommt halt noch oben drauf, dass ich schwierig bin mit Menschen.
  • Ich brauche so viel Energie, um mit Menschen (in RL) zu interagieren, wenn dann noch Diskussionen und Belehrungen geschehen, kann ich schnell nicht mehr. Das äußert sich in Zurückziehen meinerseits und stringenter Sprache, was oft als Arroganz gewertet wird.
  • Erstens die Kontakte. Ich kenne wirklich NIEMANDEN. Das ist keine Übertreibung.
  • Zweitens die Überschneidungen. Man muss gemeinsam funktionieren.
  • Drittens fällt mir der Umgang mit Menschen generell schwer. Das ist kein Witz. Für mich ist es schon schwer, ein Cafe zu betreten. Aber das ist natürlich ein persönliches Ding.
  • in 1. Linie keine Zeit (da Job + Kinder), aber auch, dass es nach Umzug in eine neue Stadt/neues Land gar nicht so einfach ist, die Leute/Gruppen/Orgas zu finden, mit denen es „passt“.

Frage 4:

(Boosts: 2 Likes: 5 VJ: Boosts: 3 Likes: 3)

An Menschen, die aktuell nicht organisiert sind:

  • 79 % VJ 65 % Zu würde gerne mehr machen.
  • 8 % VJ 15 % Ich möchte nicht mehr machen.
  • 13 % VJ 20 % Ergebnis zeigen.
  • 113 VJ 61 Anzahl Teilnehmende

Frage 5:

(Boosts: 4 Likes: 8 VJ: Boosts: 2 Likes: 4)

Ich ergänze noch um eine offene Frage:

Was würde euch helfen, irgendwo einzusteigen in eine Gruppe/Orga? Was braucht ihr dafür?

Kommentare: (Rechtschreibung, Zeichensetzung teilweise etwas geglättet.)

  • Hilfen, Erleichterung in anderen Bereichen.
  • Meine größten Hindernisse sind allesamt psychischer Natur. Was glaube ich enorm helfen würde, wäre, wenn linke Gruppen ganz transparent und gezielt Ansprechpartner*innen oder gar spezielle Treffs dort organisierten mit selbst Betroffenen. Ich habe über die letzten 10 Jahre die Erfahrung gemacht, einfach viel leichter mit anderen in Kontakt kommen zu können, die selbst, wegen was auch immer, psychisch struggeln und daher idR ein ganz anderes Verständnis für sowas zeigen.
  • Und es ist auch ganz konkret wichtig, dass ich irgendeiner Person ein zwei Dinge – zb dem besten Umgang mit mir bei krasser Dissoziation – anvertrauen kann.
  • Bonuspunkte wenn es Personen unterschiedlicher Geschlechter als Ansprechpartner*innen gibt (halt um Tätertrigger zu vermeiden zb).
  • Zudem wäre eine Erstkontaktaufnahme per Mail/Messenger o.ä. hilfreich bei sozialen Schwierigkeiten – dann ließe sich erstmal über den Weg Kontakt aufbauen, bevor irgendwann der Weg zum Präsenztreffen geschafft wird.
  • Von diesen Einstiegsdingen weg, wäre es _enorm_ hilfreich innerhalb solcher Organisationen über diverse Dinge aufzuklären. Dass ich zb nicht absichtlich öfter nicht aufkreuze als andere, sondern krankheitsbedingt, und es keine verfluchte Ausrede ist, sondern dann ggf sogar eine Panikattacke o.ä. im Weg war. (Und das eins dennoch nicht wie ein rohes Ei behandelt werden will)..
  • …ich beginne zu merken, dass ich mir eigentlich eine Art linker Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke wünsche, die sich gegenseitig unterstützen – auch um an anderen Dingen wie Demos etc teilzunehmen. (Mehrfach in ähnlicher Form geäußert)
  • Ich würde ja gerne, aber die Strukturen im Dorf scheinen eher ungeeignet und für neue selbst aufbauen fehlt mir die Kraft.
  • Hier am Land ist es schwierig, irgendwo einzusteigen. da müsste eins selbst etwas lostreten. obwohl ich schon lange da lebe, kenne ich gerade mal eine handvoll Menschen, mit denen ich mir (politisch) Zusammenarbeit vorstellen könnte. Für alle die ist es wohl auch zeitlich schwierig.
  • Und wenn was starten, wie? (überlege z.b. Repair Café als Einstieg, aber das bräuchte zumindest einen Raum und eine gewisse Regelmäßigkeit)
  • Was vor allem fehlt, ist die Möglichkeit, in einem relativ klaren Rahmen mit mehreren Menschen über aktuelle Themen, über Theorie und Praxis direkt zu sprechen und mögliche Aktionen/Projekte zu planen. Das geht mir ab.
  • Klar kann ich mal in die Stadt fahren und mir einen Vortrag anhören und dann ein bisschen abhängen. (Habe das früher häufiger gemacht.) Da bin ich dann aber ein individueller Besucher (mit wenig Kontext) – und es ist auch schwierig, weil spät abends keine Züge zurück fahren.
  • Kinderfreundliche Uhrzeiten, Betreuungsangebote für die Kinder, bessere Strukturen.
  • Oft habe ich erlebt, in ein Plenum zu kommen und dann gibt es riesen Aufgabenbereiche, die eins an sich nehmen und organisieren müsste. Oft habe ich aber nur begrenzt Zeit und würde lieber eine kleine Aufgabe übernehmen und das muss entsprechend vorbereitet sein. Mir ist aber auch bewusst, dass das viel verlangt ist.
  • Aktuell könnte ich primär von zuhause aus etwas tun, sofern das denn möglich ist und es da entsprechende Backoffice-Tätigkeiten gibt, die einer Orga helfen würden. (Aus medizinischen Gründen, bin auch schon länger krankgeschrieben.) Dürfte gleichzeitig aber auch kein Workload sein, der mich überfordert, stresst oder in Zeitdruck bringt… daher denke ich mir, was ich beitragen könnte, wär vermutlich in den Augen einer Orga eh ein Witz…
  • Es ist meiner Meinung nach wichtig, nicht nur die Leute mit den großen Aufgaben anzupreisen, sondern auch allen, die nicht die Zeit/Energie haben, diese zu bewältigen, aber kleinere Aufgaben übernehmen und somit alle anderen entlasten, dabei zu unterstützen.
  • Ein großes öffentliches schwarzes Brett im Stadtteil, auf dem Bestehendes steht, aber auch Ideen angeschlagen werden können.
  • Eine sehr klare Handlungsanweisung. Ne Demo ist einfach, weil ich weiß genau, wann ich wo sein muss und was ich tun muss (rumlaufen und „Tod dem Faschismus“ rufen). Bei anderen Sachen bin ich oft ratlos.
  • Integrität.
  • Keine endlosen Plena voller Leute, die sich gerne reden hören.
  • Für Selbstorganisation empfiehlt es sich, zu schauen, was es denn momentan so gibt und den Schritt wagen, Kontakt aufzunehmen und einfach mal hinzugehen. Generell habe ich die Erfahrung gemacht, dass jederzeit alle engagierten Menschen sehr willkommen sind.
  • Ansonsten geht das natürlich auch überregional, auch um sich erstmal ein Bild zu machen, an Camps teilzunehmen. Da kann mensch sich auch prima vernetzen, schauen was es so für Gruppen gibt etc – das können Klimacamps sein, das können Aktionscamps sein, Mischungen daraus, usw. Ob mensch sich an zivilem Ungehorsam beteiligt oder nicht, ist ja egal. Direkt eine Waldbesetzung oder sowas als Einstieg ist vielleicht ein bisschen krass, geht aber auch. Kann ich jedem interessierten Mensch sehr empfehlen, da gibt’s jedenfalls immer eine Menge Input zum Thema „wie kann ich mich engagieren“. Dort kann mensch auch oft ein bisschen was lernen von wegen „wie kann ich in meiner Stadt eine Ortsgruppe/Klimabündnis etc gründen“.
  • Angebote im Kiez wären echt ein Träumchen.
  • Eine pragmatische nette linke Gruppe vor Ort.
  • Ich kenne weder Leute noch Strukturen vor Ort (außer Falken sind in meiner Straße, die machen coole Sachen, aber ich bin zu alt).
  • Mangelndes Selbstbewusstsein, um irgendwo hinzugehen, wo ich niemanden kenne.
  • Bei großen Aufgabenpaketen wünsche ich mir eigentlich, dass sich eine kleine Gruppe findet, gemeinsam überlegt, wie es in kleine Pakete zerlegt werden kann, die dann einzelne Leute oder Zweierteams machen. Mir ist es meistens nämlich schon zu viel, die eine Riesenaufgabe/das Ziel der ganzen Gruppe in die großen Aufgabenpakete zu zerlegen.
  • Am besten andere Eltern, um sich mit Kinderbetreuung gegenseitig abwechseln und evtl sogar gemeinsam Sachen organisieren zu können.
  • Ansonsten eine stabilere Psyche, um belastbarer zu sein & mehr zu schaffen. Irgendwas kommt immer zu kurz…
  • Was ich gut finde, sind offene Treffen als Angebot, um Gruppen kennen lernen zu können. Das würde mir auf jeden Fall den ersten Schritt erleichtern – wenn ich denn an dem Tag auch kann :/ kurze Wege würden da auch helfen.
  • Ich glaube, das Problem ist, dass wir aktuell eigentlich so richtig dicke Bretter bohren müssten, um noch was zu reißen (Vergesellschaftung von Grund und Boden, Zerschlagung der Energiekonzerne, Umstellung auf einen Lebenstil, der dauerhaft tragfähig ist, also nicht individuell, sondern systemisch), aber alles, was an diesen Themen gemacht werden kann, ist unglaublich abstrakt und man organisiert und macht und zum Schluss kommt nix bei rum, selbst wenn Tausende zu deinen Latschdemos kommen. Mega frustrierend einfach.
  • Da kann man natürlich dann kleinere Dinge angehen, die direkte Erfolge bringen, aber dann verbrennt man sich in Kleinigkeiten, weil die ja auch viel Arbeit sind, und die großen Themen bleiben iwie liegen.
  • Zeit. More spoons. Mehr – ach, weiß nicht, vielleicht vor allem von einer Sache weniger: Orthodoxie.
  • Flexible Strukturen, in die ich meine Ressourcen einbringen kann, ohne gleich übermäßig belastet zu werden.
  • Gruppen in denen Schutz vulnerabler Gruppen (s. zB. Corona) nicht ignoriert wird.
  • Gruppen, in denen man mit Sozialphobie oder anderen sozialen Problemen etwas Hilfestellung bekommt, um sich integrieren zu können.
  • Gruppen, die nicht einfach nur in dem einen Thema cool sind sondern in mehreren, zB. wenns um Permakultur geht, sind die Leute häufig esoterisch oder einfach immer noch sehr bürgerlich, oder wenns um Aktivismus für Klima geht, fehlt mir die Verbindung teilweise zu anderen Gerechtigkeitsthemen und zum Hintergrund kollektive Trauma. Allgemein hab ich das Gefühl, es gibt auch oft einen anstrengenden Zwang entweder zu einer bestimmten Aktionsform oder allgemein zum Optimismus. Ich will auch aktiv und kreativ sein, ohne an eine Rettung der Welt zu glauben. Der Zug ist abgefahren, wir müssen jetzt Schaden begrenzen.
  • Ich kann mich ganz schlecht in soziale Strukturen einfügen und habe generell Probleme im sozialen Miteinander. Hab es jahrelang versucht. Auch im Job arbeite ich lieber alleine (HomeOffice ist ein Segen für mich). Daher funktioniert für mich am besten als Einzelkämpfer unterwegs zu sein und sporadisch einzelne Aktionen zu unterstützen (z.B. Demos, Petitionen, Spenden).
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vordenker news März 2023

Gerd Altmann via Pixabay

Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,

dieses Mal gibt’s Beiträge von und über Claus Baldus, Willy Bierter, Eberhard von Goldammer, H.-J. Bontrup (et al), Harald Seubert, Joachim Paul. Beginnen wir mit …

Assoziationen mit dem Philosophen Claus Baldus ….

Sie eröffnen dieses Mal unsere neuen Beiträge. Es ist schon über 20 Jahre her, dass wir hier Beiträge von Claus Baldus bereitstellten, im Januar 2002 war das sein Interview mit Gotthard Günther „Phaidros und das Segelflugzeug“ und im November desselben Jahres „Morgen und Morgen“, ein Philosophieren im Medium der Kurznovelle, die weniger formal bewanderten, eher im Bereich der künstlerischen Aktivitäten angesiedelten Individuen einen Zugang zu den Formalismen Gotthard Günthers ermöglicht. Umso mehr freuen wir uns, jetzt zwei weitere Beiträge des Philosophen, Architekten und Autors hier zu präsentieren.

Lounge aus Studio 7 – Alltag mit Akzent“ ist ein exposé für eine Performance, die hinter den Szenarien und Situationen des Alltags wirkende Mechanismen und Zwänge entbirgt, eine Performance, die auch als ein Plädoyer für Autonomie verstanden werden kann.

Paravent zu Studios 5-8“ beschäftigt sich mit der Differenz zwischen projizierten Vorstellungen, den Dingen und der Welt, mit der vielfach geübten und praktizierten „Ein- und Umfärbung der Realität : Alltagstrend unseres Bewussteins und Selbstbewusstseins.“

Beide Beiträge regen an zum freien Assoziieren und Kontemplieren.

Die Frage, wer ist Claus Baldus? fällt natürlich in die Kategorie der wer-ist-Fragen, die grundsätzlich nicht einfach zu beantworten sind. Eine Kurzvita liefert einen ersten Zugang. Die WebSite des Autors -> Claus Baldus : En route

Willy Bierter

versucht sich in der Außenperspektive eines philosophierenden Aliens, der mit uns Erdbewohnern in Kontakt tritt. In „Ein „Alien“ besucht die Erde“ wandert eben jener Alien unerkannt als solcher über unseren Planeten von Begegnung zu Begegnung. Der mäandrierende Text berührt dabei zahlreiche Werke des von uns Menschen produzierten Textkorpus. In der Betrachtung des Aliens scheint unser Planet als eine komplexe ökologische Ganzheit auf. Ist Homo sapiens ein aus der Bahn geratenes Geschöpf, ein wesenhaft neben sich stehendes Lebewesen? fragt sich der Alien ein ums andere Mal.

Houston? Probleme?

Des Weiteren wird im Blogbeitrag hier auf der Seite mit dem Titel „Houston, pardon, Habeck! Wir haben ein Problem!“ nachträglich noch einmal auf ein Positionspapier des Westfälischen Energieinstituts mit dem Titel „Energie- und Klimawende zwischen Anspruch, Wunschdenken und Wirklichkeit“ verwiesen. Erläuterungen dazu lieferte der Ökonom Heinz-Josef Bontrup in einem längeren Interview für Radio Lora München.

ChatGPT – Schwafelbot

Im Blogbeitrag „ChatGPT – Wortkettenkondensierer und gebrochener Spiegel“ widmet sich Joachim Paul dem nicht mehr ganz so neuen hot shit aus dem Silicon Valley, eher nachdenklich und jenseits der von vielen Medien – nicht allen! – befütterten Polen von Euphorie und Entsetzen.

Harald Seubert

Buchcover

Zudem gibt es – wenn auch verspäteten – Anlass, eine Leseempfehlung auszusprechen. Bereits 2019 publizierte Harald Seubert eine Analyse der Digitalen Revolution, „Digitalisierung – Die Revolution von Seele und Polis“ im Academia Verlag. Das Buch repräsentiert u.E. durchaus einen Meilenstein der Technikphilosophie. Das scheint uns nicht zu hoch gegriffen, denn in diesem Werk werden zentrale Gedanken und Motive nicht nur von Martin Heidegger, sondern auch von Gotthard Günther, Vilém Flusser, Hans Blumenberg, Arno Baruzzi und vielen anderen wiedergegeben, interpretiert und zueinander in Beziehung gesetzt. Da Buch überzeugt durch große hermeneutische Kraft. Ein Muss für jederfrau/mann, die/der sich mit Digitalisierung philosophisch auseinandersetzen will. Bemerkenswert weil nahezu einzigartig ist Seuberts Plädoyer für die parallele Kultivierung analoger Fähigkeiten und Diskurse.

In eigener Sache

wollen wir noch einmal auf die 2019 von Eberhard von Goldammer publizierten „Anmerkungen zur Polykontexturalitätstheorie“ Gotthard Günthers hinweisen. Sie stellen einen hochverdichteten Zugang zum Werk des Philosophen dar, gewissermaßen eine Kurzversion mit vielen Links zur Vertiefung- nicht nur für den „advanced reader“. Nähere Hinweise zum Gebrauch finden sich in der Datei.

Ein Grund zur Freude

Im November 2020 erschien das Werk Digitalisierung und Technik – Fortschritt oder Fluch? – Perspektiven der Produktivkraftentwicklung im modernen Kapitalismus, herausgegeben von Heinz-Josef Bontrup und Jürgen Daub im papyrossa-Verlag, an dem der Herausgeber dieser Seiten beteiligt war. Die Herausgeber und Autoren freuen sich über eine ganze Reihe von Rezensionen, die bis heute erschienen sind:

Norbert Reuter in verdi news 2/2021 vom 13.02.2021 – Wider den Hype um die Digitalisierung, S.8

Michael Lausberg am 21.03.2021 in scharf links – hier unter Buch 2

Philipp Blees in OXI 2021/04, Tanz mit der Maschine – Die Debatte über Potenzial und Gefahr der Digitalisierung geht in die nächste Runde, S. 23 – leider nicht online verfügbar

Peter Kempin und Wolfgang Neuhaus am 26.12.2022 im OVERTON Magazin,
Die fortschreitende Potenzierung der Produktivkräfte

Holger Benkel am 27.02.2023 auf KUNO – Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie,
auswege aus dem kapitalozän?

Das war’s für dieses Mal,
kommen Sie gut durch diese krisenhaften Zeiten,
trotzdem viel Spaß beim Lesen und Denken, Ihr

Nick H. aka Joachim Paul (Hg.)

Veröffentlicht unter Persönliche Blogposts

ChatGPT – Wortkettenkondensierer und gebrochener Spiegel

… ist der nicht mehr ganz so neue hot shit aus dem Valley, der das Performance-Wettrennen der textgenerierenden künstlichen Intelligenzen eröffnet hat. Bin ich jetzt direkt betroffen, etwa mein Job, oder ist es Zeit für Popcorn? Das ist die Frage.

AI generated by Alexandra Koch – via Pixabay

Unter dem Titel Wettlauf der Gehirne textet der Aufmacher der Ausgabe 2023/10 von DER SPIEGEL in der Rubrik DISRUPTION „Der Hype um künstliche Intelligenz hat einen gnadenlosen Machtkampf ausgelöst. Google und Microsoft streiten um die Vorherrschaft im Silicon Valley, China und die USA um die Technologieführerschaft in der Welt. Und Europa? Diskutiert.“

Der Seitenhieb auf die europäische Untätigkeit ist natürlich ein Muss für jedes neoliberale Warnmedium. Ja echt! Wir könnten uns wirklich ein bisschen mehr Mühe geben mit KI, deren Systeme übrigens unfassbar viel Energie und Rechenpower fressen. Aber andererseits braucht’s da keine falsche Bescheidenheit, denn …

ohne die Lithographiemaschinen und Laser des niederländischen Unternehmens ASML und die Präzisionsspiegel von Trumpf und Carl Zeiss geht auch im Silicon Valley nichts – zumindest nichts Neues. Über die Firmen berichtete unlängst ein preisgekrönter, spannender Beitrag aus WELT AM SONNTAG.

Die aktuell so gehypte KI ChatGPT ist ein zum Dialog/ Textaustausch fähiger Chatbot, der – zusammengefasst und verkürzt dargestellt – auf der Basis von 175 Milliarden Parametern Wortketten anhand von statistischen Wahrscheinlichkeiten berechnet. Die Antworten, die der Chatbot liefert, haben daher keinen Anspruch auf Wahrheit. Es können auch keine konkreten Quellen der Statements benannt werden. Die Textproduktionen sind somit Verdichtungen, quasi Kondensate der in den Trainigsdaten enthaltenen Texte. Das meiste Trainingsmaterial stammt aus dem Website-Sammler Common Crawl.

Die Textkondensate können daher auch als Halluzinate bezeichnet werden. Künstliche Intelligenzen können halluzinieren, dieser Sprachgebrauch unter Informatikern ist recht neu.

Hier eine Anfrage an ChatGPT vom 31.01.2023
Guten Tag. Was könnte die philosophische Bedeutung des Konzeptes Schattenbahnhof sein?
(Anmerkung: Wer das wissen will, erhält eine halbwegs zufriedenstellende Antwort in der deutschsprachigen Wikipedia.)

Antwort ChatGPT:

Das Konzept eines Schattenbahnhofs ist in der Philosophie nicht ausdrücklich definiert. Es könnte jedoch eine Metapher sein, um die Bedeutung von Dingen, die im Verborgenen existieren, aber trotzdem Einfluss haben, zu erklären. Es kann auch eine Analogie sein, um die Notwendigkeit von offenbarten und verborgenen Aspekten des Lebens oder die Rolle, die das Unbewusste in unseren Entscheidungen spielt, zu veranschaulichen.

Das ist natürlich totaler Quatsch, gleichwohl ziemlich beeindruckend, da es auf den ersten Blick Kreativität suggeriert. Und ganz blöd ist die Antwort ja nicht. Mein Sohn hatte bislang die weitaus besseren Ideen, insbesondere was Aufforderungen an den Bot angeht, Dialoge zu produzieren. Hier sein Beispiel vom 10.02.2023

Bitte erkläre Gödels Unvollständigkeitssatz im Stil der Dialoge eines Bud-Spencer Films.

Klar, aber zunächst müssen wir sicherstellen, dass wir dasselbe verstehen. Du sprichst von Gödels Unvollständigkeitssatz, richtig?

Ja, genau das meine ich.

Okay, gut. Also, stell dir vor, du hast eine Mathematikbibliothek mit Büchern, die alle möglichen Aussagen über die Mathematik enthalten.

Ja, ich kann mir das vorstellen.

Gut, also der Gödel-Typ kommt zu uns und sagt: „Hört mal zu, Freunde. Es gibt ein Problem mit eurem System. Ihr könnt nicht beweisen, dass alle wahren Aussagen über die Mathematik auch in euren Büchern stehen.“

Warte mal, was soll das heißen? Kannst du das noch mal erklären?

Ja, klar. Gödel sagt, dass es immer wahre Aussagen in der Mathematik geben wird, die nicht bewiesen werden können, indem man nur die Regeln und Axiome verwendet, die in der Mathematikbibliothek festgelegt sind. Es ist eine Art „Loch“ im System.

Verstehe ich das richtig? Du sagst, dass es immer wahre Aussagen geben wird, die wir nicht beweisen können?

Genau das sagt Gödels Unvollständigkeitssatz. Und das ist eines der bekanntesten Ergebnisse in der Mathematik und Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Auch hier wieder der Anschein von Kreativität. Wer die beiden Schauspieler und ihre Filme noch kennt, kann den sich o.g. Text mit entsprechenden Stimmen vorgetragen, gleich als Diskussion an irgendeiner verlotterten Bar vorstellen. Das ist wirklich lustig. Man kann also mit dem Bot Spaß haben.

Und das sollten wir auch, anders als irgendwelche selbsternannten KriegerInnen des Humanen, für die die technologischen Outputs des Silicon Valley ausschließlich Ergüsse des militärisch-industriellen Komplexes sind mit dem Ziel der Zersetzung von Freiheit und Demokratie. Das unter diesen Leuten beliebteste Gruselwort ist Kybernetik, der Begriff wird gern missbraucht für alles nur erdenkliche Böse. Und informationstechnologische Abbildungen neuronaler – besser neuromorpher – Netzwerke, so wie ChatGPT eines ist, haben natürlich im weiteren Sinne mit Kybernetik zu tun.

Diese Maschinen werden uns bestimmen, sagt nun die österreichische Historikerin Andrea Komlosy, die sich zur Untermauerung Ihrer Behauptungen eines nicht allgemeinen, sondern eng historisch – und militärisch! – gefassten Begriffs der Kybernetik bedient. Und sie ist nicht die einzige.

Ganz im Gegensatz dazu fragt Peter Sloterdijk in seinem Essay Götterdämmerung mit Emphase [1]:

Müssen wir uns wirklich mit der Suggestion befassen, die Erfinder der Künstlichen Intelligenz hätten sich in die freigewordene Position des Macher-Gottes gedrängt?

[…] Was sollen wir den seit Jahrhunderten aufflammenden antimodernen Hysterien antworten, die unterstellen, der Mensch möchte „werden wie Gott“?

[…] Nicht wenige der klügsten unter den geistig virulenten Zeitgenossen – nennen wir Hawking und Hariri anstelle von einigen Nennenswerten – drücken ihre spirituellen Sorgen in der Vision von der Überwältigung der Menschen durch ihre digitalen Golems aus.

[…] Die Konsequenzen des immer rascheren Abfließens von Menschenreflexionen in Maschinenreflexionen sind unabsehbar. Gegenbewegungen bezeugen ihren Protest. Man wird Staudämme bauen gegen die Fluten externalisierter Intelligenz.

Diesen Staudamm-Bauern hält der Philosoph ein Zitat desjenigen Denkers entgegen, der laut Sloterdijk das Phänomen der künstlichen Intelligenz früher und durchdringender als alle Zeitgenossen reflektiert hatte, Gotthard Günther. Am Ende seines Aufsatzes Seele und Maschine aus dem Jahr 1956 schrieb Günther:

Die Kritiker, die beklagen, daß die Maschine uns unsere Seele „raubt“, sind im Irrtum. Eine intensivere, sich in größere Tiefen erhellende Innerlichkeit stößt hier mit souveräner Gebärde ihre gleichgültig gewordenen, zu bloßen Mechanismen heruntergesunkenen Formen der Reflexion von sich ab, um sich selber in einer tieferen Spiritualität zu bestätigen. Und die Lehre dieses geschichtlichen Prozesses? Wieviel das Subjekt von seiner Reflexion auch an den Mechanismus abgibt, es wird dadurch nur reicher, weil ihm aus einer unerschöpflichen und bodenlosen Innerlichkeit immer neue Kräfte der Reflexion zufließen.[2]

Genau jene Innerlichkeit zeigte sich unlängst in einer Rede, betitelt mit Soziale Energie, die der Schriftsteller Rainald Goetz im Wissenschaftskolleg in Berlin hielt und die in DIE ZEIT abgedruckt wurde. Der Autor feierte darin das Medium Zeitung und die Prozesse der Textproduktion. Man muss da nicht mit dem Redner konform gehen, aber sein Beitrag entspringt einer holistischen Denkkultur, für die Sprache weit mehr als ein Instrument zur Informationsübermittlung sondern eher eine Art Wahrnehmungsorgan ist. Er spricht von der inneren

HYSTERIEENERGIE, die der Geist in jedem Aktivisten braucht und hervorbringt, wenn schriftliche Dokumente dessen entstehen sollen, was die Sprünge der Gedanken, die schauhafte Vielfalt von gleichzeitig eingesehenen Aspekten im Augenblick des Verstehens einer Sache, die kaskadenhafte Folge von explizierenden Schritten der Darlegung von Argumenten, die diese Augenblicke von Erkenntnis nachvollziehbar machen, was geistige Arbeit in ihrer ganzen Wirrheit und Irrheit, zugleich hochrational, als Praxis ist …

Selbstredend ist ChatGPT im Gegensatz zu dieser Form von Textproduktion ein statistischer Zusammenklöppler von Wortketten, nichts weiter. Dies aber mit einer irren Rechenpower, die Menschen zweifellos abgeht. Ein Werkzeug, und nicht weiter nichts, sondern ein Werkzeug, dessen Gebrauch uns verändern wird.

In einem Gespräch mit Gerhard Johann Lischka 1988 spricht der Medienphilosoph Vilém Flusser über unsere Beziehung zu Werkzeugen:

Wenn ein neues Werkzeug hergestellt wird, dann wird es aus Gründen hergestellt, die die zur Zeit herrschende Lage erfordert. Die Absicht, mit der ein Werkzeug erfunden wird, geht diesem also voraus; aber wenn das Werkzeug einmal hergestellt ist und sich der Geist in dieser Form objektiviert hat, so entsteht ein Feedback. Zuerst imitiert der Mensch sich in der Welt, und dann imitiert er seine eigenen Imitationen. In diesem Kreis verändert sich der Mensch. Das Werkzeug beginnt, in einer ganz anderen Funktion gesehen zu werden als jener, fiir die es ursprünglich hergestellt wurde. Diejenigen, die an die ursprüngliche Absicht sich klammern, sehen
im Werkzeug nur Gefahren, aber diejenigen, die ein wenig darüber hinaussehen, erkennen im Werkzeug auszubeutende Möglichkeiten.[3]

Wir müssen also erstmal endecken, was wir da erfunden haben. Konrad Zuse sagte einmal, er habe seine Z3 konstruiert, weil er zu faul zum Rechnen sei. Und heute?

Niemand wird bestreiten, dass neue Technologien auch Gefahren bedeuten können. Aber eben nicht nur. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass jedwede Technik ein fraktaler Spiegel ist, in den wir schauen. Die Technik ist von uns.

Der US-Talkmaster John Oliver ist eine gute Adresse. Nicht nur für Humor. Ab etwa Minute 24 fordert er dazu auf, dass wir das black box problem bei computergenerierten neuronalen Netzen angehen sollten.

Viel Spaß, Nick H. aka Joachim Paul

Quellen

[1] Peter Sloterdijk, Götterdämmerung, in: Nach Gott, Frankfurt a. M. 2017, S. 7 – 30

[2] Gotthard Günther, Seele und Maschine, Erstveröffentlichung in: Augenblick Bd. 3, 1955, Heft 1, S. 1-16, abgedruckt in: „Beiträge zu einer operationsfähigen Dialektik“, Band 1, p.75-90, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1976. Online: https://www.vordenker.de/ggphilosophy/gg_seele-maschine.pdf

[3] Vilém Flusser: Zwiegespräche: Interviews 1967-1991 / Vilém Flusser. Hrsg. von Klaus Sander. – Gottingen: European Photography, 1996, S. 34-40

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